THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Michael Haußmann

Das Jubiläumsjahr in der Manufaktur neigt sich langsam dem Ende zu und ich glaubte bereits, alle Highlights gesehen zu haben. Welch ein Irrtum! Dass Stuttgarts stadtbekannter französischer Musiknerd angesichts der Ankündigung eines Besuchs seiner Landsleute The Limiñanas völlig aus dem Häuschen geriet, hat mich neugierig gemacht. Gehört hatte ich von dieser Band bis dato nichts, das Reinhören in die Alben brachte aber Positives zu Tage: Schrebbelsound à la Velvet Underground, Gesangsparts im Stile von Jane Birkin oder Serge Gainsbourg, dazu ein hypnotisch-monotones Schlagzeug. Das sollte sowohl meine musikalische Neugier als auch meine latente Frankophilie befriedigen. Also ab nach Schorndorf, obwohl zeitgleich im Merlin Dream Wife locken…

THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Michael Haußmann

Die just für ihr herausragendes Programm mit dem Spielstättenprogrammpreis APPLAUS ausgezeichnete Manufaktur wird jedenfalls für dieses mutige Booking mit recht ansehnlichem Publikumszuspruch belohnt. Gut 120 Zuschauer dürften sich eingefunden haben, darunter einige frankophone, wie sich später herausstellen wird. Und die sehen sich einem erfrischend unkonventionellen Bühnensetup gegenüber. Ein Minimalschlagzeug ist schräg direkt an der Bühnenkante positioniert. Daneben Platz für zwei Gitarren und eine Sängerin. In der zweiten Reihe zwei weitere Gitarren, Keyboards und ein Platz für den Bass. Das Ganze ebenso simpel wie wirkungsvoll mit drei Reflektorschirmen dekoriert, wie man sie aus Fotostudios kennt.

THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Michael Haußmann

Die Band selbst ist komplett in schwarz gewandet, bis auf den Gitarristen im Hintergrund, der nicht nur eine verblüffende Ähnlichkeit mit Michel Piccoli hat, sondern auch seine skurrile Instrumentensammlung mit bunten Pünktchen dekoriert hat und konsequent dazu ein Hemd mit Polka Dots trägt. Aber im Mittelpunkt steht natürlich der Kern der Band, das Ehepaar Lionel und Marie Limiñana. Er besticht optisch durch einen beeindruckenden Demis-Roussos-Rauschebart, sie setzt mit ihren leuchtend roten Haaren einen der wenigen Farbakzente. Viel wichtiger ist allerdings ihr fabelhaftes Zusammenspiel von Gitarre und Schlagzeug, das den treibenden Sound der Limiñanas prägt.

THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Michael Haußmann

Mit dem Instrumental-Opener „Ouverture“ setzen sie die Stimmung für heute Abend: Etwas düster, mit raffiniert gegeneinander versetzten Gitarren und einem Schlagzeug, das ohne Snare und Becken auskommt und damit einen dunkel rollenden Beat produziert, der die ersten Reihen schon sehr früh in Bewegung versetzt. Diverse Schellenringe und anderes Klapperzeug setzen die Hochtöne. Sage und schreibe 29 Titel entdecken wir auf der Setlist. Einige davon sind recht kurz, aber dennoch kündigt sich hier ein opulentes Konzert an. Auf Ansagen wird komplett verzichtet, ein Titel reiht sich an den anderen und die Musik entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. Der Rock changiert auch mal Richtung Garage, Shoegaze, Yéyé, Fuzz, Sixties Psychedelia oder Noise, eine schicke Retro-Orgel setzt Akzente und der Pünktchen-Piccoli macht seltsame Soundexperimente. (Die leider manchmal etwas zu leise sind)

THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Michael Haußmann

Besonders begeistert mich die Sängerin, die auf diese ganz besondere Art nicht singen kann, wie es bei Jane Birkin oder Brigitte Bardot der Fall ist. Da kommt sogar etwas Saint-Trop-Feeling auf. In vielen Titeln zieht die Rhythmus-Sektion mal mehr oder weniger deutlich das Tempo an, was die Bewegungen im Publikum langsam aber sicher auch in die hinteren Reihen transportiert. Zwei Zugaben klatscht das völlig begeisterte Publikum heraus und auch die Band lässt deutlich erkennen, dass ihr dieses Konzert großen Spaß gemacht hat. Kurzum: es würde mich sehr wundern, wenn wir diese herausragende Band nicht mal wieder in der Manufaktur begrüßen dürften. Die für mich wichtigste Erkenntnis allerdings: wir sollten uns viel mehr mit der Musik unserer Nachbarn westlich des Rheins beschäftigen. Da dürften noch einige Perlen zu entdecken sein.

THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Michael Haußmann

Ein Gedanke zu „THE LIMIÑANAS, 16.11.2018, Manufaktur, Schorndorf

  • 22. November 2018 um 07:50
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    Danke für das schöne Review, Holger. Den Begriff „Yéyé“ kannte ich bis dato noch nicht, wieder was gelernt… :-)

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