WOLVES LIKE US, JUNIUS, 20.04.2012, Zwölfzehn, Stuttgart

Wolves Like Us

Foto: Steffen Schmid

Achkommschon, das Leben ist manchmal Drecksack genug, ein kleiner Spaß bringt da keinen um. Jetzt neu, der gig-blog-Stand-Up-Comedy-Service: Welchen Satz wird man im Tourbus von Junius und Wolves Like Us nie hören: „He, kannst du bitte kurz bei Douglas halten, ich brauche Rasierwasser!“ Haha, lol, rofl, Danke ihr seid ein tolles Publikum. Beim Barte des Proleten, heute ist Bartnacht im Zwölfzehn. Wolves like Us aus Oslo und Junius aus Boston: Schnorres, Vollbart, Pornobalken, getrimmte Backenhecke – all inclusive wie bei der Tui. Nur halt mit besserer Musik.

Ironie des Schicksals: Ich wäre fast zu spät zum Konzert gekommen, weil ich ausgerechnet beim Rasieren wertvolle Zeit vertrödelt habe. Hab ein Aftershow-DJ-Date mit den Kerlen aus Oslo und wollte halt voll geil aussehen. Zur Strafe habe ich gleich wieder was gelernt: Doppelheadlinershow. „Jeden Tag fängt eine andere Band an“, erzählt mir Wolves Like Us-Sänger Lars Kristensen später, als alles vorbei ist.

Und am Freitagabend war eben einer dieser Tage, an denen Wolves Like Us den Abend eröffnen. Das machen die dann auch gleich optimal rausgewuchtet mit „Burns Like A Paper Rose“. 1A Stop-and-Go-Postcore-Rock.

„Like smoke through your fingers, it lights like a paper rose, I make love like a dancer, fighting his injuries“. Keine Ahnung, was zur Hölle das bedeuten soll. Aber richtig vorgetragen möchte man dazu die Fäuste in die Luft strecken oder sich mit netten Leuten gegenseitig über den Haufen rempeln. Im Zwölfzehn wird zustimmend mitgewippt. Geht auch. Alleine „Burns Like A Paper Rose“ ist so gut, dass man sich selbst ein bisschen auf die Schulter klopfen möchte, heute hier zu sein und nix anderes unternommen zu haben. Muss auch mal sein, wenn’s sonst keiner macht.

Wolves Like Us

Foto: Steffen Schmid

Torgeir Kjeldaas spielt dazu einen unanständig sexy verzerrten Bass, die Gitarren von Espen Helvig und Lars Kristensen stehen in gar nix nach, sind crispy wie gutes Essen mit viel Käse überbacken und Jonas Thire treibt seine Kollegen unbarmherzig vor sich her. Eine Wonne. Ganz zu schweigen von Kristensen, der herzergreifend rau ins Mikro brüllt. Der Mann sieht aus wie Josh Homme mit Wampe und Bart,  schreit aber wesentlich mehr – irgendwo zwischen Chuck Ragan und einem großen tapsigen Bär.

Unbeeindruckt davon machen die Herren aus Oslo ungebremst weiter. „Secret Handshakes“, zweistimmiges Gitarrengeklirre, auch bestens rausgehüftet – inklusive totaler Verwirrung, als das Timing kurz flöten geht. Torgeir Kjeldaas und Jonas Thire halten den Laden zusammen, dann grinsen, zurückfinden und weiter geht’s. Wie im echten Leben halt. Teamwork. Toll.

„We Speak in Tongues“ ist auch ein Knaller. „An end needs to have a start, I know“, ja wissen wir auch. Haben schließlich nicht nur die Editors schon doziert. Kristensen macht das aber mit dem Schulterzucken von einem, der vor einer verschlossenen Tür rumsteht, aber trotzdem zur Sicherheit nochmal volle Möhre dagegen tritt. Ist sein gutes Recht. Kurz will man brüllen: „Bloß nicht aufhören, ihr vollbebarteten Karohemdenträger!“ – so saugut ist das.

Machen sie auch nicht. Gottseidank. „To Whore with Foreign Gods“:  Espen Helvig haut mal eben ein paar Melodien raus, die jeder Platte von Death gut gestanden hätten. A la Bonheur, oder wie das Franzosen schreiben würden. Dann wieder schmuddelig und traurig bei „Sin After sin“.

Wolves Like Us

Foto: Steffen Schmid

Kristensen schreit, kneift die Augen zusammen, reisst sie weit auf: „Just to be with you, love / oh child, your father’s shaking Just to be with you, love / oh child, your father’s aching“. Nein, eigentlich reißt der Typ die Augen auf, während er sie geschlossen hält. Kurz mal versuchen. Komisches Gefühl, oder? Die Gitarren begleiten das Schauspiel mit dem nötigen Respekt.

Sagenhaft auch, wenn er „Deathless“ durch den Vollbart schreit. Das hat mindestens so viel Köpfchen, wie Herz. Ja, Eier auch. Kristensen singt wie einer, der das tun muss weil er sonst jetztsofortaufderstelle platzen würde. Nix da „nordisch kühl“, das ist hochgradig emotional, temperamentvoll.

„The rows of bottles they speak no truth, They lie and cheat you, but some lies are welcome, And it depends on the liar too, on which snake you choose to devour you“. Die Altglassammlung als Tagebuch. Kennen wir. Erinnerung an ein rauschendes Fest  oder an die verfluchte Betäubung. Liegt im Auge des Betrachters. Egal: Zeit, den Scheiß endlich wegzuwerfen. Muss ja weitergehen.

Mist, dann sind 40 Minuten vorbei und Wolves Like Us fertig. Das Gefühl: jemand zieht einem den Teller weg, obwohl man noch Hunger hat.

Junius

Foto: Steffen Schmid

Der Nachtisch wird prompt von Junius gereicht. „All Shall Float“, meinen die und halten Wort wie Männer von Welt das immer tun sollten. Das fließt. Wolves Like Us stürmen geschlossen in die ersten Reihen vor der Bühne. Jonas sagt noch er sei „stoked“ mit denen auf Tour zu sein. Lars auch: „Geht’s besser? Ich kann jeden Abend Junius auf der Bühne sehen“.

Postmetal, Postrock mit Gesang, Isis mit klarem Gesang, als würden die Deftones nur noch langsam spielen und Chino Moreno immer geil singen – keine Ahnung, wie man das Quartett aus Boston anpreisen soll. Die Wucht aber spricht für sich. Der Sound ist so dicht, da passt nix mehr dazwischen. Etwaige Lücken wurden schon vorsorglich mit Sphärensynthies zugekleistert. Wall of Sound, keine Chance hochzuklettern und drüber zu schauen. Wie ein Graffitti: Joseph E. Martinez‘ glasklarer Gesang.

Da gibt’s ein bisschen 80ies Goth, viel 90er Brachialität und unanständig viel Herz. Und etwas schlechtes Gewissen, weil „The Martyrdom Of A Cathastrophist“ viel zu lange  kaum beachtet im Regal stand. Und: weil mir der theoretische Unterbau, die Kunst und das Konzept irgendwie am Arsch vorbei geht. Die Lieder auseinanderzuhalten, ist schwierig. Das Ganze einfach so zu umarmen – ein Leichtes. Beeindruckend.

Junius

Foto: Steffen Schmid

Jonas von Wolves like Us sagt: „Mir tut der Schlagzeuger Leid. Weißheitszahn, entzündet, hat höllische Schmerzen. Morgen in Köln muss das Ding raus.“ Dana Filloon, der arme Kerl sitzt die Sache aber nicht aus wie Politiker, sondern lenkt sich ab von der Qual. Der gibt weder Kleinbei, noch die Zügel ab.

Lieder, eigentlich perfekt, um sie im Sitzen zu hören oder während man von einem Hügel runter auf eine brennende Stadt schaut. Stehen im Zwölfzehn geht zur Not aber auch, tut der Sache keinen Abbruch. „Betray The Grave“, ist feinster Nihilismus, trotzdem voll von Liebe und Hingabe. Lieder, gemacht, um sich in ihnen zu verlieren. Am Ende sind die circa 100 Anwesenden eben nur noch anwesend, die Gedanken sind längst woanders geparkt.

„Das war beeindruckend“, sage ich zu Lars. Er denkt nichtmal im Traum dran, ich hätte seine Band gemeint. „Ich liebe Junius“, sagt er. Torgeir auch. Espen und Jonas sind auch von den Socken. Dann noch ein bisschen Plattenauflegen im Keller Klub. Jonas zieht eine von The Cure, eine von den Black Keys und eine von Black Sabbath aus der Kiste, freut sich über Rise Against und juchzt bei Hot Water Music. Das passt. Tolle Nacht. Nix da Proleten. Beim Barte des Propheten.

Junius

Foto: Steffen Schmid

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