ARND ZEIGLER, Interview, 26.11.2018, Theaterhaus, Stuttgart

Interview Arnd Zeigler

Foto: Michael Haußmann

Vor dem Auftritt Arnd Zeiglers im Theaterhaus waren wir für ein 15-minütiges Interview verabredet, doch hatten uns leider verpasst. Als nach dem Auftritt alle Foto-Wünsche erfüllt waren, hieß es: „Na dann lasst uns doch das Interview einfach jetzt machen.“ Gesagt, getan:

gig-blog: Nick Hornby hat in seinem Buch „Fever Pitch“ geschrieben: „Der Grundzustand eines Fußballfans ist bittere Enttäuschung – egal wie es steht.“ Würdest Du das unterschreiben?

Arnd Zeigler: Fußballfan zu sein hat ganz viel damit zu tun, Enttäuschungen zu verarbeiten und das als Normalität zu begreifen. Du gerätst nie in einen Zustand der absoluten Zufriedenheit, da Du weißt, selbst wenn gerade alles gut ist, wird es das nicht bleiben. Und vielleicht wird auch immer alles noch schlechter. Du bist im Fußball nie derjenige, der zuletzt lacht. Du lachst immer nur zwischendurch. Was dazu kommt, ist, dass es durch die sozialen Medien eine in den letzten Jahren stetig gewachsene Lust an der Empörung gibt. Wenn Du als Trainer in den 60er und 70er Jahren entlassen wurdest, dann weil der Verein zu dem Schluss gekommen ist, dass es nicht mehr passt und nicht, weil Fans oder Medien gegen Dich waren.

gig-blog: Schlagen wir einmal die Brücke vom Fußball zur Musik: Fallen Dir spontan Songs deutschsprachiger Interpreten ein, die den Fußball auf eine ernsthafte Weise thematisieren?

Arnd Zeigler: Ja, mein Lieblingssong in dieser Hinsicht ist immer noch „Fußball ist immer noch wichtig“ von einem Teil von Fettes Brot, mit Bela B., Marcus Wiebusch und Carsten Friedrichs. Das ist auf jeden Fall der Song, in dem ich mich am meisten wiederfinde.

gig-blog: Es doch aber erstaunlich, dass diese von Hornby genannte Enttäuschung der Fußballfans kaum Gegenstand von Songs ist, obwohl der Fußball allgegenwärtiges Thema ist.

Arnd Zeigler: Stimmt, in dieser Hinsicht gibt es nicht viel Gutes. Bei Werder Bremen überlegen wir auch immer wieder, welche Songs man im Stadion spielen könnte und man kommt sehr schnell zu dem Ergebnis: Irgendwie ist jede Fußballzeile schon geschrieben worden, jede Zeile über einen Verein, jeder Reim.

gig-blog: Warum wird dann aber z.B. das Thema „Liebe“ immer wieder von Neuem millionenfach in Songs thematisiert, aber nicht der Fußball?

Arnd Zeigler: Einem meiner großen Idole, Paddy McAloon, der Sänger der Band Prefab Sprout habe ich mal in einem Interview die Frage gestellt, warum die meisten Musiker mit der Zeit langweilig werden. Sting war z.B. mal cool oder Paul Mc Cartney hat früher bessere Sachen gemacht, bei Bowie oder Prince war es auch so, dass das Feuer irgendwann weniger wurde. Er sagte, er könne nicht für andere reden,aber er merke, dass er bei einem neuen Text sich fragt, welchen Reim er eigentlich noch nicht gemacht habe und man automatisch auf Schlüsselwörter komme. Und zweitens könne er mit Mitte 50 keine Liebeslieder schreiben, die mit Mitte 20 noch glaubwürdig waren.

gig-blog: Aber trotzdem werden andere Themen des Lebens ständig thematisiert, obwohl auch da nichts Neues mehr präsentiert wird – der Fußball nicht, obwohl er ein großes Interesse hervorruft.

Arnd Zeigler: Ich verstehe, was Du meinst. Aber ich glaube aus dem gleichen Grund, warum es nicht viele Songs über Fußball gibt, gibt es auch nicht viele Songs über das Wetter. Es betrifft jeden, aber es gibt kaum neue Aspekte, die man ständig neu beleuchten kann und irgendwann kommst Du an einen Punkt im Leben, ab dem es nicht mehr viel neue Aspekte gibt. Und die Gefühle, die man ausdrücken könnte, kennen alle, die sich für Fußball interessieren – die braucht man denen nicht mehr erklären.

gig-blog: Könnte ein anderer Grund sein, dass Leute der alternativen, der Independent-Musik-Szene, mit dem Hochglanzprodukt Fußball nichts mehr anfangen können?

Arnd Zeigler: Ich glaube einfach, Du hast bei Dingen, die Dich tagtäglich umgeben und beschäftigen, nicht unbedingt primär das Bedürfnis, daraus ein Kunstprodukt zu machen. Man bekommt es ja jeden Tag aus allen Medien um die Ohren gehauen und vielleicht muss man dann nicht auch noch einen Song darüber schreiben. Und es ist auch interessanterweise kein Fußball-Monopol – in England gibt es auch kaum Songs über Cricket oder in den USA über Baseball.

gig-blog: Vielleicht ist Dein Umgang damit, den Fußball satirisch zu betrachten, der naheliegendere, weil es das Thema menschlicher macht.

Arnd Zeigler: Es ist eigentlich gar keine bewusste Satire, die ich mache. Ich versuch der Tatsache gerecht zu werden, dass Fußball einerseits Spaß machen soll – wenigstens ab und zu mal – und andererseits nicht abgetan wird als reines Freizeitvergnügen, weil sie dafür vielen Leuten viel zu wichtig ist. Wenn Dein Verein ein wichtiges Spiel verliert oder absteigt, dann fühlt sich das nicht viel anders an, als wenn ein Verwandter stirbt. Es hat natürlich nicht die gleiche Tragweite, aber es ist das gleiche Gefühl – nur kleiner. Auf der anderen Seite der Skala ist es genauso. Du gehst als Fußballfan keinerlei Risiko ein, wenn Du Dir das Wappen Deines Lieblingsvereines auf den Hintern tätowieren lässt. Mit dem Namen der Ehefrau kann es da viel schwieriger werden. Fußball darf nicht kleiner, aber auch nicht größer gemacht werden, als er ist.

gig-blog: Im Prinzip zeigst Du, dass es im Fußball – und als Bild eben auch im Leben – okay ist zu scheitern und zu sehen – es geht danach weiter.

Arnd Zeigler: So habe ich das noch nie betrachtet, aber da ist etwas dran.

Wegen einer scheinbar belanglosen Bemerkung entspinnt sich plötzlich eine 15 min lange Unterhaltung über die Lage des VfB, die hier nicht wiedergegeben werden soll. Wir wollen ja niemanden runterziehen. Aber auch hier zeigt sich – Arnd Zeigler kennt sich wirklich aus.

Interview Arnd Zeigler

Foto: Michael Haußmann

gig-blog: Ich würde gerne nochmals auf die Musik zurückkommen: Bei Musikliebhabern gibt es das Phänomen, dass man gerne persönlich enttäuscht ist, wenn die Band, die man vor wenigen Jahren entdeckt hat, als sie noch niemand sonst kannte, im Mainstream angekommen ist. Und hier sehe ich bei mir eine Parallele zum Fußball und den seit einigen Jahren wachsenden Zuschauerzahlen.

Arnd Zeigler: In der Musik gibt es für mich ein Paradebeispiel, das ist Coldplay. Bis zum zweiten Album habe ich alles gekauft und gerne gehört, inklusive aller B-Seiten. Und beim dritten Album dachte ich: Das klingt jetzt aber durchaus blutarm und reproduziert, das brauche ich nun wirklich nicht mehr zu hören. Und das Schlimme ist, dadurch verliert man leicht auch wieder den Respekt gegenüber den ersten Alben: Die Stimme ertrag ich nicht mehr. Ich bin von keiner Band so schnell Fan geworden und dann so schnell desinteressiert.

gig-blog: Das kann ich nur zu gut nachvollziehen. Beim Fußball geht es mir ähnlich: Da stand man vor 20 Jahren noch mit 500 Fans bei manchen Auswärtsspielen, heute sind es regelmäßig 3000-5000. Und ich denke mir dann, dass es früher intensiver war.

Arnd Zeigler: Das Phänomen gibt es wahrscheinlich bei allen Vereinen. Werder Bremen hatte in der Meistersaison 1987/88 einen Zuschauerschnitt von 23000. Also von diesem Denken kann sich wahrscheinlich kein langjähriger Fan frei machen, aber es ist eben auch ein pubertäres Denken – mit 15 möchte man ja auch seine Freundin ganz alleine für sich und nicht, dass sie noch mit vielen anderen Leuten Zeit verbringt.

gig-blog: Ist die Meinung zu Coldplay dann auch pubertär?

Arnd Zeigler: Das ist dann vielleicht nicht ganz vergleichbar. Du wirst immer den gleichen Verein haben wie im Alter von zehn Jahren, aber nicht den gleichen Musikgeschmack. Es gibt schon viele Interpreten, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie von einer Band, die ich mochte, zu einer Band wurde, die bei „Wetten dass…?!“ auftreten kann. Das ist dann immer das Ende: Joe Cocker, Phil Collins, Tina Turner und Coldplay.

gig-blog: Auf Deiner Spotify-Playlist sind meistens Songs zu finden, die nicht bei den großen Radiostationen gespielt werden.Bezogen auf den Fußball:Warum dann das „seltsame WM-Studio“ (Zitat aus dem Programm) und dazu Bundesliga, Champions League, EM und WM?

Arnd Zeigler: Die Frage kann ich Dir als Bremen-Fan besser beantworten, als wenn ich Bayern-Fan wäre. Dann würde es mich vielleicht langweilen, jede Saison wieder gegen Porto oder Madrid zu spielen. Bei uns ist es so: Wenn wir irgendwann einmal wieder in den Europapokal kommen sollten und wir haben ein Heimspiel gegen einen obskuren rumänischen Verein, werde ich total begeistert sein. Das heißt, man muss noch Ziele haben. Natürlich fand ich es aufregend, als Werder in der Champions League gespielt hat, neben José Mourinho auf dem Platz zu stehen. Aber andererseits kann es nicht das Ziel sein, diesen Zirkus immer mitzumachen, denn das wird irgendwann fragwürdig und langweilig, da die Champions League komplett ihre Seele verkauft hat. Ich fände es deutlich interessanter, wenn in diesem Wettbewerb auch mal wieder Rosenborg Trondheim oder Rapid Wien mitspielen würden und es nicht so ist, dass immer die gleichen Vereine im Viertelfinale stehen, da man sich in dieser Etage das Geld gegenseitig zuschiebt. Aber man kann das Rad auch nicht zurückdrehen oder diese Entwicklung verhindern. Den ältesten Artikel, den ich bei meinen Archiv-Recherchen über die Kritik an einer Kommerzialisierung gefunden habe, stammt aus dem Jahr 1963. Damals hat ein Spieler 1200 Mark im Monat verdient. Oder Franz Beckenbauer in den 70ern 500.000 Mark – soviel verdient heute ein Ersatzspieler beim VfL Bochum. Daher muss man sich in unserer Etage eben über kleine Dinge freuen, wie z.B. über einen Spieler aus der eigenen Jugend, der es zum gestandenen Bundesliga-Spieler schafft oder wenn Du merkst, dass die eigenen Fans mal wieder richtig gut waren. Man muss solche Entwicklungen immer kritisch und wachsam begleiten und auch dagegen protestieren, aber ich will mir auch den Spaß daran bewahren.

P.S: Wir haben einmal das getan, was Arnd Zeigler am liebsten macht – im Archiv gekramt – und diesen Konzert-Bericht aus dem Jahre 2011 gefunden.

Interview Arnd Zeigler

Foto: Michael Haußmann

Ein Gedanke zu „ARND ZEIGLER, Interview, 26.11.2018, Theaterhaus, Stuttgart

  • 5. Dezember 2018 um 10:42
    Permalink

    Das erste Coldplay-Album ist in der Tat wunderschön und ich höre es nicht mehr. Ein Verlust.

    Es gibt einen ganz einfachen Ausweg aus dem Song-Text-Dilemma: Instrumental-Musik. Ist mir eh das liebste, wenn bei Musik die Klappe zu ist.
    Tanita Tikaram („Twist In My Sobriety“, 1988) meinte einmal sinngemäß, dass es inhaltich egal seie, über was man singe, denn die Worte sollen zur Musik passen. Ich fand das damals geradezu unverschämt, heute finde ich das eine interessante Herangehensweise.
    Jetzt setze ich noch einen drauf: Dita von Teese hat dieses Jahr ein Album veröffentlicht. Will man wirklich wissen, was die da singt mit ihrer unausgebildeten Stimme? Wahrscheinlich war dem Produzenten Sébastien Tellier beides eher unwichtig (Inhalt, Stimme); herausgekommen ist ein schönes Tellier-Album, auf dem eben diese Frau herumhaucht.

    Schönes Interview!

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