SPOON, AND THE GOLDEN CHOIR, 07.06.2018, Manufaktur, Schorndorf

Spoon

Foto: Steffen Schmid

So ein Jubiläumsjahr, das kann ja schon fast in Stress ausarten. Nicht nur für den Veranstalter, auch für die Gäste. Was die Manufaktur anlässlich ihres 50sten Geburtstags auffährt, sind Pflichttermine in dichter Taktung. Wann haben wir hier in Schorndorf das letzte Mal mehrere ausverkaufte Gigs in Folge erlebt? Die musikalischen Schwergewichte geben sich jedenfalls die Klinke in die Hand, ein Konzerthöhepunkt jagt den nächsten, und ein Ende des Jubiläumsprogramms ist noch nicht in Sicht.

And The Golden Choir

Foto: Steffen Schmid

Die Anreise zum Gig der Indie-Kultrocker Spoon gestaltet sich aber erstmal schwierig. Ein Unwetter apokalyptischen Ausmaßes zwingt uns zu Schleichtempo und als wir endlich ankommen, sind weiträumig alle Parkplätze belegt. Wir fürchten, den Support And The Golden Choir zu verpassen. Und tatsächlich: als wir kurz nach halbneun die ausverkaufte Halle betreten, hat Tobias Siebert bereits mit seinem Set begonnen. Zu seinen knarzenden Soundtracks auf Vinyl („My Band“), spielt er diverse, teils exotische Instrumente. Zum Plattenwechsel genehmigt er sich jeweils einen Schluck Rotwein und sein flamingo-geschmückter Seiden-Kimono rundet das Bild eines verschrobenen Soundtüftlers ab. Die Songs sind wunderbare Pop-Miniaturen, entfalten ihre Wirkung aber nicht so wie bei seinem magischen Abschluss-Gig beim Marienplatzfest 2015. Und ich sage es ungern: das liegt leider am Publikum. Ganz manufaktur-untypisch wird so laut palavert, das selbst direkt vor der Bühne die Musik gestört wird. Allzu groß scheint wohl die Vorfreude auf Spoon zu sein. Und vielleicht ist das Programm mit diesen beiden künstlerischen Schwergewichten, die ja doch recht unterschiedlich sind, zu anspruchsvoll geraten?

Spoon

Foto: Steffen Schmid

Um 21:45 betreten Spoon mit einem Intro die Bühne, Britt Daniel reckt die Hand zu einem Einzähler in die Höhe und ab geht die Rock’n’Roll-Show mit dem schweren Beat von „Do I Have To Talk You Into It“. Der Bühnenaufbau ist mächtig: Ein silberner Backdrop und Massen von Zusatzscheinwerfern schaffen einen Rahmen, der eindeutig für weit größere Bühnen dimensioniert ist. Der musikalischen Druck, der von der Bühne kommt, wird dadurch jedenfalls eindrucksvoll verstärkt. Keine Frage: diese Band spielt in der Profi-Liga. Ihr aktuelles Album „Hot Thoughts“, das 2017 auf kaum einer Bestenliste fehlte, haben wir letztes Jahr auf dem Maifeld Derby in weit größerem Rahmen ebenfalls sehr überzeugend präsentiert bekommen. Heute Abend ist es gerade mal mit vier Titeln in der Setlist vertreten. Und deren Zusammenstellung beweist nachdrücklich, dass „Hot Thoughts“ keineswegs ein einmaliges Ausnahme-Album in Spoons Oeuvre bildet. Im Gegenteil: die fünf Musiker präsentieren ein homogenes Set aus durchweg hochklassigen Pop- und Rocknummern, die das Publikum trotz mörderischer Temperaturen im Saal sogar in Bewegung setzen.

Spoon

Foto: Steffen Schmid

Es sind die Keyboard-Sounds von Eric Harvey und der stoische Peter-Hook-Bass von Rob Pope, die den Sound von Spoon bestimmen. Und auch wenn Frontmann Britt Daniel manchmal etwas zerstreut wirkt, spürt man seine ganze Routine, wenn es darum geht, das Publikum mit Rockposen zu begeistern. Da werden einzelne Zuschauer angesprochen, da kniet er an der Bühnenkante oder singt ein ganzes Lied im Liegen. Das Schlagzeug hat man nach rechts gerückt, um ihm mehr Platz auf der Bühne zu schaffen.

Wenn ich an dieser Stelle meine Checkliste für Top-Konzerte abhaken würde, ich könnte keinen Makel an diesem Auftritt finden. Und trotzdem holt mich die Band nicht zu hundert Prozent ab. Woran mag es liegen? Ist die Show zu glatt produziert? Ist es die spürbare Nähe zum Stadionrock? Oder ist es einfach zu voll und zu heiß? Nee, an letzterem liegt es sicher nicht. Ich glaube, es ist der „Fluch der Manufaktur“. Die Erwartungen, die ich mit einem Besuch in Schorndorf verbinde, sind inzwischen wahrscheinlich maßlos überzogen. Nach den letzten drei Konzerten, die sich alle sofort in meine Jahresbestenliste katapultiert haben, musste es einfach passieren: nach Yo La Tengo war einfach keine Steigerung mehr möglich. Und selbst ein rundum gelungenes Konzert fällt dann halt im Vergleich dazu ab.

Spoon

Foto: Steffen Schmid

Die gute Nachricht: Ich bin ganz offensichtlich der einzige im Saal, dem das so geht. Die Stimmung ist prächtig, das Programm ist üppig und es ist bereits nach halbzwölf, als eine schwitzende und glückliche Masse in die kühle Nach-Gewitter-Nacht entlassen wird. Wie gesagt: das Manufaktur-Programm hält noch viele Sommer-Highlights bereit. Und zu The Mystery Lights, The Notwist, zum Jubiläumsfest mit The Burning Hell und vor allem zu Protomartyr versuche ich, mich auf ein vernünftiges Maß an Vorfreude zu beschränken. ;)

Spoon

Foto: Steffen Schmid

Setlist Spoon

Do I have To Talk You Into It
Inside Out
I Turn My Camera On
Trouble Comes Running
Hot Thoughts
Don’t You Evah
Do You
Via Kanella
I Ain’t The One
Everything Hits At Once
Can I Sit Next To You
My Mathematical Mind
Don’t Make Me A Target
The Underdog
Got Nuffin

Spoon

And The Golden Choir

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