TREFFPUNKT FOYER: 125 JAHRE VfB, 03.12.2018, Liederhalle, Stuttgart

TREFFPUNKT FOYER: 125 JAHRE VfB, 03.12.2018, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Christian Seyffert

Prolog

Es sind Fußballwochen beim gig-blog. Erst Arnd Zeigler, jetzt ein „Treffpunkt Foyer“ der Stuttgarter Nachrichten zum Thema „Zwischen Tradition und Moderne. 125 Jahr VfB: Der Weg und das Ziel“. Keine Angst, lieber Vertikalpass, wir wollen Euch keine Konkurrenz machen, aber bei diesen beiden Terminen, konnte ich nicht widerstehen.

Es ist einfach, Uli Hoeneß nicht zu mögen. So wie es andersherum einfach ist, Fan des FC Bayern zu werden. Sind es nicht auch in der Musikwelt die bad boys und bad girls, die uns faszinieren? Jene Musiker*innen, die polarisieren? Schon bei der Vorstellung von Uli Hoeneß hört man ein Raunen, das sich noch erheblich steigert, als er die Bühne betritt. Der Fußball steht als Gesamtkonstrukt mehr in der Öffentlichkeit als die Musikwelt, die dafür viel zu heterogen ist.

Der moralische Anspruch an den Fußball ist zudem ein Anderer. Vor allem Spieler und Trainer, die im Rampenlicht stehen, sollten der allgemeinen Meinung gemäß, ein „Vorbild für die Jugend“ sein. Drogen-Eskapaden oder Gefängnis-Aufenthalte werden Musiker*innen nicht in dem Maße vorgehalten, wie Personen aus dem Fußball-Umfeld (siehe eben Hoeneß oder Christoph Daum). Beides sind Traumwelten, die versuchen, den Menschen etwas vorzugaukeln, gemeint im eigentlich positiven Sinn: Die Menschen aus ihrem Alltag zu entreißen und sie zu unterhalten. Dabei ist die Musikwelt ehrlicher, als es der Profifußball geworden ist. Selbst absoluten Popstars wie Drake oder Lady Gaga werden persönliche Fehler weitestgehend verziehen. Teilweise gehört ein verruchtes Image zur Popularität dazu. Die angesagte Cloud-Rap-Szene kokettiert z.B. damit, ständig Drogen zu konsumieren und steht dabei ganz in der Tradition der Pop- und Rockmusik vergangener Jahrzehnte. Natürlich gilt es hier zu differenzieren: Je sauberer das Bild nach außen gehalten wird, desto größer ist der Aufschrei, wenn etwas an das Tageslicht kommt, was die Öffentlichkeit als „moralisch verwerflich“ ansieht.

Die Veranstaltung

Der Mozartsaal ist sehr gut gefüllt, die Kameras stehen bereit, die Pressevertreter blättern im Grundgesetz. Was die Stuttgarter Nachrichten unter besagtem Motto zu dieser Besetzung veranlasst hat, ist fraglich: Mario Gomez, ein Vertreter der letzten VfB-Meistermannschaft – absolut nachvollziehbar. Der aktuelle Präsident des Vereins VfB Stuttgart e.V. sowie Aufsichtsratsvorsitzende der VfB Stuttgart AG – nachvollziehbar. Der Präsident des Clubs, dem alle VfB-Fans mit enthusiastischer Abneigung begegnen, der in den letzten Jahrzehnten Spieler (Elber, Gomez, Magath) abwarb – kaum nachvollziehbar. In der Einführung wird dies als „Südgipfel“ bezeichnet – etwas dürftig, wenn man mich gefragt hätte.

Wie sollte dieser Abend ablaufen? Nostalgische Anekdoten aus 40 Jahren Bundesliga (Hoeneß mit einem Schwank über die Magath-Verpflichtung)? Dietrich und Hoeneß (die sich privat sehr gut verstehen) im Gespräch darüber, wie man einen Club in der heutigen Zeit sportlich und wirtschaftlich erfolgreich führt und umbaut? Ein ernsthaftes Gespräch über die Zukunft dieses so beliebten Sports, bei dem viele, die ihn lieben, das Gefühl haben, ihn an Unternehmen, Investoren und ein undurchdringliches Netz aus FIFA, UEFA und nationalen Verbänden zu verlieren? Das wäre mein Wunsch gewesen.

Aber viel schneller, als mir lieb ist, wird klar, es ist wie so oft bei Fußballrunden: es geht zum größten Teil um Plattitüden. Vermeintlich kritische Fragen werden nicht konkret, sondern so offen gestellt, dass die bekannten Floskeln angebracht werden können. Nach 15 Minuten schweife ich ab und überlege mir, wie wohl die Vorbereitung auf diese Veranstaltung aussah. Allzu viel Zeit für eine inhaltliche Besprechung wird man sich nicht gemacht haben. Für mich entsteht der Eindruck, dass man sich sagte: Der Gunter Barner hat schon so viel über den VfB geschrieben, der macht das schon. Und das ist auch nicht verwerflich. Wahrscheinlich kann man keine kritischeren und substanzielleren Fragen erwarten, sobald in der Verantwortung stehende Menschen des Profifußballs einen öffentlichen Auftritt begehen. Aber eine Veranstaltung unter dieses Motto zu stellen und hauptsächlich Fragen über die aktuelle sportliche Situation und deren Ursachen zu stellen, ist mir persönlich zu wenig. Da kann ich auch die komplette Woche die Stuttgarter Nachrichten lesen und bekomme dieselben uninteressanten Informationen. Ich habe den Eindruck, man traut den Gästen und auch den Diskutanten keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Fußball zu. Oder aber, man ist bestrebt, keine solche Auseinandersetzung zu führen. Es könnte ja sein, dass noch mehr Menschen, außer „einem ganz kleinen Teil“ (wie Hoeneß, auf die Kritik auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern angesprochen, betonte) auf die Idee kommen, das milliardenschwere Fußball-Geschäft etwas kritischer zu sehen, als alle zwei Jahre in einen EM-/WM-Event-Rausch zu geraten. Es gab einen kurzen Moment, als bei mir Hoffnung aufkeimte: Es ging drei Minuten darum, dass jungen Spielern mehr Zeit eingeräumt werden müsste, sich zu entwickeln. Natürlich mit deutlichem Zeigefinger in Richtung Medien und Fans. Natürlich nicht in die eigene Richtung, da Vereine – gegen jede Regel – minderjährigen Spielern Vorverträge anbieten.

Epilog

Wenn ich nochmals einen etwas gewagten Vergleich zur Musik machen darf: Uli Hoeneß ist der Kanye West oder auch Morrissey des Fußballs. Vor Dekaden wahnsinnig erfolgreich und tonangebend. Heute den Eindruck erweckend, mit einem Selbstverständnis und Ego ausgestattet zu sein, welches das Verständnis für die Strukturen der heutigen Zeit bzw. der jüngeren Generation um ein Vielfaches übertrifft. Dann hält man einem Redner eben vor, dass er einen Laptop benutzte, der „ferngesteuert“ gewesen sein soll. Und schiebt noch im Halbsatz hinterher, dass dies „nicht mein Verständnis von Demokratie“ sei – ohne ein Widerwort zu erwarten und zu dulden. Es kam dann auch keins. Morisseys frühere Platten kann man immer noch wunderbar hören. Bei den heutigen ist dies kaum mehr möglich. Bei Uli Hoeneß ist das ähnlich. Wahrscheinlich spürt er das.
Letzte Woche bei Arnd Zeigler wurden der Fußball und seine Fans mithilfe des Humors sehr ernst genommen. An diesem Abend wurden mit gehörigem Ernst der mündige Fan und seine/ihre Interessen meist ausgeklammert.

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