JOHN ALLEN „Songs from the Office“, 22.03.2020, Facebook

JOHN ALLEN "Songs from the Office", 22.03.2020, Facebook

Foto: Holger Vogt

„Springtime“ singt John Allen in seinem sonnendurchfluteten Arbeitszimmer irgendwo in Hamburg. Auch hier in Stuttgart ist ein strahlend schöner Frühlingstag. Und ist so surreal: Über 200 Menschen sitzen irgendwo, vom Virus ins Wohnzimmer verbannt, vor den Monitoren, hören Johns traurige Lieder und haben vermutlich einen dicken Kloß im Hals – so wie ich.

Inzwischen zähle ich Tag neun in der (demnächst wohl auch offiziell verhängten) Ausgangssperre, mein Internetkonsum ist auf Höchstwerten angekommen und ich hechte von einem Livestream zum nächsten. All die Musiker, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe oder schon lange mal sehen wollte, streamen aus ihren Wohnzimmern. Und ich habe schon einige denkwürdige Streams erlebt: Den allerersten mit Jah Schulz. Der ungeheuer witzigen, den Sally Grayson gestern via Zoom präsentiert hat. Die Nutzung dieser Conferencing-App ermöglichte nämlich, dass sich die Zuschauer auch gegenseitig sehen konnten. Der Moderator hat zwischen den Songs die Mikros freigegeben, so dass man real applaudieren konnte. Eine große, interkontinentale Party. Danach habe ich zweieinhalb Stunden mit dem Altpunk Attila the Stockbroker verbracht, der aus seinem Keller seine urwitzigen Punk Poems, mittelalterliche Krummhorn-Musik und Akustik-Punk präsentierte. Und wer glaubt, dass Livestreams keine Emotionen transportieren, der wurde schon dort eines Besseren belehrt.

JOHN ALLEN "Songs from the Office", 22.03.2020, Facebook

Und noch viel mehr gilt dies für John Allen. Die Kommentare in der Seitenleiste seines Streams lassen erkennen: Wohl jeder der Zuhörer scheint John von (mindestens) einem Konzert zu kennen oder eine besondere Erinnerung mit ihm zu verbinden. Die Songwünsche kommen im Minutentakt und ein Strom von Emoji-Herzen ergießt sich über den Bildschirm. Die erstaunlich gute Ton- und Bildqualität verringert die Distanz ebenfalls. Und Johns Art, den Zuschauern nah zu kommen, lässt einen die digitale Ferne schnell vergessen. Er wechselt zwischen Gitarre und Klavier und präsentiert viele frühe, lange nicht mehr live gespielte Titel. „Je weniger ich laber, desto mehr Songs bekommen wir hier unter“, erklärt er. Und wer die Konzerte kennt, bei denen Allen gerne mal in längere Anekdoten abschweift, kann zustimmen: hier wird keine Zeit verschwendet.

Im Hintergrund zu sehen: gerahmte Alben von Bruce Springsteen, Bob Dylan und Nick Cave. Und wenn ich einem Unwissenden erklären sollte, wie man sich die Musik von John Allen vorstellen muss, würde ich ziemlich sicher diese drei Bezugspunkte nennen. Und Frank Turner natürlich. Wie hart muss es für einen Musiker sein, der so viel Emotion in seine Songs bringt und auch von der Reaktion seines Publikums lebt, nun allein vor dem Computer zu sitzen und nur sein eigenes Konterfei zu sehen?

JOHN ALLEN "Songs from the Office", 22.03.2020, Facebook

Foto: Holger Vogt

Gut eineinviertel Stunden präsentiert John Allen sein Programm, alle Zuschauerwünsche werden erfüllt, natürlich spielt er „Home“ und „Freedom“, aber auch so exquisite Cover wie David Bowies „Ghost“ oder „Don’t Let Us Get Sick“ von Warren Zevon, das zurzeit eigentlich als Motto über allen Online-Gigs stehen könnte.

Ich hoffe nur, dass diese Welle von Online-Konzerten noch lange anhält und denke manchmal: „Leute, jetzt macht mal langsam. Verschießt nicht euer ganzes Pulver am Anfang. In sechs oder acht Wochen brauchen wir euren musikalischen Zuspruch wahrscheinlich noch viel dringender als heute.“

Update 23.03.2020: Inzwischen gibt es die ganze Session auch auf Youtube.

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