SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 08.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 09.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Foto: Steffen Schmid

Bekanntlich ist die Freiheit des Konzertbloggers, völlig subjektiv über einen Gig berichten zu dürfen. Persönliche Launen dürfen dabei ebenso einfließen wie die Meinungen der Konzertbegleiter oder das Wetter. Einem Konzert wie dem der Drone-Band Sunn O))) wird dieses Vorgehen aber nicht gerecht. Der Blogger wird unter der Übermacht der Eindrücke scheitern. Und deshalb wird heute die streng wissenschaftliche Konzertkritik eingeführt. Auf Basis klarer, objektiver Messfaktoren wird die Musik mit dem M-Wert und der Unterhaltungswert mit dem U-Wert eindeutig, nachvollziehbar und vergleichbar berechnet. Mögen die geneigten Leser den nun folgenden Ausführungen aufmerksam folgen.

SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 09.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Foto: Steffen Schmid

Der M-Wert

Beginnen wir mit dem Wert M für Musik. Dabei betrachten wir die Messwerte Lautstärke, Tempo, Tonhöhe, Rhythmus und Stimmung. Jeder Wert wird auf einer Skala von 1 bis 5 gemessen, wobei für das gesamte Konzert jeweils der Minimal- und Maximalwert des jeweiligen Messkriteriums erfasst wird. Hier die Messkriterien im Überblick:

Lautstärke (L): 5 = sehr laut (fortissimo), 1 = sehr leise (pianissimo)
Tempo (T): 5 = sehr schnell (prestissimo), 1 = sehr langsam (larghissimo)
Tonhöhe (H): 5 = sehr hoch (z.B. Piccoloflöte), 1 = sehr tief (z.B. Kontrabass)
Rhythmus (R): 5 = sehr rhythmisch, 1 = sehr wenig rhythmisch
Stimmung (S): 5 = sehr hell (freundlich, Dur) , 1 = sehr dunkel (traurig, bedrückend, Moll)

Für jeden Messwert erfassen wir die Spannbreite, indem wir den Minimalwert vom Maximalwert abziehen. Daraus kann sich eine Spannbreite von 0 bis 4 ergeben. Dies sei hier am Beispiel der Lautstärke dargestellt (die Spannbreite heißt in diesem Fall Dynamik):

ΔL = Lmax – Lmin

Der M-Wert für die Spannung und den Abwechslungsreichtum der musikalischen Darbietung berechnet sich somit aus der Summe aller Spannbreiten geteilt durch die Anzahl der Messfaktoren. Zur Vereinfachung werden alle Faktoren gleich stark gewertet. Wenn die Musik in allen Werten eine Spannbreite von 4 erreicht, ist der M-Wert = 4.

M = (ΔL + ΔT + ΔH + ΔR + ΔS) : 5

So weit, so nachvollziehbar. Hier nun also die Messwerte für das heutige Konzert:

Lautstärke (L): Lmin = 4, Lmax = 5, ΔL = 1
Tempo (T): Tmin = 1, Tmax = 1, ΔT = 0
Tonhöhe (H): Hmin = 1, Hmax = 1, ΔH = 0
Rhythmus (R): Rmin = 1, Rmax = 1, ΔR = 0
Stimmung (S): Smin = 1, Smax = 1, ΔS = 0

Aus den Spannbreiten ergibt sich somit ein M-Wert von: M = (1 + 0 + 0 + 0 + 0) : 5 = 0,2

Hier das Ganze in einer grafischen Darstellung. Zur besseren Einordnung sind hierfür einige moderne Werke herangezogen worden. Wie erwartet befindet sich Sunn o))) zwischen dem Minimalisten Steve Reich und dem Konzept-Stück von John Cage. Bemerkenswert ist dennoch, wie nah sich das Konzert am berühmten Klavierstück 4’33“ befindet, obwohl sich selbiges rein akustisch deutlich anders manifestiert.

Konzertbewertungen

Abb. 1: M-Werte

SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 09.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Foto: Steffen Schmid

Der U-Wert

Kommen wir nun zum U-Wert, landläufig bekannt als „Unterhaltungsfaktor“. Er bewertet das Konzert als Gesamt-Event und setzt sich aus fünf Messwerten zusammen. Zu beachten ist, dass sich hierunter auch Werte befinden, die vom Künstler nicht oder nur bedingt beeinflusst werden können. Die Messkriterien werden jeweils auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 5 (sehr gut) bewertet:

Performance (P): Musikalische Darbietung und Bühnenshow (wird doppelt gewertet, da direkt künstlerabhängig)
Sound (S): Soundqualität, Transparenz, Ausgewogenheit, Räumliche Verteilung
Licht (L): Qualität der Lightshow und der Effekte
Location, Raum (R): Qualität des Veranstaltungsraumes (Eignung für Konzerte, Gute Sicht von allen Plätzen, Atmosphäre)
Publikum, Zuschauer (Z): Qualität des Publikums (Aufmerksamkeit, Anzahl, Feierlaune, Vielfalt)

Die Berechnung des U-Werts ist einfach, der erreichbare Maximalwert ist 5.

U = (2 x P + S + L + R + Z) : 6

SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 09.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Foto: Steffen Schmid

Hier die Einzelwerte des Karlsruhe-Konzerts:

Performance (P): Naja. Fünf Mönche stehen in einem Halbkreis von Verstärkern rum. (3)
Sound (S): Extrem laut, unmittelbar körperlich spürbar, aber nicht schmerzhaft. Schafft es locker, die riesige Halle zu füllen. (5)
Licht (L): Soviel Nebel war noch nie und so unglaublich langsame Farb- und Richtungswechsel. Perfekt zur Musik passend. Ein Gesamtkunstwerk (5)
Location, Raum (R): Eine beeindruckende, riesige Halle mit Industriecharme. Viel Platz für das Publikum. Auf den ersten Blick nicht unbedingt für Konzerte geeignet, funktioniert aber in diesem Setting hervorragend. (5)
Publikum, Zuschauer (Z): Nicht zu viel, nicht zu wenig. Eine angenehm hoher Anteil von Nerds. Konzentriert bei der Sache. Oder im Sitzen und Liegen meditierend. (4)

Einen ungefähren Eindruck gibt dieses Konzert-Video.

SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 09.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

Foto: Steffen Schmid

Hier erreicht das Sunn o)))-Konzert mit 4,0 eine sehr gute Wertung im oberen Drittel. Der Support Caspar Brötzmann kann in den Kategorien Performance und Licht leider nicht punkten und kommt nur auf 2,8. Weitere Konzerte der letzten Wochen sind zum Vergleich ergänzt, wobei sowohl Jambinai als auch The Selecter sehr nah an den Maximalwert kommen.

U-Wert

Abb. 2: U-Werte

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SUNN O)))

CASPAR BRÖTZMANN

Ein Gedanke zu „SUNN O))), CASPAR BRÖTZMANN, 08.10.2019, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

  • 10. Oktober 2019 um 20:47
    Permalink

    Die Schönheit der Mathematik.

    Ein hinreichender Ansatz, um das Universum Sunn o))) zu erklären.

    Es grüßt: Schrödingers Katze.

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