HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

„Hello Troll“ steht auf dem Plakat, an dem ich seit Wochen auf der Arbeit vorbeilaufe. Drei bärtige Herren mit dicken Mützen und leicht finsterem Blick sind darauf abgebildet. Mein visuelles Interesse ist geweckt. Die drei Herren sind die Musiker des norwegischen Helge Lien Trio, das zusammen mit dem Stuttgarter Kammerorchester heute im Stadtpalais auftreten.

Das Helge Lien Trio spielt in der klassischen Jazztriobesetzung: Klavier (Helge Lien), Bass (Mats Eilertsen) und Schlagzeug (Per Oddvar Johansen). Da muss ich nicht die ausgefuchste Jazzkennerin sein, doch so viel weiß ich, dass die skandinavischen Länder mit ihrem „Nordic Jazz“ sehr stark sind mit einer internationalen Ausstrahlung. Neben den Vertretern aus Norwegen Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvaer, Jan Garbarek lässt sich das Helge Lien Trio sicher zur jüngeren Generation zählen.

HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Das Konzert ist ausverkauft, die freundlichen jungen Damen, die den Kartenverkauf betreuen, haben sicher noch so einige Verhandlungen zu führen, mit Besuchern die keine Karte haben und noch gerne ins Konzert möchten. Die Besucher werden bestens mit Informationen durch die ausliegende Broschüre versorgt. Wer mehr erfahren möchte, nutzt noch die Einführung im Saal. Ich lasse den Blick schweifen, ein älteres, gesetztes, kulturinteressiertes Publikum bildet den Besucherdurchschnitt. Kammerorchester-Intendant Markus Korselt ist im Gespräch mit Helge Lien und dem Solobratschisten des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO) Manuel Hofer. Dieser sei nach Norwegen gereist, um in Zusammenarbeit mit Helge Lien das gemeinsame Programm für Trio und Orchester mit traditionellen skandinavische Volksmusikstücken zusammenzustellen, verrät er.

Von einem „Cross Over Projekt“ wird in der Einführung gesprochen. Das Gesetzte der Klassik mit der Lockerheit des Jazz zu verbinden, ist ein Aspekt, der mir dazu auffällt. Sehr sympathisch finde ich, dass der Ablauf transparenter ist und dadurch im Ganzen lockerer wirkt. Nicht der klassische Gong ertönt, dass man spätestens beim dritten Mal alarmiert ist, seinen Platz aufzusuchen hat, stattdessen hört man das Durchstimmen der Instrumente. Bassist des SKO Benedikt Büscher geht als erster auf einen Platz fängt an die Saiten seines Kontrabasses zu zupfen und Flagolet-Töne zu spielen, so würde er auf der Bühne sein Instrument stimmen.

HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Wir sind allerdings bereits mitten im ersten Stück „Snurt“ aus dem „Hello Troll“ Album des Jazztrios. Nach und nach kommen die weiteren Mitmusiker*innen dazu. Der Beginn ist freejazzig gehalten, Helge Lien zupft an den Saiten des offenen Flügels, der Deckel wurde entfernt. Bassist Mats Eilertsen klopft mit einem Bogenholz über auf seine Kontrabass-Saiten, Flagolet-Töne werden von den Orchestermusikern gespielt. Was erst noch kantig und abgehackt klingt, geht in einen sanft fließenden Fluss über.

Helge Lien sitzt mit dem Rücken zum Publikum. Seine Finger bewegen sich leicht tänzelnd über die Tasten, die sich im blank polierten Steinway & Son Flügel spiegeln. Helge Lien schätzt als Jazzer die Dynamik, Farbe und das Timbre der Klassik, wie er in der Einführung erwähnte. Das ist auch den Stücken anzuhören. Auch die ihn umgebende Natur Norwegens hat einen Einfluss auf seine Kompositionen. Die Übergänge zwischen den Stücken sind fließend, voll und ganz kann man sich mit dem Klangstrom treiben lassen, der Fantasie beim Zuhören sind keine Grenzen gesetzt. Vielleicht begegnet einem dabei der Troll, der fröhlich hin- und hertanzt.

HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Helge Lien hält die Strippen zusammen und gibt die Einsätze. Die Übergänge zu jedem der Stücke fangen auf unterschiedliche Art an. Von Monotonie keine Spur. Mal fängt das Trio an, hat Freiraum für Soloparts und Improvisationen, mal beginnen die einzelnen Musiker*innen aus den Instrumentengruppen. Begonnen wird mit Staccato, bevor die Phrase vom gesamten Orchester aufgegriffen wird. Habe ich eben Klänge entdeckt zwischen Polka und Walzer, wechseln die Nuancen in jazzige Offbeat-Rhythmen. Bewegung ist auch zwischen den Stücken, wenn sich Musiker*innen in Besetzung eines Quartetts von der Bühne lösen und auf den Treppenaufgängen die traditionellen norwegischen Stücke spielen. Es macht großen Spaß, immer wieder vereinzelt eine der Musiker*innen zu beobachten, wie sie selber beim Spiel mit den Stücken mitgehen.

HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart
Das Spiel erscheint im gesamten sehr runter gedimmt, sodass nicht auf Anschlag nur die hohen Töne gespielt werden, also mehr Moll als Dur. Durchaus positiv gemeint. Zum Abschluss wird Edvard Grieg gespielt und die langen Phrasierungsbögen lassen es erahnen, dass somit das Finale eingeläutet wird. So ist es auch. Standing Ovations gibt es vom Publikum. Helge Lien entschuldigt sich, mehr gemeinsame Stücke gebe es nicht, und so wird das erste Stück nochmal gespielt.

Die eleganten Gesten und die „Rangfolge“, wer sich zuerst vor dem Publikum verbeugt, das ist dann wieder die klassische Variante. Ganz zum Schluss umarmen sich die Musiker*innen untereinander. Die Premiere mit dem Zusammenspiel des Helge Lien Trio und des Stuttgarter Kammerorchesters ist mehr als geglückt.

HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

2 Gedanken zu „HELGE LIEN TRIO, STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 11.01.2020, Stadtpalais, Stuttgart

  • 13. Januar 2020 um 20:26
    Permalink

    Das ist nicht Renger, der den Tutti-Bass spielt, sondern Ben Büscher vom Staatsorchester. Ansonsten schönes Review.

  • 16. Januar 2020 um 11:27
    Permalink

    Vielen Dank und Danke für den Hinweis! Ich habe es korrigiert.

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