JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Wie alle Künstler bin ich eine Hure. Für Applaus mache ich alles.

Ein in die Stille hinein klatschender Zuschauer veranlasst Joe Jackson zu diesem überraschenden Bekenntnis. Nun ja. Ich erinnere mich noch recht deutlich, wie Jackson anno 1984 sein Konzert in der Liederhalle fast abgebrochen hätte, weil ihm zu viel geklatscht wurde. Nur nach einer Publikums-Ansprache durch seinen Bassisten Graham Maby konnte das Konzert damals fortgesetzt werden. Für mich war es mein allererster Konzertbesuch überhaupt und ein etwas ernüchternder Eintritt in die Welt der Live-Musik. Heute, 38 Jahre später und exakt 1.640 Konzerterfahrungen reicher, bin ich mächtig gespannt, ob der manchmal etwas sperrige Brite inzwischen altersmilde geworden ist. Das Konzert im Rahmen der JazzOpen wird für diese Klärung ideale Bedingungen bieten.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Der Schlosshof ist bereits zum Konzert des Support Acts sehr gut gefüllt. Die amerikanische Sängerin Judith Hill wird von JazzOpen-Macher Jürgen Schlensog als „Artist in Residence“ angekündigt. Im Rahmen des Festivals wird sie insgesamt dreimal auftreten. Eine wirklich gute Wahl, wie ihr Auftritt beweisen wird. Hill, die bereits mit Prince, Michael Jackson, Elton John und Robbie Williams musiziert hat, entpuppt sich als weit mehr als nur ein Warmup Act. Mit einem kraftvollen Blues, herzhaftem Gitarreneinsatz und beeindruckender Stimmgewalt (und einem atemberaubend grell-pinken Outfit) eröffnet sie ein Set, dessen Spektrum von Soul über Rhythm ’n’ Blues bis hin zu Gospel reicht.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Die Band spielt grandios auf, am Bass ihr Vater Pee Wee, an der Hammond-Orgel und anderen Keyboards ihre Mutter Michiko. Nach dem fulminanten Start wird das Set etwas getragener, bevor es in einem ausgiebig beklatschtem Finale endet. Ihr Konzert am 14.07. im noch intimeren Rahmen des Jazzclubs Bix dürfte ein Festival-Highlight werden und die Besucher:innen des Sting-Konzerts am 17.07. dürfen sich ebenfalls auf einen tollen Support Act freuen.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Die Umbau-Pause nutzen wir, um uns im Schlosshof umzuschauen. Beeindruckend, mit welchem Aufwand der gesamte historische Hof zu einem High-Tech-Konzertsaal umgebaut wurde. Licht- und Tonanlage sind vom Feinsten, aus mehreren Kameraperspektiven wird das Livebild eingefangen und auf die LED-Wand auf der Bühne übertragen. (Allerdings nicht bei Joe Jackson, was der Reduziertheit seines Auftritts angemessen ist.) Die Wandelgänge sind stimmungsvoll illuminiert und an jeder Säule hängt ein kleiner Lautsprecher, um auch weiter entfernten Zuhörer:innen einen makellosen Sound zu garantieren. Dies alles und auch die überschaubare Kapazität der Location rechtfertigen jedenfalls die gehobenen Eintrittspreise. Der Blick ins Publikum macht auch klar: Der 67-jährige Künstler befindet sich altersmäßig unter Seinesgleichen. Ein generationenübergreifendes Familienkonzert-Event findet hier definitiv nicht statt.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Mit der Einspielung von Fletcher Hendersons „Sing, You Sinners“ wird der Abend eröffnet und das Motto der aktuellen Tour verkündet. Jackson – im schon fast ikonische blauen Anzug und senfgelbem Hemd – nimmt am seitlich platzierten Keyboard Platz. Die Band simuliert eine Kakofonie aus Einstimmen und Instrumententests, in der sich – unter dem Applaus des Publikums – die ersten Akkorde von „One More Time“ andeuten. Und die Frage, wie es um die stimmlichen Qualitäten des Briten steht, wird mit einem sicheren und kraftvollen Einsatz beantwortet. Die Show kann beginnen! Beziehungsweise könnte, wenn da nicht ein kleines technisches Problem an seinem In-Ear-Monitor wäre, das die Gitarre „wie ein Insekt“ klingen lässt. Jackson nutzt die unerwartete Pause zu einer kleineren Plauderei mit dem Publikum. Überhaupt zeigt er sich im Laufe des Abends sehr zugewandt und vermittelt glaubhaft den Eindruck, den Auftritt zu genießen.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Der erste Teil ist ein Medley aus Titeln seines Erstlings „Look Sharp!“ und seines neuesten Albums „Fool“ und es ist frappierend, wie gut diese Titel, die immerhin vierzig Jahre auseinanderliegen, zusammenpassen. Textlich war Jackson ohnehin immer brillant und seine bissig-pointierten Lyrics sind immer noch zeitgemäß. Der gesamte Vortrag ist komplett unprätentiös und effektarm. Die Band agiert präzis und unaufgeregt, die Arrangements sind schlank, Deko gibt es keine und das Licht ist statisch. Und das ist wohl auch die Qualität des Auftritts: Die Songs in ihrer zeitlosen Qualität stehen im Zentrum. Ein Fest für Fans.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Mit einem Set aus Solo-Piano-Nummern schafft er einen besonders intensiven Konzertmoment. „Real Men“ von seinem Bestseller-Album „Night & Day“ ist ein Highlight des Abends. Joni Mitchells „Big Yellow Taxi“ – die Band ist inzwischen zurück auf der Bühne – wird augenzwinkernd als rollender New-Orleans Boogie gecovert. Für mich die einzige kleine Enttäuschung an diesem Abend, denn an anderen Abenden der aktuellen Tour gibt es an dieser Stelle auch gerne mal Abbas „Knowing Me, Knowing You“.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Das restliche Set bietet ein weites Spektrum aus seinem über vier Jahrzehnte spannenden musikalischen Werk und es ist beeindruckend, wie viele Hits sich darunter befinden. Und als er dann bei „Sing you Sinners“ das Publikum tatsächlich zum Mitsingen auffordert, ist für mich das über 38 Jahre konservierte Bild des arroganten, publikumsfernen Sonderlings endgültig zerbröselt. Mit „I’m The Man“ von 1979 setzt Jackson einen krachenden Schlusspunkt, bevor er in der Zugabe mit „You Can’t Get What You Want (Till You Know What You Want)“ und „Steppin‘ Out“ ein in sämtlichen Dimensionen perfektes Konzert beschließt.

JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

Foto: Martin Schniz

Setlist

Medley:
One More Time
Big Black Cloud
Sunday Papers
Dave
Look Sharp

Solo:
Fab Ab
So Low (So Low)
Real Men

Mit Band:
Big Yellow Taxi (Joni Mitchell Cover)
Blaze of Glory
Fool
Sing, You Sinners
Is She Really Going Out With Him
Different For Girls
I’m the Man

Zugabe:
You Can’t Get What You Want (Till You Know What You Want)
Steppin‘ out

Joe Jackson

Judith Hill

Ein Gedanke zu „JOE JACKSON, JUDITH HILL, 08.07.2022, JazzOpen, Altes Schloss, Stuttgart

  • 11. Juli 2022 um 22:39
    Permalink

    Joni Mitchell als Enttäuschung weil nicht ABBA? Und das nach 1.640 Konzerten? Vielleicht 1.000 zu viel!
    Also beim besten Willen, sei glücklich dem Grauen von Abba in den 70gern nicht beigewohnt zu haben.
    Schon vor Jahren wünschte ich bei Nachfragen, welcher Künstler solle zu den JazzOpen kommen, mir immer einen Auftritt von Joni Mitchell. Leider vergebens.
    Hatte die große Freude dem Auftritt am 25.04.1984 in der Liederhalle auch zu erleben, Es war eine konzertante Sternstunde, ein meisterhafter Auftritt von Joe Jackson.
    Es war auch nicht mein erstes Konzert.

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