ICELAND AIRWAVES, DAY 3, 15.10.2010, Reykjavik

Foto: Steffen Schmid

Ananas? Was hat es mit dieser verdammten Ananas auf sich? Schon den ganzen Abend schwebt sie über den Köpfen der Menschen im Kunstmuseum. Dann vor Hurts, dem Headliner des Abends hier, fliegt sie wild herum, wird irgendwann in Kleinteile zerlegt, und alle rufen laut im Chor: „Ananas, Ananas, Ananas!“ Verstehe einer diese Isländer. Aber von vorne bis zu Hurts, von denen man nicht wusste, ob sie hier in der nördlichsten aller Hauptstädte so angesagt sind wie gerade bei uns (Nummer Eins-Platzierung und so).

Egal mit wem man sich unterhält, ob mit Jungspunden von einem Radiosender oder mit schönen Dänen, alle haben noch nichts von Hurts gehört. Könnte ja ganz gut werden, wenn sie in der größten Venue, dem Kunstmuseum, vor einer überschaubaren Anzahl an Gästen spielen würden. Könnte, müsste, würde – es bleibt spannend.

Foto: Steffen Schmid

Die besten Airwaves-Tage beginnen mit einem Konzert in einer der vielen Off-Venues. Morgens auf dem Weg zum Hafen stolpert man hinein ins Havari, dieser liebenswürdigen Location zwischen Plattenladen und Galerie, wo gerade Diamond Rings, ein exzentrischer Kanadier mit Kajalaugen, leise Lieder spielt.

Foto: Steffen Schmid

Es sind kleine, große Konzertmomente wie dieser, die den Nieselregen vergessen lassen. Die den grauen Himmel über Reykjavik doch irgendwie sympathisch machen. Pah, wer muss schon am Strand rumfläzen? Die norwegischen Buben von Miri haben bestimmt auch schon lange keine Sonne mehr gesehen. Noble Blässe, astreiner Shoegaze-Rock in der winzigkleinen Bar 11. Davor haben schöne Isländerinnen ihre Kinderwägen geparkt.

Lara Runars

Fotos: Steffen Schmid

Lára Rúnars mal wieder. Eine tolle Eigenart des Iceland Airwaves-Festivals ist es, dass viele der rund 200 isländischen Bands (insgesamt sind es über 250) immer wieder woanders auftreten. Lára beispielsweise spielt in der Bókabúd Máls og menningar, einer der zwölf besten Buchläden der Welt, wenn man dem Werbeheftle glauben will. Es gibt aber auch CDs von isländischen Bands, lustige T-Shirts und natürlich Woll-Pullis zu kaufen. Daneben: Bücher über das Überleben in der Finanzkrise. Lára Rúnars singt ihre zuckersüßen Lieder, in denen  auch Zeilen wie „First they take your car and your home, than your wife“ vorkommen. Und es gibt wie überall Kaffee, neben Bier und Lakritzschnaps das Nationalgetränk der Isländer.

Berndsen

Fotos: Steffen Schmid

Berndsen und seine Band The Young Boys sehen ausgesucht geschmacksunsicher aus. Der Saxophonist trägt ein 80er-Jahre-Dress, der rotbärtige Troubardour David Berndsen einen rosa Herzchens-Pullover. Wir sind aber nicht beim Karneval hier, obwohl da die Musik durchaus sehr lustig und tanzbar ist. Es braucht nicht viele Lieder, und Berndsen hat die Menge zum Tanzen gebracht. „Put me on the line and I feel fine.“ Die Krise ist vergessen. Und Berndsen singt von der „Supertime“.

Dikta

Fotos: Steffen Schmid

Neben unserem Klischee von isländischer Musik, das womöglich die Parameter Elfengesang, viele Instrumente und isländische Texte enthält, stehen die Isländer aber eben einfach auch nur auf Rock. Richtigen ROCK. Dikta beispielsweise sind „officially the nation’s favourite band“, weil sie dieses Jahr den Award als beste Band bei den Icelandic Music Awards einheimsen konnten. Und ja: Dikta sind schwer beliebt. Sie werden frenetisch gefeiert, jeder ihrer Rocklieder ist bekannt, Zeile für Zeile wird da mitgesungen. Das ist doch aber unspekaktakulär und langweilig.

Endless Dark

Fotos: Steffen Schmid

Deshalb kurz ins Sódóma hereingestoplert, das heute eine ganz andere Welt ist, die mir, nun ja, völlig fremd ist. Es ist Metal-Hammer-Nacht. Es spielt Endless Dark, eine isländische Scream-Core-Metal-Band. So steht’s zumindest im Programmheft. Ich kann dazu nicht sehr viel sagen, außer dass der Sänger schöne Haare hat und dass auf der Frauentoilette wenig los war. Lustige Leute hier. Eine Frau mit Bart ist auch da.

Everything Everything

Fotos: Steffen Schmid

Zurück ins Kunstmuseum, weil hier nach Everything Everything noch so Typen aus Manchester auf der Bühne stehen. Auch Everything Everything werden gut gefeiert. Dabei ist die zum Teil eingestzte Kopfstimme des Sängers doch manchmal sehr gewöhnungsbedürftig, der Hit klingt nach The Police in cool. Und ein Lied klingt sogar nach den frühen Blur, was nun wirklich sehr nett gemeint ist.

Hurts

Fotos: Steffen Schmid

Dann aber Hurts. Theo Hutchcraft und Adam Anderson betreten mit ihrer überschaubaren Band und dem Opernsänger die in Nebel getauchte Bühne. Hier stimmt alles, jede Geste, jeder Move. Aber erst einmal sitzt Anderson ganz still da. Hutchcraft steht, die Hände vor dem schicken Jackett gefaltet. Wie schreibt das Grapevine so passend: „I’m not much for organised religion, but under the right circumstances I’m pretty sure I would join Hurts singer Theo Hutchcraft’s cult.“

Über den Look, die Musik und das Hurtsche Schaffen wurde schon zu viel gesagt, vor allem seit sie in Deutschland so erfolgreich sind. Böse Zungen aber die behaupten, hier handele es sich nur um ein ausgeklügeltes Marketingding, würden an diesem Abend überzeugt werden, dass die beiden Herren aus Manchester das alles aus Leidenschaft machen. Die sonst so coolen Typen müssen immer wieder grinsen, Hutchcraft ist begeistert von den Fans und sagt immer wieder „Takk“. Sie spielen „Blood, Tears & Gold“, „Evelyn“, „Devotion“, „Sunday“ und natürlich „Wonderful Life“, das hier doch ein Hit ist.

Hurts

Fotos: Steffen Schmid

Hutchcraft wirbelt mit dem Mikrofonkabel umher, bedankt sich einmal mehr und meint: „Seems there are a lot of girls in Iceland.“ Und vor allem sehr schöne Mädchen. Die stehen da und schmachten. Wie schreibt das Grapevine so passend: „They made one long to be twelve-years-old again, with boy-band fever, eyes glued to the sculpted features of a handsome young man, commanding your skittish emotions with just the slow, deliberate wave of his hand.“

Hurts

Fotos: Steffen Schmid

Der nächste Tag steht im Zeichen von Robyn. Da geht es dann nicht um eine Ananas, dafür ist eine Banane im Spiel.

Wer mehr Fotos möchte: Lára Rúnars, Berndsen, Dikta, Endless Dark, Everything Everything, Hurts.

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8 Gedanken zu „ICELAND AIRWAVES, DAY 3, 15.10.2010, Reykjavik

  • 17. Oktober 2010 um 15:25
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    kleine, aber eminent wichtige Korrektur Anja: „Wir sind aber nicht beim Karneval hier. Obwohl die Musik durchaus sehr lustig und tanzbar ist.“
    Nicht „Obwohl“, sondern „Weil“ oder „Da“, sonst ergibt der Satz keinen Sinn.;-)

  • 17. Oktober 2010 um 16:37
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    Stimmt. Könntest du das bitte ändern? ;)

  • 17. Oktober 2010 um 16:58
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    Falls Ihr noch nicht daheim seid, bringt Ihr mir bitte Lakritzschnaps mit? Und großartiger Pullover von Diamond Rings! <3 Super Berichterstattung Girl und Boy!! Ihr seid die Besten!!

  • 17. Oktober 2010 um 17:03
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    so ’nen Pulli dürftest Du problemlos in Tübingen oder Freiburg finden (mit ’ner Familienpackung Häggi-Sack dazu);-)

  • 17. Oktober 2010 um 17:23
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    Ey Lino, so nen Pulli hatte ich früher, schwör.

  • 17. Oktober 2010 um 17:28
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    Das riecht schon nach Räucherstäbchen. Ich hatte ein Hemd in dem Style. Pulli bei mir: hell-lila Chevan mit braunen Kunst-Rauhleder-Applikationen, das Jahrzehnt davor allerdings…

  • 18. Oktober 2010 um 22:08
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    Mir wurde gerade erst klar, dass die Isländer ja auch „Ananas“ zu „Ananas“ sagen!?

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