ORWELL, LOUIS PHILIPPE, LOUISE LEMAY, 15.06.2011, Betsey Trotwood, London

Orwell, Louis Philippe, Louise LeMay

Foto: Arnd Zeigler

In England kann man so ziemlich auf alles wetten. Das gute Gelingen eines Konzertabends gehört bisher freilich nicht dazu, andernfalls hätte man sehr wenig gewinnen können, hätte man auf ein Konzert-Desaster gesetzt. Denn im Vorfeld des aus Sängerin Louise LeMay, Songwriter-Chansonnier Louis Philippe und Pop-Wunder Orwell aus Nancy bestehenden Dreierpacks hagelte es Hiobsbotschaften. Wenige Tage vor dem Abend der Abende wurde ein Wechsel des Konzertortes notwendig. Der Grund ist unbekannt. Zum Ort des Geschehens wurde somit die kleine Eckkneipe „Betsey Trotwood“ im Londoner Stadtteil Clerkenwell, in dessen brachial unklimatisiertes Kellergewölbe nur bei großzügigster Handhabung 60 Gäste passen sollten. Unter ihnen Schriftsteller Jonathan Coe und Chris Evans, seines Zeichens DJ einer der besten Radioshows dieser Welt, „The Curve Ball„.

Die Gäste stehen bei unserer Ankunft allerdings unschlüssig vor dem Pub statt drinnen. Stromausfall. Seit morgens schon. Ob gespielt, gesungen, verstärkt werden kann, steht in den Londoner Sternen. Soundchecks sind fast unmöglich, was vor allem den Melodiebastlern von Orwell sichtlich Sorgen bereitet.

Louise LeMay eröffnet den Abend mit einer herzzerreissend vorgetragenen Version ihres bekanntesten Songs „Be My Guru“. LeMay ist auch auf der Bühne vom Scheitel bis zum Saum ihres pinkfarbenen Kleidchens jene liebenswert-schrullige Eigenbrötlerin, die ihre Songs über viele Jahre vor der Öffentlichkeit geheim hielt, ehe sie vor zwei Jahren allen Mut zusammennahm und ihr vorhandenes Demomaterial dem schon erwähnten Louis Philippe offenbarte. Der reagierte seinerzeit geradezu verstört ob der einzigartigen Stimme und der unwirklich schönen Kompositionen und arrangierte gemeinsam mit seinem Pianisten Danny Manners Louise LeMays erste Mini-CD. Die wurde zur Initialzündung und zum Startschuss für LeMays „neues Leben“. Seither lässt sie die Welt via Facebook über jeden noch so kleinen Fortschritt im täglichen Ringen um gute neue Songs teilhaben, von denen einige (herausragend: das wunderbare „Radium Smile“!) auch den Weg in ihr 40-minütiges Set fanden. LeMay wird von Manners einfühlsam am E-Piano begleitet. Sie trägt kein Make-Up, und ihre Songs tun das auch nicht. Im Keller des Pubs in Clerkenwell ist es beinahe feierlich still, wenn die Sängerin mit ihrer oft seltsam unwirklich anmutenden Stimme anspruchsvollste Lieder vorträgt (und, ja: das Wort „vorträgt“ trifft es hier wirklich). Lieder, die nicht selten beinahe schmerzhaft emotional, fragil und persönlich wirken. Louise LeMay wirkt dabei, als zerfließe sie in der Parallelwelt ihrer Songs. Sie scheint ihr Publikum kaum wahrzunehmen, sie scheint sich nicht um ihre Außenwirkung zu scheren, und sie sagt während ihrens Auftritts genau zwei Dinge: „Hello!“ und „This ist the last song.“. Ein schmuckloser Auftritt im besten Sinne des Wortes. Eine Künstlerin, die jeden einzelnen Ton auslebt, fühlt, offenbart, teilt. Eine Frau mit einer wahrhaft unverwechselbaren Stimme. Etwas unnahbar einerseits, und dennoch auf eine seltsame Weise sehr schnell vertraut. Das ist fast kein Pop mehr, sondern Kunst. Große Kunst.

Und genauso geht es weiter, als der seit vielen Jahren in England lebende Franzose Philippe Auclair die Bühne betritt, den ein großes englisches Musikmagazin einmal „das größte Geheimnis des Pop“ nannte. Auclair wäre beinahe einmal Gourmet-Koch geworden, fiebert sein Leben lang mit Arsenal London, hat vor Kurzem ein hochdekoriertes Buch über den Fußballer Eric Cantona geschrieben und arbeitet als Korrespondent für „France Football“. Als Sänger nennt er sich seit vielen Jahren Louis Philippe, und auch er zelebriert eine Art von Popmusik, deren Schwierigkeitsgrad, Eleganz und Perfektion man heutzutage in fast keinem Radio mehr finden kann, weil wir alle inzwischen zu Simpleren herabdressiert wurden.

Louis Philippe liefert musikalisch unter der Mithilfe von Danny Manners am Piano und Alasdair MacLean (The Clientele) an der Gitarre ein Set, das sich zwischen Lied, akustischem Pop, Chanson und zuweilen sogar Folk bewegt. Seine Texte sind so gut, dass auch Jonathan Coe im Publikum mitunter tief berührt wirkt. Und sein Gesang ist bei allerhöchsten Ansprüchen von einer Klarheit und Perfektion, die man auf Popkonzerten sehr selten zu hören bekommt. Danny Manners brilliert wie schon bei Louise LeMay, und der großartige Alasdair MacLean hält sich fast irritierend schüchtern im Hintergrund. Neben Louis Philippes eigenen Kompositionen (u.A. „An Unknown Spring“, „When Georgie Died“ und „Il ne reste plus riens de l’été“) begeistert das Trio mit dem wunderbaren Beach Boys-Cover „I Just Wasn’t Made For These Times“ und der erst einmal zuvor gespielten Prefab Sprout-Schönheit „We Let The Stars Go“. Wer sich kurz zuvor von Louise LeMays Zauber mühsam erholt hat, wird von Louis Philippe ein weiteres Mal voll erwischt. Also das Trio die Bühne nach einer Dreiviertelstunde räumt, herrscht im Kellergewölbe die verschworene Andächtigkeit eines überschaubaren Grüppchens von Musikliebhabern, die alle wissen, dass man solche Abend im Leben nur selten geboten bekommt.

Und ein Drittel des Abends stand ja noch aus. Orwell, nach einer Tour in voller Bandstärke diesmal wieder als Duo unterwegs, starten vergeblich den Versuch, sich auf etwa 12 Quadratmetern Bühne breitzumachen – mitsamt eines Vibrafons, eines Pianos, diverser Effektgeräte und einer Gitarre. Was soll’s: Orwell-Mastermind Jerome Didelot und sein kongenialer Partner Jacques Tellitocci haben uns schon in einem Eisenbahnwaggon und in einem Wohnwagen begeistert, und sie würden auch in einer Telefonzelle ganz große Popmomente hinbekommen.

Der Londoner Auftritt der beiden Franzosen aus Nancy wirft aber mehr als das die Frage auf, weshalb Orwell nicht eigentlich ständig in den großen Hallen spielen dürfen. Was sie bieten, ist Pop mit einem metergroßen, blinkenden „P“. Von Beginn an. Offene Münder im Publikum angesichts der Melodiekaskaden und des gekonnten Loop-Einsatzes, der der Musik der beiden Pop-Romantiker nicht selten so etwas wie orchestrale Quantität zu verleihen scheint. Orwell verzaubern London an jenem Abend. Zwar nur einen kleinen Musikkeller voller Engländer, aber den so richtig. „Lonely Ride“ und „Always“ vom neuen Album „Continental“ feuern Orwell triumphal in den Raum wie europaweite Hitsingles, und die älteren Werke „In Your Playground“ oder „From Here“ stehen stolz und aufrecht im Raum wie vertraute Popklassiker.

Am Ende des Abends ist das „Betsey Trotwood“ gut gefüllt mit beseelten Menschen. Musikliebhaber, Fans, ein Schriftsteller und die Musiker liegen sich innerlich in den Armen, und keiner der Protagonisten ist so ganz sicher, ob man stolz ist auf den eigenen Auftritt oder stolzer darüber, eine winzige Bühne geteilt zu haben. Mit Louise LeMay, Louis Philippe, Danny Manners, Alsdair MacLean. Und Orwell.

2 Gedanken zu „ORWELL, LOUIS PHILIPPE, LOUISE LEMAY, 15.06.2011, Betsey Trotwood, London

  • 18. Juni 2011 um 15:21
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    Must have been an amazing evening!! Danke für den Bericht, Arnd!!! Great work!!

  • 26. Juni 2011 um 11:44
    Permalink

    Oh! Ich bin ganz neidisch. So ein wunderschönes Konzert. Das haben Sie aber auch fein beschrieben!

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