FEHLFARBEN, 22.09.2012, Manufaktur, Schorndorf

Fehlfarben

Foto: Steffen Schmid

Obacht, muss kurz ausholen (wer nur wissen will, wie das Konzert war, springt gleich zum nächsten Absatz): Bin Jahrgang 67, war also zarte 13, als das erste (und beste) Fehlfarben-Album, „Monarchie & Alltag“ erschien. Hab’ ich mit 13 natürlich noch nicht verstanden, ist mir aber über die Jahre ein guter Freund geworden und hat die ein oder andere pubertäre Gefühlsschwankung wieder ins Lot gebracht. Die anderen Platten fand ich nicht so dolle, da lagen dann doch schon eher Slime, Razzia, Toxoplasama, KFC und solche Halunken auf dem Plattenspieler. Live gesehen hatte ich Fehlfarben nie. Bis Dezember 2011: Da spielten Peter Hein & Co. in der Röhre (eines der letzten Konzerte in einer meiner Lieblingslocations). Und was soll ich sagen? Scheiße war’s. Stinklangweilig. Bin sogar vor Ende gegangen. Und das mach’ ich sonst eigentlich nie. Nicht mal, wenn die Stuttgarter Kickers gegen Ponyhof Großaspach 100:0 hinten liegen. „Nur was für Erdkundelehrer“ hatte ich damals gepostet. Umso überraschter war ich, als Weggefährte und Gigblogger  Holger Vogt sich unlängst per Twitter freute, dass Fehlfarben nun in die Manufaktur kommen. „Lass bleiben“, twitterte ich zurück, „das Konzert in der Röhre war großer Mist.“ Und er so: „Echt? Die neue Platte ist aber ziemlich gut.“ Also beim Server meines Vertrauens „Xenophoniegezogen gekauft – und siehe da: der olle Vogt hat Recht. Also zurückgetwittert: „Du, ich glaub’ ich geh da auch hin.“ Und da war ich dann also.

Kurz bin ich beim Ankommen ja erschrocken: Standen da doch tatsächlich Stehtische hübsch im Raum verteilt. Ähem, wie bitte? Is’ doch ’n Konzert hier und kein Tanztee. Na ja, egal, überraschen lassen. Als die Band dann kurz drauf die Bühne betritt, das nächste ungläubige Staunen: Bassist Michael Kemner spielt im Sitzen. „Scheiße, Rentnerkapelle“, schießt es mir durch den Kopf, „nix wie weg hier.“ Ging natürlich nicht, musste ja für gig-blog was Schreiben. Hinterher stellt sich raus, dass Kemner ’nen Bandscheibenvorfall hatte und deshalb im Sitzen spielt. Puh, und ich dachte schon…
Und mit dem beinahe hypnotischen, düsteren 10-min-Opener „Herbstwind“ haben sie mich. Entspannter Griff zum Schorleweißsauer – das wird gut heute. Saskia von Klitzing treibt mit ihrem punktgenauen Schlagzeugspiel die Band nach vorne, Peter Hein – natürlich im Sakko – bewegt sich zwischen Genialität und Albernheit und quasselt immer irgend etwas von Berlin; und das auch noch mit Berliner Akzent. Hab‘ immer noch nicht kapiert, warum er das tat – Herr Vogt, forschen Sie mal nach. Egal, nach Herbstwind geht’s Schlag auf Schlag. Das „Alt-68er-Kollektiv“ (Hein) tut das, was es in der Röhre nicht, beziehungsweise nur sehr widerwillig getan hat: Es spielt die Songs der ersten Platte. „Apokalypse“, „Gott sei Dank nicht in England“, „All that Heaven allows“, „Grauschleier“ und, na klar, „Ein Jahr (Es geht voran)“. Was dabei allerdings mächtig stört: Herr Hein verpasst allen Songs eine neue Gesangsmelodie, auch die Band (Zitat Hein: „Friedrichkill aus Mittehain“) hat ein paar gewagte Interpretationen auf Lager.

Fehlfarben

Foto: Steffen Schmid

Doch bevor’s allzu nervig wird, sind die Songs der aktuellen Platte „Xenophonie“ dran – und jetzt wird’s richtig gut. In „Bundesagentur“ haut Hein in bester Agitprop-Manier all jenen verbal auf die Fresse, die es immer schon verdient hatten – das Publikum gibt ihm Recht und tanzt, Stehtische hin oder her. Mein Favorit ist „Glauberei“, hat meiner Meinung nach auch den besten Text des Albums zu bieten:

Von allen Far­ben, an die man glau­ben kann 
Kommt das Lau­bige grad am bes­ten an 
[…] 
Und jeder Farbe Jün­ger­schar glaubt 
Ihre Farbe sei alleine wahr 
Ab sofort wird zurück­ge­glaubt 
Wer­den Glau­bens­brü­cken gebaut 
Wer lau­ter glaubt als erlaubt 
Dem wird auf das Haupt gehaut
[…]
Denn darum geht’s doch bei der Glau­be­rei
Das der eine lau­ter als der andre sei
Und jede Lär­mes­jün­ger­schar
glaubt ihr Gelärme sei alleine wahr
[…]

Auch wenn Heins Texte immer ein wenig altklug daherkommen, so ist er doch einer der besten deutschen Schreiber. Seine gesellschaftskritischen, politischen Rundumschläge machen Spaß und bringen bisweilen eine gesunde Portion Zynismus mit sich – auch wenn sie manchmal besserwisserisch daher kommen. Jeder kriegt sein Fett ab: Die Mediendeppen (in der Hymne „Hygieneporzelan“),  Kulturaffen („Platz da„), Alle („TCM (Polychemie)“) und Jeder („Das erklärt’s doch nicht“). In Schorndorf zeigt er sich dazu auch noch in bester Laune, stört sich nicht an dem doch eher überschaubaren Publikum und kommt gleich zweimal für Zugaben auf die Bühne zurück – zum Schluss, ganz Bohemien, mit Weißweinpulle in der Hand. „Nicht schlecht für ’ne Zonenband“, verabschiedet er sich nach über eineinhalb Stunden. Recht hat er, der Peter.

Fehlfarben

Foto: Steffen Schmid

4 Gedanken zu „FEHLFARBEN, 22.09.2012, Manufaktur, Schorndorf

  • 2. Oktober 2012 um 07:39
    Permalink

    Sehr sauber, mein Herr!

  • 2. Oktober 2012 um 12:02
    Permalink

    haben sie „paul ist tot“ gespielt?

  • 2. Oktober 2012 um 14:49
    Permalink

    Bei seinen Spacktänzchen erinnerte Hein doch stark an Guildo Horn… Trotzdem ein sehr nettes Konzert; besonders, wenn der Zappelpeter mal still stand.

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