YO LA TENGO, 17.05.2018, Manufaktur, Schorndorf

YO LA TENGO, 17.05.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto:Özlem Yavuz

Manchmal braucht man als „Konzertkritiker“ auch ein wenig Mut. Mut zu Unbekanntem und vor allem: Mut zur Lücke. Ob es daran liegt, dass Yo La Tengo immer der Nimbus einer der wichtigsten Band der 1990er umschwebte? Oder daran, dass man als Neuling bei einem Oeuvre von sage und schreibe 23 Alben gar nicht weiß, wo man anfangen soll? Jedenfalls bin ich um diese Band immer herumgeschwänzelt, habe mich aber nie richtig an sie angenähert. Nun aber, 34 Jahre nach der Band-Gründung und nach vielen verpassten Gelegenheiten, nehme ich all meinen Mut zusammen und wage mich an diese Giganten heran.

YO LA TENGO, 17.05.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto:Özlem Yavuz

Erwartungsgemäß ist die Manufaktur – die in ihrem 50sten Jubiläumsjahr mit geradezu beängstigender Dichte musikalische Schwergewichte wie Yo La Tango auf die Bühne bringt – komplett ausverkauft. Und der hohe Anteil an in Ehren ergrauten Altersgenossen lässt befürchten, dass nahezu jeder hier im Saal mehr über diese Band weiß als ich. Die Bühne ist dicht bestückt mit lose verteilten Musikinstrumenten. Darüber schwebt eine liebevoll selbstgebastelt wirkende Deko aus diversen Schallplatten und anderen Tonträgern. Täusche ich mich, oder sind das „zufällig“ genau 23 Platten? Um 20:45 Uhr betritt das Trio die Bühne. Komplett unprätentiös schleichen sie sich in ihr Programm hinein. Kleine unspektakuläre Songs, leicht verfrickelt, manchmal etwas folkig, aber immer mit eingängigen Melodien. Zarter, zurückgenommener Gesang. Ich erkenne einige Titel des aktuellen Albums „There’s a Riot Going On“, das ja nicht nur gute Kritiken eingefahren hat. Ich lasse mich von dem legeren, manchmal etwas psychedelisch angehauchten Wohlklang einspinnen, die Fotografin findet’s eher langweilig. Eine knappe Stunde puzzeln sich Georgia Hubley, Ira Kaplan und James McNew durch das Set, bevor sie eine kurze Pause ankündigen.

YO LA TENGO, 17.05.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto:Özlem Yavuz

Bei den meisten Bands wäre vermutlich nach einer Stunde Schluss, was Yo La Tengo – die bis hierher quasi als ihre eigene Vorband aufgetreten sind, in den nächsten knapp eineinhalb Stunden hinterherschieben, ist allerdings mit Attributen wie „mächtig“ oder „umwerfend“ nur unzureichend beschrieben. Mit einem brachial lauten Riff eröffnet der immer etwas sauertöpfisch schauende Ira Kaplan Teil zwei des Abends und setzt den Grundton für den rockigen Part des Konzerts. Ausufernde Gitarrensoli, Retro-Keyboards, Soundwände und Feedback-Gewitter versetzen das Publikum in helle Begeisterung. Der häufig bemühte Vergleich mit Velvet Underground deckt hier nur einen schmalen Teil des musikalischen Spektrums ab. Bis auf einen kleinen Zwischenpart mit leiseren Songs wird hier ein unfassbar vielfältiges Programm bis hin zu Noise und Postrock geboten. Dabei wirkt es immer wie mühelos aus dem Ärmel geschüttelt und hat gesanglich seine stärksten Momente, wenn Kaplan und Drummerin Georgia Hubley ihre Stimmen kombinieren. Ein spektakulärer Höhepunkt wird erreicht, als Kaplan zwei Gitarren aneinander reibt und schrilles Gekreische produziert. Aber egal wie schräg die Songs auch ausarten, sie finden immer zurück in eingängige Melodien.

In der Zugabe präsentieren die drei noch eine musikalische Reminiszenz an die 50-jährige Geschichte der Manufaktur bevor sie sich nach knapp zweidreiviertel Stunden von einem restlos begeisterten Publikum verabschieden. Keine Frage: Mein Mut wurde mehr als belohnt, die Annäherung an die legendäre Band verlief einfacher als erwartet. Und der Impuls für die Beschäftigung mit dem Gesamtwerk ist gesetzt.

YO LA TENGO, 17.05.2018, Manufaktur, Schorndorf

Foto:Özlem Yavuz

Ein Gedanke zu „YO LA TENGO, 17.05.2018, Manufaktur, Schorndorf

  • 20. Mai 2018 um 20:41
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    Das beste Konzerte seit .. hm.. Pavement vor langer Zeit. Wir stimmen also überein. Allerdings fand ich den ersten Teil sogar besser als den zweiten. Die Leichtigkeit und Präzision war phänomenal. Auch die stimmungsvollen Übergänge waren meisterlich. Und alles, wie von Holger geschrieben, einfach aus dem Ärmel geschüttelt. Ganz groß. Yo la tengo, come back to Germany soon!!!

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