PRAG, 10.05.2013, Sudhaus, Tübingen

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Foto: Patrick Grossien

Dass Schauspielerin Nora Tschirner musikgeschmacktechnisch eine von den Guten ist konnte man, wenn man einigermaßen genau aufpasst, schon seit geraumer Zeit mitverfolgen (Blur, PulpShakira). Umso toller, dass sie jetzt selber Musik macht und noch besser, dass sie das im Rahmen einer Band betreibt, die so ungefähr alles beinhaltet, was man hier im Gig-Blog-Pop-Department zu Recht extrem gut findet: Sechziger-Jahre-Einflüsse, Streicher & Bläser, fröhlich/traurige Texte, Begeisterung für französische Teenager-Kino-Stars der 80er Jahre usw. Nicht nur optisch ähneln die Prag-Co-Frontpersonen Erik Lautenschläger und Tom Krimi zudem auffällig der ebenfalls sehr geschätzten Gruppe Erdmöbel.

Entsprechend groß war die Freude, als feststand, dass Prag auf ihrer ersten Tour auch in unsere Nähe kommen. Mit geschätzt zweihundert Zuschauern ist das Sudhaus in Tübingen gut gefüllt. Das Publikum besteht aus nett aussehenden Menschen, die altersmäßig eher über als unter dreißig sind, Männer- und Frauenanteil ungefähr ausgeglichen. Die zufällig angetroffene freundliche Arbeitskollegin E. und ich haben uns ein Beispiel am Band-Line-Up genommen und kreuzen jeweils in Begleitung von zwei befreundeten Herren auf.

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Foto: Patrick Grossien

Wir stehen vom Publikum aus gesehen links vorne, vor uns ein Mikrofon-Ständer, um den ein Stück weiße Spitze gewickelt ist und ein mit Glitzerstoff behängter Keyboardständer, auf dem diverse Glockenspiele aufgebaut sind. Im Hintergrund nimmt die Begleitband Aufstellung, ein Trompeter, Bass, Schlagzeuger, Keyboard, Cello, zwei Geigen. Die sympathischen Bandmitglieder sind adrett in schwarz-weiß gekleidet, das hat ein bisschen was von Schulaufführung (toll!!) und erinnert auch an die wundervolle Band The School aus Cardiff. Sowieso sind Gig-Blog-Lieblingskollege Lino und ich uns einig, dass Prag auch hervorragend zum spanischen Indie-Pop-Label Elefant Records passen würden (das Label, auf dem The School veröffentlichen), die müssen wir unbedingt verkuppeln.

Nacheinander betreten Erik Lautenschläger, Tom Krimi und Nora Tschirner zum zarten Instrumental-Opener „Leisestreichler“ die Bühne. Nora trägt ihr fantastisches Trademark-Matrosenkleid (knielang), schwarze, blickdichte Strumpfhosen, flache weiße Schnürschuhe, die Haare locker hochgesteckt, hellblau manikürte Fingernägel, Sixties-Lidstrich. Verdammt, ist die schön. Die Jungs aber auch in ihren absichtlich nachlässig angeknitterten Retro-Anzügen und akkurat frisiert.

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Foto: Patrick Grossien

Das erste Stück nach dem Intro ist „Zeit“. Nora, Erik und Tom stehen von links nach rechts aufgereiht im Vordergrund, Erik in der Mitte singt ausdrucksstark aber schön unprätentiös, Nora spielt Gitarre und singt Background. Und dann passiert’s, Gig-Blog-Fotograf P. hat Probleme mit seiner Kamera, das entgeht Frontfrau Nora nicht. „Ich spüre doch, wenn Verzweiflung herrscht,“ spricht sie charmant, nimmt dem verdutzten jungen Mann die Zweitkamera aus der Hand, fotografiert inzwischen mal das Publikum („wichtig, dass man das macht, bevor der Saal leer gespielt ist“) und gewinnt P. so ein bisschen Zeit zur Lösung der technischen Probleme. Später post sie noch mal extra fröhlich zu uns rüber. Soviel Charme und Empathie, wenn wir nicht eh schon verliebt wären, wären wir es jetzt, völlig alternativlose emotionale Reaktion.

Weiter geht’s mit „Sophie Marceau“ und Nora Tschirner „an der größten Mundharmonika der Welt“ (Ankündigung von Erik Lautenschläger). Nora spielt außerdem mit lässig auf den Rücken gehängter Gitarre eine Art Zither.

„Ende“ ist ein sehr langes Stück mit vielen großartig klingenden Trompetenparts, Erik singt hingebungsvoll, Nora spielt Gitarre, Glockenspiel und Triangel, Tom Krimi strahlt glücklich. Generell wird auf dieser Bühne viel gestrahlt und in alle Richtungen gelächelt und augengezwinkert, auf arrogante Unnahbarkeit hat hier keiner Bock.

Achtzehn Stücke inklusive Zugabe spielen Prag. Linos Favorit ist „Argumente tausendfach“, meiner „Einfach“. Live funktioniert das toll instrumentierte und arrangierte Album perfekt, echte Bläser und Streicher klingen einfach wunderschön.

Zum Schluss holen wir uns noch Autogramme und knipsen Fotos, die professionelle Distanz ist dahin, was soll’s. Tolle Band, wundervolles, extrem hörenswertes Album, diese Gruppe soll es bitteschön für immer geben.

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Foto: Patrick Grossien

2 Gedanken zu „PRAG, 10.05.2013, Sudhaus, Tübingen

  • 12. Mai 2013 um 13:50
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    Ich habe meinen Beitrag noch nicht ganz fertig, werde aber (schon wegen der wunderbaren Fotos) hierher verweisen. Stehen hier doch lauter Beweise dafür, dass ich nicht nur privat verblendet das Konzert ganz grandios fand.

  • 12. Mai 2013 um 15:35
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    Voll gut, dass Du die Schwangerschaft von Nora mit keiner Silbe erwähnst. Auch auf den Bildern erkennt nur das geschulte Auge am Winkel zwischen dem Nora-Bauch und der Gitarre, dass sie im fortgeschrittenen Stadium schwanger ist.
    Wir sind ja hier nicht bei „Brisant“, wo es ausschließlich um den hochschwangeren TV-Star gegangen wäre. Habt ihr fein gemacht.

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