RUMMELSNUFF, 10.05.2013, Komma, Esslingen

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Foto: Christoph Hoyer

Wir beginnen besinnlich, merkt Ihr das nicht.

Aye aye Käpt´n, da wollen wir 50 Passagiere auf der MS Komma Esslingen im kleinen Saal nicht widersprechen, schließlich haben wir Rummelsnuff vor uns, einen Berg aus Muskeln, trainiert an der Hantelbank und an der Tür vom Berghain in Berlin.

Guten Abend, liebe Mädel und Buben.

An Bord wird deutsch gesprochen, soviel ist sicher.  Und besinnlich wird es erst wieder am Ende der Fahrt, denn was der Sachse Roger Baptist alias Rummelsnuff mit seiner Mannschaft macht, nennt er selbst treffend Derbe Strommusik. Musikalisch ist das Electronic Body Music, Electro-Punk oder wie man es nennen will, die Beat-Turbinen rumpeln also ziemlich brachial. Und dazu brummt der Käpt´n seine Texte, die sich am liebsten um die Seefahrt drehen, aber auch – sagen wir mal – autobiographisches aufarbeiten wie in den Liedern „Schrauber“ oder „Türsteher“ vom neuen Album „Himmelfahrt“.

Du willst rein
Der Türsteher sagt NEIN
Sauer bist du
Aber du gibst schnell Ruh
Denn DIESEN Mann wirst du NICHT angreifen!
Der Kerl is’n Panzer
Du wirst dir’s verkneifen!

Ein rilkesches Reimemonster wird aus Rummelsnuff in diesem Leben wohl nicht mehr. Auch die verstörend-monotone Eleganz von DAF aus den alten Achzigern erreicht Rummelsnuff mit dem Lied „Machen Wir Den Tanz“ nicht ganz.

Rummelsnuffs Hingabe zum Muskelzeigen und sein Spaß an der Inszenierung des männlichen Archetypus des Seemanns tragen den Abend. Rummelsnuff sieht aus, als wäre er aus August Sanders Gesellschaftsportraits der Weimarer Republik „Das Antlitz des deutschen Menschen“ entsprungen. Das Spielen mit Versatzstücken aus der gesamtdeutschen jüngsten Geschichte gehören für ihn zur Inszenierung dazu (DDR-Flagge hängt vom Keyboard runter, Frakturschrift, deutschtümelnde Sprache bis hin zum „T-Hemd“-Verkauf). Als queer-faschoid hat das alles zusammen mal jemand sehr treffend genannt. Dazu passen auch sein Coverversionen von Devo („Mongoloid“), Boney M („Daddy Cool“), Gilbert Bécaud („Nathalie“), Rammstein („Seemann“) und Conte/Celentano („Azzurro“).

Salzig schmeckt der Wind
hol die Buddel aus dem Spind

Des Käpt´ns Mannschaft besteht heute Abend aus seinem 1. Offizier Christian Asbach, der mit Volksmarinemütze in allen Sprachen der Weltmeere singt (Englisch, Französisch, Russisch). Asbach verdingt sich allerdings nicht nur bei Rummelsnuff, kürzlich hat er für den polnischen Singer-Songwriter-Techno-Act Tekkno Polo ein Video gedreht. An der Gitarre schrabbelt Rajko Gohlke, der auch bei Knorkator basst. Am Keyboard ruft Kraftsportler Eisenkumpel die Sequenzen auf. Er darf auch zeigen, dass er limitfrei einarmige Liegestützen kann. Eisenkumpel trägt viele Hautbildchen, u. a. hat er seinen Künstlername Eisenkumpel in Frakturschrift im Halbkreis um seinen angedeuteten Bierbauch stechen lassen. Auf der Schläfe trägt er das Bildchen eines On-Off-Kippschalters. Er ist auf „on“ geschaltet. Klabautermann sei´s gedankt.

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Foto: Christoph Hoyer

Gegen Ende schaltet Rummelsnuff voll und ganz auf Seemann und croont seine Shanties „Trägt Die Woge Dein Boot“, „Hammerfest“, „Salzig schmeckt der Wind“ und natürlich „Halt Durch“.

Halt durch – die Meere sind weit!
Gefahr von überall!
Halt durch und bring dein Schiff in Sicherheit!
Ein Käpt’n gibt nie auf…

Und tatsächlich erzeugt er diese seltsame Art von gemütlicher Wehmut. Die Passagiere ergreift es auf seltsame Art und Weise, sie fangen an zu schunkeln. Als Zugabe stehen dann alle vier Matrosen mit Frauen in den Armen und Rummelsnuff singt Hans Albers „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Herrlich!

Jetzt erst mal eine Prise Schnupftabak.

Oh, falscher Dampfer, da ist mir nach all dem Seemannsgarn der Räuber Hotzenplotz dazwischengerutscht, dessen Geschichten ich gerade zu Hause vorlese.

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