CARSTENS RÜCKBLICK AUFS SOUTHSIDE FESTIVAL, 18.-20.06.2010, Neuhausen ob Eck

Als allererstes muss ich mir mal eben selbst auf die Schulter klopfen. Es gab Komplikationen mit meinem Festivalticket, ich habe drei Tage in Dreck und Schlamm gelebt, habe Regen und Kälte getrotzt, bin beklaut worden – und trotzdem: Meine gute Laune hat nie wirklich gelitten. Das Durchhalten hat sich gelohnt, denn das Southside war wie die Jahre zuvor ein echter Knüller.

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Foto: Carsten Weirich

18.06.2010
Gut gelaunt mache ich mich morgens daran, meine Sachen zu packen. Das ist mein neuntes Southside-Festival und zum allerersten Mal habe ich mich wettertechnisch vorbereitet. Vor allem die eigens hierfür gekauften Gummistiefel werden später noch mein wichtigstes Utensil werden. Allerdings macht mir eines ernsthaft Sorgen: Ich finde das gottverdammte Festivalticket nicht. Stundenlange Schubladendurchkramerei hilft nichts, es ist weg. Die letzte Rettung ist meine gute Freundin Sandra, die noch ein Ticket über hat und selbst erst am Samstag kommen will (diesen Plan wird sie später wegen des Wetters übrigens verwerfen). Also schnell noch die Karte abgeholt, und es kann losgehen. Fast. Jetzt hat mein Mitstreiter Imre entdeckt, dass Wasser in sein Auto läuft. Kurz entschlossen muss also noch das Auto mit dem seiner Eltern getauscht werden. Danach geht es dann aber wirklich los. Wir kommen prima durch, weil wir ja auf Grund der Komplikationen das Deutschland-Spiel verpassen, das wir eigentlich auf dem Gelände sehen wollten. Im Nachhinein werden wir erfahren, dass das vielleicht besser für unsere Nerven war.

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Foto: Carsten Weirich

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Foto: Mona Martin

In Neuhausen angekommen wird eines schnell klar. Um hier drei Tage lang durchzuhalten, muss man sein Sauberkeitsempfinden wirklich extrem zurückschrauben. Zum Glück ist der Mensch aber äußerst anpassungsfähig. Vollgepackt wie die Vollidioten waten wir also knöcheltief durch den Schlamm, vorbei an Menschen, denen die Strapazen ins Gesicht geschrieben sind. Und vorbei an den anderen, die sich glücklich wie Kinder, nur in Unterhosen bekleidet im Schlamm suhlen. „Abstand halten“ hämmert es in meinem Kopf. Die sind betrunken, voll mit Matsch und übermütig – also potenziell gefährlich! Zu oft schon habe ich schon gesehen wie saubere Neuankömmlinge mit fliegenden Matschladungen begrüßt oder gleich direkt besprungen wurden.

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Foto: Mona Martin

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Foto: Carsten Weirich

Auf dem Weg zu unseren Zelten bietet sich uns das übliche Festival-Bild. Grölende Betrunkene, extravagante – angenehm bis unangenehm durchgeknallte – Selbstdarsteller und jede Menge gut gelaunte Gesichter. Manche hatten Glück mit ihrem Platz und haben noch ein wenig schlammigen, aber festen Boden unter ihrem Zelt. Andere hat es mal echt böse erwischt. Sie werden die nächsten drei Tage im knöcheltiefen, dünnflüssigen Schlamm leben. Es mir ein Rätsel, wie selbst die gute Laune haben könne. Der alljährliche Festivaltiefpunkt (der stramme Marsch vom Auto bis zum Zelt) liegt hinter uns. Ab jetzt ist gute Laune angesagt. Die Zeit bis zur ersten Band, die ich sehen will, wird mit Entspannen und Warmtrinken verbracht. Und immerhin: sogar die Sonne lässt sich blicken.

Florence And The Machine

Fotos: Steffen Schmid

Gegen 19 Uhr geht es dann zur Blue Stage zu Florence & The Machine, meinem ersten Festival-Highlight. Ich kenne nicht wirklich viele ihrer Songs, aber die wenigen, die ich kenne, haben mich beeindruckt. Was die Londonerin Florence Welch dann auf der Bühne abliefert, begeistert mich. Barfuß und mit einer tollen Stimme gesegnet, hat sie das Publikum fest im Griff. Mal leise flüsternd, mal laut kreischend tanzt sie über die Bühne. Neben mir ruft eine sichtlich genervte Zuschauerin „Oh seht her, ich bin eine Fee.“ Stimmt, irgendwie feengleich und zerbrechlich wirkt Florence trotz ihrer starken Stimme. Den Hype um ihre Musik hat sie sich wahrlich verdient. Mir gefällt ihr Indie-Pop, den meisten anderen auch, der jungen Dame neben mir eher nicht. Ich konnte aber sowieso noch nie verstehen, wie man sich bei einem Festival angenervt eine Band anschauen kann, die man nicht mag. Es spielen so viele tolle Bands, dass ich es nicht mal zu allen schaffe, die ich gern sehen will. Warum also dann welche anschauen, um mich aufzuregen? Aber manche Menschen brauchen das wohl.
Die Pause auf der Blue Stage reicht, um sich mal kurz um seinen Tetrapack zu kümmern.

Archive

Fotos: Steffen Schmid

Die Stimmung wird immer ausgelassener, meine Freunde und ich nehmen uns immer öfter in den Arm. Wir freuen uns auf die ebenfalls aus London stammenden Archive. Und auch die enttäuschen nicht. Angenehm kauzig und sperrig ist die Musik der Progressive-Rocker auch live. Ihr ganz eigener Mix aus elektronischen Klängen und rockigen Gitarren lässt sich schwer beschreiben und zieht uns in seinen Bann. Der Alkohol ist sicher auch nicht ganz unschuldig daran, dass die Beine ordentlich mitwippen und die Textstellen, die man kennt, lauthals und wahrscheinlich ziemlich schief mitgesungen werden. Mein Southside Festival kommt langsam richtig in Schwung.

The XX

Fotos: Steffen Schmid

Weit weg bewegen muss ich mich nach Archive zum Glück nicht. Denn auch The XX spielen auf der Blue Stage. Und auf deren Auftritt habe ich mich riesig gefreut. Anfang des Jahres habe ich die Londoner im LKA gesehen und war auch da schon begeistert. Da die Meinungen aber noch ziemlich auseinander gingen, war ich gespannt, wie sie sich auf einem großen Festival schlagen. Das Trio, das unglaublicherweise als Schülerband begonnen hat, Musik zu machen, legt einen mehr als souveränen Auftritt hin. Den wunderschönen und ruhigen Wechselgesang von Romy Madley Croft und Oliver Sim open air zu erleben, ist grandios. Alles andere als nüchtern, über einem der freie Himmel, die besten Freunde um einen herum und eine Band wie The XX auf der Bühne – das sind die allerschönsten Momente und mit der Grund, warum ich hier bin. Zerbrechlich und intim sind die Songs ihres Debutalbums. Die Zuschauer wissen das zu schätzen. Um mich herum tanzen viele mit einem Lächeln im Gesicht und geschlossenen Augen. Unglaublich schön.

Jetzt zollen aber die Strapazen des Tages und der Inhalt meines Tetrapacks seinen Tribut. Ich bin für heute erledigt, mein Schlafsack wartet. Ja mein Gott, ich bin halt nicht mehr 20 Jahre alt. Geistige Notiz für nächstes Jahr: Whisky pur bringt einen manchmal schneller ans Ziel als einem lieb ist.

19.06.2010
Einigermaßen ausgeschlafen und ausgenüchtert wache ich am Samstagmorgen auf. Jetzt heißt es erst mal wieder in die Spur zu finden. Rührei und Kaffee vom Frühstücksstand helfen dabei. Nur das Wetter entwickelt sich so gar nicht gut. Es regnet, und es sieht nicht so aus, als ob sich das so schnell ändern würde. Der Himmel ist einfach nur grau. Gottseidank haben wir kurz vor der Abfahrt noch auf die Schnelle einen billigen Pavillon gekauft. Der macht sich jetzt bezahlt. Ansonsten wird die Zwiebeltaktik angewandt. Mehrere Schichten Klamotten halten warm. Mich zumindest. Zwei meiner Freunde haben mittags schon die Schnauze voll. Sie beschließen auf zwei weitere Tage guter Musik und voller Becher zu verzichten und die Heimreise anzutreten. Weicheier.

The Gaslight Anthem

Fotos: Steffen Schmid

Denn als The Gaslight Anthem auf der Green Stage spielen, hat es endlich aufgehört zu regnen. Die US-Amerikaner aus New Jersey steigern meine Laune sogar noch weiter. Erinnert mich manchmal ein bisschen an Social Distortion, was die Mannen um den schwer tätowierten Sänger Brian Fallon da spielen. Viel Punkrock, ein wenig Blues und gute Laune höre ich da raus. Mir gefällt das richtig gut und ich komme in Tanzlaune. Isa, eine Freundin wird später sagen: „Ist wohl eher so ein Männerding.“ Mag sein, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass auch die ein oder andere Festivalbesucherin der Musik von Gaslight Anthem und den charmanten Ansagen des spitzbübisch grinsenden Sängers gegenüber nicht ganz abgeneigt sein werden. Die Amis machen richtig guten Punkrock, nicht mehr und nicht weniger.

Als wir zurück am Zelt sind und ich mittels Ipod und Minianlage für ein wenig musikalische Untermalung sorgen will, überfällt mich für ein paar Minuten der blanke Hass. Irgendein gottverfluchtes Arschloch hat mir doch tatsächlich meinen Proviantrucksack aus dem Zelt geklaut. Mein kompletter Alkoholvorrat, meine Snacks für zwischendurch und leider auch mein musikalisches Equipment ist weg. Ich sehe die Penner vor meinem inneren Auge irgendwo gemütlich sitzen, Glenfiddich trinken, Maultaschen essen und richtig gute Musik von meinem Ipod hören. Die nächsten fünf Minuten schwelge ich in unaussprechlichen Gewaltfantasien, in denen ich mir vorstelle, wie ich den Dieb auf frischer Tat erwische. Dann habe ich mich aber auch wieder eingekriegt. Hilft ja nichts. Das Leben und auch das Southside Festival gehen weiter.

Phoenix

Fotos: Steffen Schmid

Erst mal wird noch ein bisschen am Zelt relaxt. Und irgendwie lernt man ja sogar da neue Leute kennen. Der ein oder andere ist ganz nett. Anderen muss man mit Nachdruck erklären, dass die Vibes nicht so richtig rumgekommen sind, und sie den nächsten nerven gehen sollen. Um 19 Uhr gehen wir dann auf Anraten eines Freundes zu Phoenix. Zwei Songs kenne ich aus dem Radio und vor allem „1901“ hat es mir angetan. Live finde ich die Franzosen ganz nett, aber so richtig reißt mich ihr Indie-Poprock heute nicht vom Hocker. Scheinen aber ganz gut anzukommen bei den Leuten. Immerhin spielen sie auch ihren besten Song, und das freut mich dann doch sehr.

Im Anschluss will ich mir Kap Bambino anschauen. Noch nie gehört, aber was da im Festivalprogramm steht, klingt gut. Sie sollen sich mit einem Wort beschreiben lassen: Explosion. Ein Punkrockabkömmling sollen sie sein, der das analoge Zeitalter hinter sich gelassen hat. Hat mich jedenfalls neugierig gemacht. Als wir das Zelt der White Stage betreten, wummert ein harter elektronischer Beat aus den Boxen. Wenige Sekunden später betritt Frontfrau Caroline Martial die Bühne und dann geht einfach nur noch die Post ab.

Was das französische Duo da abliefert ist wuchtige Elektro-Anarchie im Stil von Atari Teenage Riot. Der Beat ist hart, extrem tanzbar und geht sofort in die Beine. Caroline Martial brüllt das Publikum an, springt über die Bühne wie ein angeschossenes Wildschwein, schmeißt sich auf den Boden, kreischt ins Mikrofon und ist einfach Energie pur. Uns und viele andere reißt das mit und wir tanzen was das Zeug hält. Und zum ersten Mal komme ich ins Schwitzen. Um auch um mich herum tanzen die Leute teilweise mit entrückt verzücktem Gesichtsausdruck. Ein echter Hammer, welch freudige Überraschung. Ich nehme mir fest vor, mir einen Tonträger von Kap Bambino zuzulegen. Wobei ich nicht weiß, ob der Sound auf einem Tonträger überhaupt funktioniert. Live aber auf alle Fälle eine echte Granate.

Schon so richtig in Elektro-Stimmung gerockt, freue ich mich wie Sau auf The Prodigy. Schließlich sind die Briten eine echte Legende. Ihren Stil zu beschreiben ist schwer. Weil sich der in fast 20 Jahren Bandgeschichte erstens stark verändert hat und er zweitens sowieso schon immer schwer zu beschreiben war. Acid House, Techno, Drum’n’Bass, Trip Hop, Alternative, Rock, Punk… irgendwie ist da vieles mit dabei. Eine Freude sie auf dem Southside zu sehen. Nur irgendwie will der Funke dann doch nicht so recht überspringen. Während ich mich nach den ersten zwei Songs frage, was da nicht stimmt, kommen hinter mir „Lauter, lauter!“-Sprechchöre auf.

Na klar, der Sound ist viel zu leise. Die wuchtige Energie, die man sonst von Prodigy gewohnt ist, kommt nicht rüber. Keith Flint und Keith Palmer, die beiden charismatisch und finster aussehenden Sänger, versuchen Stimmung zu machen. In den vorderen Reihen scheint das zu gelingen. Da wird ordentlich getanzt. Weiter hinten scheint die Energie aber zu verpuffen. Ich bin recht schnell gelangweilt und will weiter.

Auf der Red Stage sehen wir uns Tegan & Sara an. Die kanadischen Zwillinge spielen zuckersüßen Indie-Poprock und sind selbst ganz erstaunt, dass das Zelt fast voll ist, obwohl gleichzeitig The Prodigy und die Beatsteaks spielen. Die Fans sind ob so viel Anerkennung natürlich begeistert. Die Musik von Tegan & Sara ist unspektakulär, aber schön und macht gute Laune. Wir tänzeln zu Hits wie „Back in your head“ mit. Die im Festivalprogramm erwähnten, kratzigen Indie-Bretter habe ich zwar nicht entdeckt, aber eigentlich auch nicht wirklich erwartet.

Für heute lasse ich es mit Livemusik gut sein. Mal wieder nicht mehr so ganz nüchtern verschlägt es meine Mitstreiterin Cathrin und mich ins Discozelt. Gute Wahl, denn hier spielen sie einfach nur Gute-Laune-Musik. Ideal zum Abtanzen. Als ich gerade wieder Durst bekomme, kommt ein Typ aus der tanzenden Menge heraus auf mich zugesteppt, legt seinen Arm um mich und drückt mir seinen Caipirinha in die Hand. Nachdem ich einen ordentlichen Schluck getrunken habe, klopft er mir noch mal auf die Schulter und verschwindet gemütlich absteppend wieder im Gewühl. Nette Momente sowas. Wir tanzen bis uns nachts irgendwann die Puste ausgeht. Die Nacht im Zelt wird bitterkalt werden.

20.06.2010
Der Sonntagmorgen beginnt genau wie der Samstagmorgen. Verpeilt und mit Kaffee und Rührei. Und langsam keimt in mir ein finsterer Verdacht auf. Ich werde es wohl nicht schaffen drei Tage lang dem Horror namens Dixi-Klo fernzubleiben. Gut ist nur, dass die Überwindung nicht mehr so schwer fällt, wenn man kurz vor dem Magenkrampf steht.

Das Festivalgelände sieht langsam echt grausam aus. Überall Matsch, tiefe Lehmpfützen, Müll und Dreck. Ich muss an den Typen denken, den ich gestern kennen gelernt habe. Er meinte, ich solle mir mal vorstellen, wie es wäre, wenn das Southside gar kein Festival wäre, sondern ein Ghetto, in dem wir alle für immer eingesperrt wären. Die Bands würden nur spielen um die Menschen ruhig zu halten und Aufstände zu vermeiden. Übel.

Meinen musikalischen Beginn machen heute die New Yorker Progressive-Rocker von Coheed & Cambria. Die sind nicht zum ersten Mal auf dem Southside, bisher habe ich sie aber immer verpasst. Ihre vier zusammenhängenden Konzeptalben erzählen die Geschichte des Paares Coheed und Cambria, die in einer futuristischen Welt ums Überleben kämpfen. Klingt seltsam, ist aber einfach nur gut. Und auch live zeigen die Amis was sie drauf haben. Vom Frontmann sieht man meistens nur eine Lockenpracht, die selbst Sideshow Bob von den Simpsons neidisch machen würde, während er die teilweise düsteren, energiegeladenen Stücke zum Besten gibt. Unsere Gummistiefel stampfen dazu im Rhythmus durch den Matsch.

Biffy Clyro

Fotos: Steffen Schmid

Gleich im Anschluss betreten die Schotten Biffy Clyro die Green Stage. Jetzt wird es ein bisschen flotter. Post-Hardcore wird ihr Sound manchmal genannt. Jedenfalls ist er rockig, laut und reißt ganz gut mit. Sänger Simon Neal beginnt den Gig seiner Band oben ohne. Okay, solch ein tätowiertes Gesamtkunstwerk zeigt man wohl auch gern. Mir wäre das eindeutig zu kalt gewesen. Biffy Clyro machen Stimmung und warme Füße. Die Fans grölen Songs wie „Mountains“ laut mit und tanzen was das Zeug hält. Vor allem meine Mitstreiterin Mona grinst selig vor sich hin. Nicht zuletzt wegen des nackten Oberkörpers von Sänger Neal, wie sie später zugeben wird.

Mich zieht es weiter zur Blue Stage, wo Jennifer Rostock jetzt beginnen. Ich musste schon viel Spott von Freunden ertragen, weil ich Konzerte der Berliner ganz gut finde. Die Mischung aus NDW, Punkrock und Pop gefällt mir ganz gut. Wie ein Soundtrack zu einer Teenie-Party eben. Meine Frau sagt, um mich zu ärgern, immer, dass ihre Balladen auch von Silbermond sein könnten. Spätestens der Auftritt der Sängerin Jennifer Weist beim perfekten Promi-Dinner auf VOX hat mir aber eines klar gemacht: die Frau würde für ein paar verkaufte Alben mehr so ziemlich alles machen.

Egal, das Southside-Publikum freut sich auf sie. Hauptsächlich sehr junge Leute stehen dicht gedrängt vor der Bühne und hüpfen vom ersten Takt an mit was das Zeug hält. Sängerin Jennifer Weist hat das Publikum im Griff. Sie huldigt dem Whisky, zeigt viel nackte und tätowierte Haut und holt auch mal einen männlichen Fan auf die Bühne, dem sie als Dank dafür, dass er ein Lied lang dem Publikum den wackelnden Arsch präsentiert hat, mal ordentlich in den Schritt greift. Ob es kalkuliert provokativ oder einfach nur ein Versehen war, dass beim breitbeinig in die Hocke gehen die sowieso schon knapp sitzende Hotpants verrutscht, weiß ich nicht. Die Mädels um mich rum können es jedenfalls kaum fassen und lachen lauthals und begeistert los, während eine andere „Mein Gott ist die assi“ ruft. Ordentlich was los auf der Bühne ist bei Jennifer Rostock immer. Ob man die Band als ernsthafte Künstler respektiert, steht auf einem anderen Blatt.

Danko Jones

Fotos: Steffen Schmid

Ich schaue mir noch die White Lies an, freue mich aber vor allem auf Danko Jones. Und was der dann auf der Blue Stage abliefert ist wie immer ganz großes Kino. Der Kanadier ist einfach ein charmanter Drecksack, der rockt was das Zeug hält. Rotzig, großmaulig und immer mit einem zwinkernden Auge preist er sich selbst an und erzählt davon, wie er den Rockolymp erklimmt und die Hände seiner toten Idole hält, während alle zu ihm aufschauen, die ihm irgendwann mal dumm gekommen sind. Besonders wichtig ist es ihm neben Größen wie den Ramones, James Brown, Johnny Cash und vielen anderen vor allem einem zu huldigen: Ronnie James Dio. Tosender Applaus kommt auf, während ich mich frage, ob die überhaupt alle wissen wer Ronnie James Dio war. Wir tanzen jedenfalls wie bescheuert durch den Matsch während Danko Jones seine Show mit seinem Mantra „This hearts gets stronger, this skin gets thicker, this mouth gets louder“ beendet. Spitzen Typ dieser Kanadier.

Bonaparte

Fotos: Steffen Schmid

Eigentlich wollen wir uns danach Bonaparte anschauen, aber das Zelt der Red Stage ist so vollgestopft voll, dass wir den Plan verwerfen. Schade, aber das Leben ist nun mal kein Ponyhof.

Porcupine Tree

Fotos: Steffen Schmid

Wir schlürfen noch gemütlich einen Mai Tai, schauen uns von recht weit hinten die gewohnt wunderschön sphärische Show von Porcupine Tree an und machen uns dann langsam auf den Heimweg. Ein letztes Mal führt unser Weg durch Schlamm und Dreck, vorbei an verlassenen, total eingesauten Zelten und Müllbergen. Am Auto angekommen werden die letzten sauberen Sachen angezogen, die Gummistiefel zurückgelassen und fünf Minuten später schlafe ich auf der Rückbank ein. Das Southside war wie immer ein Erlebnis und hat mir viele schöne Momente beschert. Die weniger schönen verdränge ich einfach. Damit ich nächstes Jahr wieder komme.

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Fotos: Steffen Schmid

7 Gedanken zu „CARSTENS RÜCKBLICK AUFS SOUTHSIDE FESTIVAL, 18.-20.06.2010, Neuhausen ob Eck

  • 22. Juni 2010 um 21:41
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    Chapeau Carsten!
    Geb dir 100% Recht. Vor der Bühne stehen und rummaulen, was soll denn das bitte?
    Und dem Dieb hab ich schon paar apulische Flüche auf dem Weg gegeben. Nur soviel, es hat was mit Hämorrhoiden zu tun…

  • 22. Juni 2010 um 22:00
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    erst Ticket weg, dann iPod weg, Bier-Raub, Wetter ganz schlimm und Du schreibst hier trotzdem einen super klasse Rückblick, unfassbar!! Du bist echt Vollprofi!!
    Hab ich sehr gerne gelesen, vielen Dank!! Und ich habe eine Namensvetterin, juhu, hallo andere Cathrin, wer bist Du denn? :)

  • 22. Juni 2010 um 22:19
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    Freunden wurde letztes Jahr am letzten Abend als wir Kraftwerk gucken waren das Zelt aufgeschlitzt. Nicht viel geklaut aber die Klamotten im Umkreis von 10m im Regen verstreut. Hatten sicherlich ähnliche Gewaltfantasien.

    The Prodigy fand ich das mit Abstand schlechteste Konzert des Wochenendes, nicht nur des schlechten Sounds wegen. Zum Glück bin ich dann doch ins kleine Zelt rüber zu FM Belfast (die ich nur auf Grund des Iceland Airwaves Artikels hier im Gig-Blog kannte :), die die Hütte dann aber sowas von abgefackelten, großartig…

  • 22. Juni 2010 um 22:53
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    FM Belfast!!! Die viiiiiel bessere Wahl… toll, dass du die durch den gig-blog kennst. Mission accomplished.

  • 22. Juni 2010 um 23:29
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    Lino, Danke für den Hämorrhoiden-Fluch! Meine Flüche gingen aber eher so in Richtung „Saw“!… ;o) Danke für das Lob. Tsja Cathrin, was soll man machen: das Leben geht weiter. Mund abwischen, weitermachen! Und Stegoe: FM Belfast muss ich wohl mal reinhören.

  • 23. Juni 2010 um 09:32
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    G-R-O-S-S-A-R-T-I-G !-!-!

    Ohne Matsch mit dabei… naja, vielleicht nicht ganz.

    Die Ghetto-Fantasie ist super, v.a. als Fantasy-Film-Fest-Gänger tun sich da in meinem Kopf Plot-Abgründe auf…

    Auch sehr schön: „Vollgepackt wie die Vollidioten“

  • 25. Juni 2010 um 07:43
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    Ja dann Herr Primus, geh doch mal unter die Filmschaffenden. Fand die Idee auch super. Könnte man was draus machen. Aufgeschlitzte Diebe, Dixi-Klo-Massaker, vergiftete Hotdogs, Matschmorde…

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