ALGIERS, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

ALGIERS, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Es ist 22:35, als Algiers nach exakt 65 Minuten die Bühne der Manufaktur verlassen. Das Publikum im ausverkauften Saal ist für eine Sekunde komplett still, bevor der Applaus aufbrandet (und nach wenigen Minuten eine Zugabe folgt). Dieser kurze Moment des Zögerns lässt sich interpretieren: Ist es eine kurze Lähmung, ausgelöst durch den schmerzhaft intensiven Auftritt der Band aus Georgia? Oder das Entsetzen darüber, dass dieses Spektakel so schnell vorbei sein soll? Ist es die bittere Erkenntnis, dass Algiers mit ihrem wütenden Soundtrack zum Untergang der Zivilisation im Würgegriff des Spätkapitalismus sowas von recht haben? Oder liegt in dieser Schrecksekunde die Frage, ob das nun einer dieser Auftritte einer Band war, die gerade so over-hyped wird, dass sie den überzogenen Erwartungen gar nicht gerecht werden kann?

ALGIERS, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Alles zurück auf Anfang. Nach dem Algiers-Gig 2018 in Reutlingen, den ich aus unerklärlichen Gründen verpasst hatte, waren sich alle Auskenner in der Musikblase einig: Konzert des Jahres! Nie gehörtes in unglaublicher Intensität! Besser geht’s nicht! Natürlich sind die Kollegen wieder vollzählig in Schorndorf versammelt. Und das, obwohl es wieder einer dieser verfluchten Abende ist, an dem man auf mindestens drei weiteren Konzerten sein müsste. Jedenfalls habe ich hier und jetzt die Gelegenheit, die Algiers-Bildungslücke zu schließen. Das neue Album „There is no Year“ steht frisch in den Regalen, die Band ist omnipräsent in Feuilletons und Musikpresse. Die PR-Abteilung von Matador hat ganze Arbeit geleistet.

ESYA, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Den Abend eröffnet Savages-Bassistin und Label-Kollegin Ayşe Hassan mit ihrem Solo-Projekt ESYA. Finstere Synthie-Sounds, dazu etwas Bass und lakonischer Gesang. Stimmung und Tonlage für das nun Folgende sind schonmal gesetzt. Nach einem kurzen Saxophon-Intro legen die fünf um Franklin James Fisher mit einem derartigen Furor los, dass ich meinen Entschluss, den Abend in einer der ersten Reihen zu begehen, spontan bereue. Wenn dies erst der Anfang ist, was für ein mörderischer Moshpit wird sich hier in wenigen Minuten entwickelt haben? Um Himmels Willen! Fisher hechtet hin und her zwischen seinen beiden Mikros, macht ein paar flotte Dance Moves, schmeißt sich auf die Knie. Ex-Bloc-Party-Drummer Matt Tong schickt sich an, das Drumset schon beim ersten Titel in Stück zu hauen, während sich Bassist Ryan Mahan an der Bühnenkante bedrohlich über das Publikum beugt. Im Hintergrund kniet ein weiterer Musiker auf dem Boden und widmet sich mit Hingabe der Zerstörung von Schellenringen und anderem Schlagwerk. Der viel beschriebene, wirklich einzigartige Mix aus Industrial, Gospel, Punk und Soul und seine Darbringung sind wahrlich spektakulär.

ALGIERS, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Fishers voluminöse Soul-Stimme muss den Vergleich mit den ganz großen seines Fachs nicht scheuen. Und er weiß sie sehr variantenreich einzusetzen. In den wenigen, aber durchaus sympathisch-ironischen Ansagen fällt auf, wie groß der Unterschied zu seiner Sprechstimme ist. Der gefürchtete Exzess auf der Tanzfläche entwickelt sich übrigens nicht. Nach dem fulminanten Start stellt sich eine gewisse Gleichförmigkeit ein (vielleicht ist es auch nur ein Gewöhnungseffekt) und das Intensometer geht erst einmal ein paar Grad zurück. Einerseits beeindruckend, dass die Band radikal auf jede Art von Lightshow verzichtet, andererseits wird hier auch Potential verschenkt. Etwas Nebel, der ein oder andere Lichtwechsel, würden der Show guttun. Und bei genauerer Betrachtung sind die Rhythmen häufig auch zu komplex, um darauf hemmungslos abzuhotten. Wobei „The Underside of Power“ durchaus ein Angebot an Northern-Soul-Dancer ist, stilvoll die Revolution zu tanzen.

ALGIERS, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

So werden wir – mit Zugaben – knappe eineinhalb Stunden lang durch ein Inferno aus Slave Work Songs, Einstürzenden Neubauten, Bad Brains und schwarzen Gospelmessen gejagt. So beeindruckend dies auch alles ist, letztlich bleibt eine gewisse Distanz zum Publikum, der Funke springt nicht zu 100% über. Wenn ich die Resonanz mit der beim letzten so hoch-gejazzten Gig in der Manufaktur vergleiche – nämlich dem der britischen Punker Idles – ist dies zumindest unten im Parkett eine ruhige Veranstaltung. Na klar, rein musikalisch kann man dies nicht direkt vergleichen, was aber die politischen Positionen, die Intelligenz der Texte, das Sendungsbewusstsein und die Intensität betrifft, da gibt es durchaus Parallelen. Und so belegen Algiers in diesem von mir völlig willkürlich hergestellten Vergleich ein guten zweiten Platz.

ALGIERS, 15.02.2020, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Setlist

There Is No Year
Black Eunuch
Void
Cry of the Martyrs
Unoccupied
We Can’t Be Found
The Underside of Power
Dispossession
Irony. Utility. Pretext.
Liberation
Walk Like a Panther
Cleveland
Hour of the Furnaces

Wait for the Sound
The Cycle/The Spiral: Time To Go Down Slowly
Death March

Algiers

Esya

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