GAEREA, 14.06.2023, Schon Schön, Mainz

GAEREA, 14.06.2023, Schon Schön, Mainz

Foto: Madita Nair

Sommer 2023.
Fröhliches Gelächter hallt durch die kleinen Gassen, Kinder spielen um den Jubiläumsbrunnen herum Fangen. Die Zwiebeltürme der St. Peter Kirche strahlen hoffnungsvoll in der sich neigenden Sonne. Schon Schön. Da kann es doch nichts passenderes geben, als das Ganze noch musikalisch und mit einem mediteranen Touch von einer portugiesischen Band untermalen zu lassen. Nunja, so zumindest wäre der Ablauf in der Welt eines Träumers und zum Scheitern verurteilten Optimisten.
In der Realität spielen heute Gaerea aus Portugal und werden mit ihrer Hingabe zur Dunkelheit und Verwüstung gnadenlos auf uns einprügeln.

Willkommen zur Vortex Society!

Durch Zufall habe ich entdeckt, dass Gaerea mal wieder beinahe schon heimlich durch Deutschland touren. Klammert man die zwischenzeitlichen Festival-Auftritte aus, so kann man es immerhin im kleinen Rahmen von einer Tour sprechen. Tags zuvor haben sie noch gemeinsam mit Behemoth und Vended in Pratteln gewütet und sich nun für den Rest der Reise alleine auf die Jagd nach unseren Seelen begeben.
Als wir das “Schon Schön” betreten, sind wir sogleich überrascht, wie klein und überschaubar der Platz um die Bühne herum ist. Auch hat die Bühne einen kleinen “Gang” ins Publikum, der es den dort auftretenden Künstlern ermöglicht, beinahe mitten im Raum zu performen. Das soll im späteren Verlauf des Abends das große Highlight der Show Gaereas werden.
Eine ehrfuchtsvolle Verbeugung erhält auch der Mann hinter der Theke von mir. Vor Leichtigkeit beinahe schon tänzelnd, fertigt er alleine den schier endlosen Andrang an durstigen Mäulern ab, ohne einen Tropfen Schweiß in der rasch steigenden Hitze zu verlieren.
Auch auf der Bühne wird nun die Temperatur nach oben getrieben. Mit Horresque darf heute, zumindest im weiter hergeholten Sinn, ein Local Hero die erste Prügel verteilen. Local Heros in dem Bezug, da Horresque zumindest in Teilen der in den 90er Jahren gegründeten Nocte Obducta entsprungen sind.

HORRESQUE, 14.06.2023, Schon Schön, Mainz

Foto: Madita Nair

Auch wenn sie in ihr Set mit gewaltigem Blast-Beat Geballer einsteigen, bieten Horresque doch jede Menge mehr als nur stumpfen Death Metal. Immer wieder schleichen sich auch Anleihen des Stoner Rocks in die Song-Strukturen, bremsen die wilde Raserei immer wieder gekonnt ab und bieten so Sänger Marco viel Raum für “gesangliche” Spielereien, aus denen er gekonnt wieder ausbricht in hasserfüllten Black Metal.
Horresque sind dem Ambiente des Abends entsprechend extrem finster unterwegs und liefern dem sich mehr und mehr füllenden Schon Schön genau das, vorauf man heute Abend Bock hat. Kompromisslos wird gegrowlt und gekeift, während die kalten Riffs einem um die Ohren knallen und das tighte Drumming den Staub von den Boxen knüppelt. Man merkt vorallem bei Black Metal Konzerten recht schnell, ob eine Band den Zugang zum Publikum findet, ist euphorischer Applaus meist den mehr lebensbejahenden Bands und Konzerten vorbehalten. Doch Horresque sind ein absolut würdiger Opener und stoßen für Gaerea schonmal den Sargdeckel auf.

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GAEREA, 14.06.2023, Schon Schön, Mainz

Foto: Madita Nair

Auf Gaerea bin ich vor einigen Jahren nur durch Zufall gestoßen, als ich mir am Jahresende 2020 die Veröffentlichungen von Season of Mist angehört habe. Limbo, das zweite Album der Portugiesen, blieb dabei sofort hängen. Ich war fasziniert von dem „frischen“ und energiegeladenen Klang, der nicht sofort wieder neben vielen weiteren klassischen Black Metal Alben in einem Sumpf aus gleich klingendem Gerumpel verschwindet. Gaerea fokussieren sich mehr auf Melodie und Post-Metal Einflüsse und heben so ihren Black Metal auf eine moderne Ebene, die im nächsten Moment aber auch sofort wieder in ausufernde Wut und Monotonie ausbrechen kann. Bevor Gaerea uns in die Tiefe hinabreissen, wird erstmal alles Unnötige von der Bühne geschafft. Verstärker, Boxen und Monitore braucht es nicht. Allein die PA muss herhalten – und wie. Was bleibt ist das Schlagzeug, ein Mikrofon-Ständer und eiserne, mysthische Symbole.

Verhüllte Gesichter in pechschwarzer Kleidung betreten durch die Nebelschwaden und erbarmungslosem Dröhnen die Bühne. Starr und besonnen, mit ausgebreiteten Armen blickt Sänger Ruben Freitas über uns hinweg, beinahe mitten im Raum stehend. Und aus dem Nichts bricht Mantle über uns herein. Freitas entfaltet eine Energie, die ich bei Black Metal Konzerten allenfalls bei Erik Danielsson von Watain gesehen habe. Man spürt am eigenen Körper, wie die Wut und Kraft aus ihm herausbricht und er seine dystopischen Botschaften in unsere Herzen schreit. Man kann nicht stillstehen, es fühlt sich falsch an, seinen Körper regungslos an dieser Darbietung teilhaben zu lassen. Freitas Bewegungen werden beim zweiten Song Deluge noch extremer und befremdlicher. Er wirkt beinahe wie ein überirdisches Wesen, das uns einfachen Lebewesen seine Botschaft durch Gestik und viel Stimmgewalt vermitteln möchte.

GAEREA, 14.06.2023, Schon Schön, Mainz

Foto: Madita Nair

Es ist schwer das Ende eines Songs und den Beginn eines neuen herauszuhören. Alles scheint nahtlos ineinander zu fließen, untermauert von der endlosen Energie Freitas, der immer wieder auch extrem nah an die Gesichter vor der Bühne herankommt. Unwirkliche Momente. Fixieren mich gerade Augen, während ich in ein schwarzes Nichts starre? Black Metal ist sicherlich der Hauptbestandteil der Kunst Gaereas, doch schaffen sie es, dessen Pessimismus und Böswilligkeit auch einen Hauch Zuversicht und Inspirierendes zu verpassen, um all das im nächsten Augenblick in Verzweiflung und Zerstörung verebben zu lassen.
Auch Salve entfesselt im gesamten Raum eine brutale Energie, doch fühlt auch diese sich nicht wie bei so vielen Black Metal Konzerten negativ aufgeladen an, sondern mehr antreibend, kraftspendend und positiv – Positive dunkle Kraft. Meine Augen sind wie gebannt auf die Performance Freitas, der mehr und mehr wie in Trance alles mit sich reisst. Alle Songs wiederholen sich innerhalb ihres Ablaufs mehrere Male. Würde ich anderen Bands im schlimmsten Fall Einfallslosigkeit vorwerfen, ist es bei Gaerea mehr ein in die Tiefe kreisender Tunnel aus halluzinogenem weißen Rauschen. Fesselnd, bannend und mitreisend – fast schon eine Art Performance Kunst.

Und dann ist es plötzlich vorbei. Sowie der Sturm aus dem Nichts heraus begonnen hat, so abrupt endet er wieder. Wir starren auf die leere Bühne und hoffen, dass es nur einen kleinen Moment braucht für die Zugabe. Doch Gaerea sind fort.
Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich Teil haben durfte an einem der besten Black Metal Konzerte, das ich je gesehen habe. Es hat nur knapp eine Stunde gebraucht, um mir eine ganz neue Sichtweise auf die Verbindung extremer Musik und Kunst aufzuzeigen. Mit Gaerea haben wir definitiv einen aufsteigenden Tritt zwischen die Beine konservativer Black Metal Polizisten.

Das war kein gutes Konzert. Das war unglaublich erstaunliche Kunst.

Setlist Gaerea:
Mantle
Deluge
Salve
Absent
Conspirinaoia
Urge
Mirage
Laude

Gaerea

Horresque

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