ENSEMBLE PODIUM ESSLINGEN „INCANTATIE IV“, 11.01.2020, Merlin, Stuttgart

ENSEMBLE PODIUM ESSLINGEN, INCANTATIE IV, 11.01.2020, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Ist es ein Zeichen musikalischer Übersättigung? Immer häufiger zieht’s mich zu Konzerten jenseits der ausgetretenen Pfade. Sei es Doom Drone, Postrock als Soundtrack, Minimal Space-Kraut aus Chile oder koreanischer Krach – je extremer, desto größer ist meine Neugier. Und in diesem Zusammenhang ist mir das äußerst rege PODIUM Esslingen schon mehrfach aufgefallen. Vor elf Jahren aus einem Kammermusikfestival entstanden, bringt diese junge Plattform immer wieder experimentelles aus den Grenzbereichen zwischen Klassik, zeitgenössischer Musik und Elektronik auf verschiedene Bühnen. Und mit der Ankündigung, ein Minimal Music Event in einem unserer zweiten Wohnzimmer, dem Merlin, zu veranstalten, ergibt sich endlich die Möglichkeit, etwas vom PODIUM live zu sehen.

ENSEMBLE PODIUM ESSLINGEN, INCANTATIE IV, 11.01.2020, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

„Incantatie IV“ steht auf dem Programm. Ein Stück des 2012 verstorbenen Niederländers Simeon ten Holt. Wie Cellist Steven Walter in seiner kurzen Einleitung erklärt, sei der Ruhm dieses Komponisten eher überschaubar, bestenfalls in Holland habe er es zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Das Ensemble des PODIUM Esslingen hat ihn allerdings schon früher für sich entdeckt und bereits letztes Jahr sein Opus Magnum „Canto Ostinato“ aufgeführt. (Schade, dass wir das verpasst haben!) Spannend ist, dass ten Holt den Aufführenden so elementare Dinge wie Tonart, Klangfarbe, Spielmodus, Tempo und Besetzung freistellt. Und so hat der Pianist Mathias Susaas Halvorsen das Stück, das ursprünglich mit drei Klavieren aufgeführt wurde, neu arrangiert. Und zwar für Klavier, Kontrabass, Cello, Geige und Klarinette.

Da das Stück mit gut eindreiviertel Stunden ohne Pause aufgeführt wird und – ganz typisch für die Minimalmusik – viele Wiederholungen und lange Phasen nur minimaler Veränderungen mit sich bringt, lädt Walter das Publikum ein, sich während der Aufführung im Raum zu bewegen, sich gerne auch zwischen den Musikern niederzulassen oder ein Bier zu holen.

ENSEMBLE PODIUM ESSLINGEN, INCANTATIE IV, 11.01.2020, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Die Band – sorry, das Ensemble – ist mittig im Raum platziert, ein Sammelsurium aller möglicher Sitz- und Stehgelegenheiten ist drumherum und auf der Bühne arrangiert. Und zum ersten Mal ergeben sie vier Säulen, die bei den anderen Konzerten immer irgendwie blöd im Weg stehen, einen Sinn: wie die Eckpfosten eines Boxrings markieren sie die Fläche für die Musiker, wobei in diesem Falle das Betreten des Rings ausdrücklich erwünscht ist.

Wer mit der Musik von Steve Reich, Michael Nyman oder Philip Glass vertraut ist, findet sich schon bei den ersten Tönen auf vertrautem Terrain wieder. Die permanente Wiederholung kleinster Melodieschnipsel, die minimale Variation durch Addition oder Substraktion einzelner Töne, das Weiterreichen der Melodie von einem Instrument zum nächsten und das subtile rhythmische Verschieben – all diese Elemente finden sich auch in ten Holts Komposition wieder. Und zwar in einer melodisch höchst gefälligen Art.

Schon nach wenigen Minuten nehmen die ersten Zuschauer das Angebot an, sich um und durch das Ensemble zu bewegen. Und der Selbstversuch zeigt: Die Wirkung ist faszinierend. Je nachdem, welches Instrument durch die Nähe an Lautstärke gewinnt, ändert sich die Musik ganz wesentlich. Das macht wirklich Spaß, wenn es auch den ein oder anderen statischen Zuschauer eventuell etwas stören mag. Spätestens nach einer halben Stunde hat mich die Magie dieser hypnotischen Musik eingewickelt. Wenn es nach mir ginge, könnte das unendlich so weiter gehen. Wobei ich mich frage, wie die Musiker über einen so langen Zeitraum mit solcher Präzision agieren und diese musikalische Spannung halten können. Magnus Boye Hansen an der Violine, Nikolai Matthews am Kontrabass und Klarinettist Daniel Bollinger sieht man, genau wie Walter und Halvorsen trotz der scheinbaren Mühelosigkeit die hohe Konzentration an.

ENSEMBLE PODIUM ESSLINGEN, INCANTATIE IV, 11.01.2020, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Anders als die „klassische“ Klavierbesetzung, in der das Stück noch perkussiver klingt, bringt die Quintett-Besetzung, die man so durchaus auch in einem alterwürdigen Wiener Kaffeehaus finden könnte, eine ganze andere, eher melodiöse Stimmung mit. Und in einigen Phasen wähnt man sich im Soundtrack eines expressionistischen Stummfilms, während wenig später tatsächlich Kaffeehaus-Atmosphäre aufkommt. (Ich bin sicher, die anderen Zuhörer haben hier ganz andere Bilder im Kopf – das Flirren von Sonnenflecken auf einer Wasseroberfläche könnte dazugehören)

Als das Stück nach gut 100 Minuten zu einem etwas abrupten Ende findet, branden – nach einem kurzen Moment der Unschlüssigkeit (geht es vielleicht doch noch weiter?) – begeisterter Applaus und Bravos auf. Keine Frage: das Ensemble des PODIUM Esslingen hat mit der in diesem Arrangement weltweit erstmals aufgeführten „Incantatie IV“ einen fulminanten Auftritt abgeliefert. Und das Merlin für einen Abend zu einem ungewöhnlichen und bestens geeigneten Kammermusiksaal umfunktioniert. Bitte mehr davon!

Jetzt schon vormerken: Das Komma Winterfest wird das PODIUM am 15. Februar mit Steve Reichs „New York Counterpoint“ eröffnen. Und auch das Festival „Cosmic Playgrounds“ für experimentelle elektronische Musik ab 29. Februar in der Dieselstraße findet in Kooperation mit dem PODIUM statt. Über beide Events werden wir berichten.

ENSEMBLE PODIUM ESSLINGEN, INCANTATIE IV, 11.01.2020, Merlin, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

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