MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

Editors – Foto: Michael Haußmann

Nach der gelungenen Findungsphase am Freitag, lautete das Motto für den Samstag: „Ceep calm, drink beer and listen to less bands“. Den ersten Punkt hakten wir mit einem ausgiebigen Frühstück in der Mannheimer Innenstadt ab. A propos Mannheim: Nicht selten hört man leicht geringschätzige Bemerkungen über die Stadt der Quadrate. Unsere – zugegebenermaßen kleinen – Eindrücke waren aber durchaus positiv. Häuserfassaden wie im Stuttgarter Westen oder Süden, ein lebendiges, sozial vielfältiges Straßenbild und eben ein Festival wie das Maifeld Derby, was es in dieser Form auf absehbare Zeit vermutlich in Stuttgart nicht geben wird. Die Gründe kann man ausgiebig erörtern und zudem kenne ich die strukturellen Hintergründe des Festivals nicht. Festzuhalten bleibt aber, dass es durchaus möglich ist, in diesem harten Geschäft ein Vorzeige-Festival zu etablieren – da scheinen viele Seiten vieles richtig zu machen.

Den zweiten Punkt unseres Mottos begannen wir unverzüglich nach Betreten des Geländes umzusetzen. Das Maifeld Derby besticht nämlich durch ein veritables Bier-Angebot. Sehr zu überzeugen wusste die Brauerei Eichbaum mit ihrem „Roten Räuberbier“, dem „Kellerbier naturtrüb“ und dem „Kläänes Pilsener“. Etwas uneins war die Stuttgarter Reisegruppe hinsichtlich des Angebots der Woinemer Hausbrauerei. Zu hopfig, zu bitter, so das Urteil. Zudem war noch die Braumanufaktur Steckenpferd im Kühlschrank des Bierstandes vertreten und Warsteiner – einen bekannten Headliner, dessen beste Zeit vorüber ist, braucht man auch beim Bier-Line-Up.

Bands haben wir allerdings auch noch auf dem Zettel gehabt – allerdings bewusst nicht so viele, die dafür etwas bewusster. Der Effekt, dass bei einem solchen Angebot manches im Nachhinein verschwimmt, stellt sich immer ein. Deshalb waren wir ja da, um etwas Struktur in die Sache zu bringen. Zunächst begab sich die gig-blog-Fraktion zum Parcours d’Amour, dort spielte die Nürnberger Band Me & Reas auf. Folk-Pop mit englischen Texten, ideal um den Berichterstatter-Motor entspannt in Schwung zu bringen. Nicht unbedingt die Neu-Erfindung des Pop 2018 und die Musik, die mich restlos überzeugt. Aber das muss ja auch nicht immer der Anspruch an eine Band sein, die es schafft, mit sympathischem Auftreten und Spielfreude die Gunst der Tribüne für sich zu gewinnen. Den Charming-Preis gewannen sie dann endgültig mit ihrer akustischen Zugabe auf den Stufen inmitten des Publikums – sehr schöne Idee (und gleichzeitig um den Abbau der eigenen Instrumente herumgekommen – ganz schön clever)!

MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

5K HD – Foto: Michael Haußmann

5K HD standen als nächstes auf der Liste – ein Tipp von unserem Autor „stegoe“. Im großen Zelt hatte die Luft bereits um die Nachmittagszeit einen beachtlichen Grad des Stickigen angenommen, als die Band aus Wien die Bühne betritt. Richtig, wieder einmal Wien. Es ist mittlerweile beängstigend, welche Schlagzahl die Hauptstadt unseres geliebten Nachbarlandes vorlegt, was innovative und zeitgenössische Popmusik angeht. Ausgewiesene Nicht-Freundinnen und Freunde des Wiener Dialekts (und die gibt es tatsächlich), atmeten schon beim ersten Songs erleichtert auf – bei 5K HD wird auf englisch gesungen. Und dann hieß es Bühne frei für das musikalische Highlight des Samstags! Schon die ersten Takte überzeugen mich: Synthies, an denen Benny Omerzell experimentierfreudig die Knöpfe dreht. Martin Eberle an der Trompete, mit betörend reizvoll eingesetzten Effekten. Manu Mayr am Bass und Lukas König am Schlagzeug, die den rhythmischen Überblick bewahren. Und Mira Lu Kovacs, die dem ganzen die stimmliche Krone aufsetzt. Man merkt schnell, da sind Zocker an ihren Instrumenten: teilweise vertrackte Rhythmen und jazzige Passagen, die aber nie den poppigen Unterbau verlassen. So wechseln sich Gesang, Synthie oder Trompete bei der Melodieführung ab, während die jeweils anderen ihrer Spiellust scheinbar freien Lauf lassen. Ein unglaublicher Ideenreichtum, der in den 40 Minuten präsentiert und mit tosendem Applaus honoriert wird.

MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

Emirsian – Foto: Michael Haußmann

Zurück zum Parcours d’Amour und zu Emirsian. Dahinter verbirgt sich der Musiker Aren Emirze, der weitestgehend solo und mit Akustik-Gitarre die Bühne im Reitstadion bespielt. Damit die Stimmung bei den wunderbar melodiösen Liedern in armenischer Sprache nicht allzu sehr in die Einhorn-Herzchen-Glückseligkeit abdriftet, wird kurz der Genozid an den Armeniern angesprochen, was zielsicher kurz für Verwirrung des Publikums sorgt. Um die Seligkeit wieder herzustellen, begleitet die ca. 10-jährige Tochter ihren Vater und erntet zu Recht herzlichen Applaus. Publikum und Künstler werden dann doch mit jedem Song vertrauter miteinander und alle genießen die sonnendurchfluteten Lieder. Es tritt ein interessanter Effekt auf, wenn ich solch ruhigen Songs in einer mir nicht verständlichen Sprache zuhöre: Die Fantasie ist sogleich viel aktiver als bei deutschen oder englischen Texten und eine wohltuende Ruhe stellt sich ein bei dem Versuch, mir eine typisch armenische Landschaft vorzustellen.

MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

Tank and the Bangas – Foto: Michael Haußmann

Die Delegation trifft sich sodann wieder im großen Zelt zum Auftritt von Tank And The Bangas. Allerdings bleibt die Delegation nicht lange zusammen, denn dieser Auftritt führt zu den unterschiedlichsten Bewertungen. Kollege Holger wird noch am nächsten Tag die Band aus New Orleans als negativen Vergleichswert heranziehen. Ich hingegen kann mich diesem kaum definierbaren Chaos nicht entziehen. Rap, R‘nB, Funk, Soul, Jazz, Rock – soweit, so durcheinander. Dazu werden aber noch wahlweise aus den 90ern gebeamte Synthie-Sounds gepackt, ein Original Saxofon-Sound aus den 80ern, Gitarren-Soli aus den 70ern oder eine Querflöte – gerne auch mal alles zusammen. Im Zentrum der Versuchsanordnung befindet sich die Frontsängerin Tarriona Ball, die hüft- und handtuchschwingend eine wahnsinnige Energie auf die Bühne bringt. Das klingt zugegebenermaßen nicht immer ganz nachvollziehbar und nicht ultra-tight. Aber trotzdem habe ich nie das Gefühl, dass die Musikerinnen und Musiker nicht ganz genau wissen, was sie tun. Dem noch anwesenden Publikum gefällt es sicht- und hörbar – es wird getanzt, gejohlt, gepfiffen, applaudiert und nach 56 Minuten äußerst erschöpft und beseelt die zehn Grad kühlere Außenwelt erreicht.

Ein Besuch im kleinen Zelt stand innerhalb der drei Tage nicht oft an – Kreisky am Vortag und nun der Rapper Goldroger. Zusammen mit seinem MC und einem E-Gitarristen ergab sich ein durchaus interessanter Mix, der allerdings doch irgendwann an Spannung nachließ. Leider konnte man von einigen Bereichen im Zelt auch den Texten nicht gut folgen, weswegen dieser Act nach vier Songs auf den häuslichen Gebrauch verschoben wurde, denn an sich klang das schon vielversprechend.

MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

The Wombats – Foto: Michael Haußmann

Als Head- und Co-Headliner standen bei mir nun noch The Wombats sowie die Editors auf dem Programm. So ganz erschloss mich die Verpflichtung der beiden nicht und bei The Wombats war ich dabei am meisten überrascht. Zuletzt habe ich sie vermutlich bei meinem letzten Besuch im Zwölfzehn oder im Schocken wahrgenommen. Dort waren sie einige Jahre fester Bestandteil manch durchtanzter Nacht. Genau das schien auch die Motivation eines erheblichen Teils des vor der Fackelbühne versammelten Publikums zu sein. Wie auf Knopfdruck kam bei den zu Evergreens des Indie-Rock gewordenen „Moving To New York“ oder „Let’s Dance To Joy Division“ Bewegung in die Masse. Den immer sehr agil agierenden Kameramann des Schwenk-Kamera-Krans von Arte inmitten des Publikums freute dies ungemein. So gab es noch ein paar schwungvolle Kamerafahrten über die Menge mehr als ohnehin schon und für mich die nachfolgende Erkenntnis, dass ich doch besser zu This Is The Kit gegangen wäre. Aber diese Überlegungen bei einem Festival sind immer müßig und den Ärger nicht wert.

MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

Editors – Foto: Michael Haußmann

Die Editors konnten mich auch nicht überzeugen und schafften es, mich nach etwa der gleichen Zeit aus dem Zelt zu spielen wie am Vorabend schon Nils Frahm. Ein kleiner Beitrag leistete da aber auch der undefinierte Sound. Es zeigt sich, dass die einzelnen Personen am Mischpult, welche die großen Bands selber mitbringen, durchaus unterschiedlich mit der Anlage und der Akustik dieses großen Zirkuszelts umzugehen wissen. Auch hier ärgerten wir uns aber in keinster Weise, sondern freuten uns bei einem abschließenden Warsteiner Bier auf den Sonntag.

5K HD

V.O.

Emirsian

Tank And The Bangas

The Wombats

This Is The Kit

Editors

Ein Gedanke zu „MAIFELD DERBY, Tag 2, 16.06.2018, Maimarkt, Mannheim

  • 21. Juni 2018 um 10:56
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    Danke für die Eindrücke in Bild und Text. 5K HD – interessante Entdeckung!

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