MEIKE BOLTERSDORF, 30.08.2019, Merlin, Stuttgart

Foto: Carsten Weirich

Wie sang schon Petula Clark genau richtig: When you’re alone and life is making you lonely, you can always go downtown. Wenn alle deine Freunde im Urlaub sind und die sommerliche Schwermut zuschlägt, you can always go Klinke.

Nachdem mich die Tremolettes mit ihrem Auftritt Mitte August ziemlich begeistert haben, freue ich mich heute auf Meike Boltersdorf. Die habe ich schon einige Male live gesehen, u.a. als temporäres Bandmitglied bei Torben Denver, aber noch nie als abendfüllenden Hauptact.

Ziemlich pünktlich um halb neun eröffnen aber erst einmal Klangkrise aus Ludwigsburg (Quelle: Internet). Das Mann/Frau-Duo spielt ein knackiges Set mit hoher Dichte an NDW-Reminiszenzen (Fred vom Jupiter-Intro, Ich düse im Sauseschritt-Cover). Allerlei elektronische Gerätschaften sind aufgebaut, und sogar eine prächtige rote Keytar kommt zum Einsatz. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Kommt beim Publikum insgesamt gut an und wird mit wohlwollendem Applaus und Zugabe-Rufen bedacht.

Kurze Umbaupause und es geht zügig weiter im mittlerweile gut gefüllten Saal. Meike Boltersdorf steht am Stagepiano, rechts von ihr ein aufgeklapptes Macbook, sehr viel mehr gibt es nicht zu sehen. Im Hintergrund werden von Meike selbstproduzierte Visuals projiziert, das ist neu. Passt sehr gut zur Musik und zum Gesamtkonzept, das darf an dieser Stelle schon einmal verraten werden. Das Set beginnt eher dreamy und melancholisch, mit fast düsteren Untertönen.

Manchmal denkt man ja, man hätte langsam genug von Vintage-Synth-Sounds bzw. hätte schon jede mögliche Einsatzsweise gehört, aber bei Meike werden die eigentlich bekannten Bestandteile dann doch noch einmal ganz neu und spannungsreich zusammengesetzt. Verdammt, wie macht sie das? Das Timing ist perfekt, die Songstrukturen sind schwer durchschaubar, überraschend und trotzdem zugänglich und auf den Punkt.

Man zieht ja gerne diesen Ballettvergleich heran, um zu beschreiben, dass etwas umso schwieriger ist, je leichter und selbstverständlicher es aussieht. Ungefähr so ist es auch hier. Meike grinst und strahlt zwischendrin, macht lustige Ansagen und wirkt vor allem zwischen den Stücken alles andere als unnahbar. Wenn sie dann allerdings spielt, ist es als laufe ein (im positiven Sinne) völlig präzises Programm ab, bei dem absolut selbstverständlich und organisch ein Akkord auf den anderen folgt. Kleine Verzögerungen und Akzente an genau den richtigen Stellen sorgen für Spannung und Dichte, eine glockenklare, aber sehr entspannte Stimme ergänzt denn warmen Pianosound und den alles einrahmenden und gleichzeitig auch irgendwie freischwebenden Beat.

An vergleichbarem Sound fallen mir zum Beispiel Joanna Newsom ein oder Bisan Toron; das Set-Up (Keyboard + Frau(en)) wiederum erinnert an Au Revoir Simone. Wobei man sagen muss, dass Meike das, was Au Revoir Simone (auch sehr gut) zu dritt machen, halt einfach alleine bewerkstelligt.

Im Hintergrund flirren Streifen, Lichtpunkte, Stadt- und Naturaufnahmen oder Feuerwerk über die Leinwand. Zum Hit „Y“ wird das dazugehörige Musikvideo gezeigt.

Das Schöne an Pop ist bekanntermaßen, dass man nicht übertrieben viel können muss, und das soll auch genauso bleiben. Trotzdem finde ich es immer wieder faszinierend, wenn Künstler*innen eine Virtuosität und Professionalität mitbringen, die dem Ganzen wie hier eine besondere Dimension und Tiefe verleihen. Außerdem gefällt mir, dass die düsteren oder dramatischeren Elementen immer mit leichten und schwebenden Akzenten kontrastiert werden.

Andersherum sind Gesang und Melodien aber auch nicht nur ätherisch, sondern pointiert und herausfordernd. Meikes sehr witzige und sympathische Ansagen und ihr eigenwilliges Bühnenoutfit (rot-gelber Adidas-Trainingsanzug mit Tüll-Elementen) wiederum bilden einen interessanten Gegensatz zur durchaus ernsten und manchmal fast nicht von dieser Welt scheinenden Musik.

Der letzte Song vor der Zugabe gefällt mir am besten, wobei ich alle Stücke wirklich großartig fand. Auf der Leinwand sind surfende Frauen in Bikinis zu sehen sind. „Ich möchte mich entschuldigen für das nun folgende Bildmaterial, weil das eigentlich nicht in Ordnung ist,“ kündigt Meike ironisch an. Das Stück selbst kommt mir einen Tick poppiger vor als der Rest, möchte ich auf jeden Fall nochmal hören.

Inklusive Zugabe ist nach zehn Stücken Schluss. Die Zugabe selbst ist dann ähnlich wie das erste Stück wieder eher etwas ruhiger. So schließt sich der Kreis. Klinke, bestes Mittel gegen Summertime Sadness.