IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Die Live-Qualität des Support Acts ist ja häufig ein Indikator für die des Main Acts. Kaum eine Band wird sich zum Warm-Up Kollegen auf die Bühne stellen, die ihren Auftritt übertrumpfen könnten. Insofern lässt der Auftritt der nordenglischen, un-googlebaren Punk-Band LIFE vieles erwarten für die anschließende Show von IDLES. Das Quartett um den Frontmann Mez Green, der mich vom Gestus an den jungen Frank Tovey erinnert, liefert nämlich aus dem Stand einen packenden Gig. Da verstummt auch schnell das Genörgel, dass hier – anders als auf der US-Tour – nicht die irischen Fountaines D.C. supporten. Zorniger, politischer Punk, mit großer Geste und wild tobender Band vorgetragen, das passt nicht nur brillant zu IDLES, das ist schon ein hervorragendes Konzert an sich. Und doch wird man sich am Ende des Abends kaum daran erinnern, dass es überhaupt eine Vorband gab. So übermächtig und von elementarer Wucht wird der Auftritt von Joe Talbot und IDLES sein.

IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Seit Monaten ist die Manufaktur ausverkauft. Dass der Traditionsladen in Schorndorf einen Samstags-Slot auf der Europatour bekommen konnte, haben wohl viele für eine größere Anreise genutzt. Seltsame Dialekte werden gesprochen, aber auch viele Engländer und Franzosen sind vor Ort. (An der Bar lerne ich zwei Waliser kennen, die eigens per Flugzeug aus Schweden angereist sind, da es wohl unmöglich gewesen sei, ein Ticket für einen Gig in England zu bekommen). Und sie haben die Investition nicht bereut.

IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Der Laden ist jedenfalls brechend voll und eine Absperrung mit Graben sehe ich auch zum ersten Mal in der Manu. Dabei wäre es wirklich nicht nötig, Publikum und Band voreinander zu schützen. So brachial sich Joe Talbot und seine Mannen auf der Bühne gerieren, so besorgt sind sie um das Wohlergehen der Besucher. Immer wieder fordern sie dazu auf, im Tohuwabohu aufeinander achtzugeben. Und die Gitarristen Mark Bowen und Lee Kiernan müssen den Graben auch mehrfach überwinden, da sie gerne im Publikum oder auf deren Armen spielen. Talbot, der während der Songs wie ein Rumpelstilzchen über die Bühne tobt, nimmt sich zwischen den Songs immer wieder Zeit, deren Botschaften zu erklären und seine Meinungen zu Brexit („Fuck!“), die EU („We love the European Union!“), zur Liebe an sich, dem National Health Care und Immigration („Danny Nedelko“) zum Besten zu geben. Oder auch mit einzelnen Besuchern in den Dialog zu gehen.

IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Die Qualität der Idles-Songs besteht aber bei weitem nicht nur aus der ungeheuren Wucht und Direktheit einer grandios eingespielten Rockband und dem exaltierten Vortrag des Frontmannes. Es ist die lyrische Qualität der extrem rhythmisierten Texte. So greift Talbot zum Beispiel in „I’m Scum“ die Textstruktur der berühmten Zeile aus Prodigys Firestarter auf und macht daraus eine liebvolle Schilderung der englischen Unterschicht:

Spit in your percolator
I am procrastinator
I over-tip the waiter
Sarcastic computator

Und es ist vor allem die Themenwahl, die die Relevanz der Band ausmacht. Nicht nur die politischen Statements, auch sehr persönliche Themen wie der Tod seiner Mutter („Mother“), die Totgeburt seiner Tochter oder bisher in der Rockmusik kaum Thematisiertes wie Toxic Masculinity („Samaritans“)

The mask of masculinity
Is a mask, a mask that’s wearing me
I’m a real boy, and I cry
I like myself and I want to try
This is why you never see your father cry

IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Diese Ambiguität macht IDLES noch relevanter als die gerne zum Vergleich herangezogenen Sleaford Mods. Die Spannbreite von mitzugrölenden Pub-Hymnen bis hin zu ergreifenden Zeilen, die einen Kloß im Hals hinterlassen können, ist enorm. Eines hat die Band aus Bristol aber mit den Kollegen aus Nottingham gemeinsam: Den britischen Humor. Der sich auch mal darin äußert, dass man in das brachiale Inferno Zeilen von Mariah Carey oder Sophie Ellis-Bextor einstreut. Nach einem lustigen Intermezzo mit der Übergabe ihrer Gitarren an Besucherinnen, die auf die Bühne geholt wurden, endet der Gig nach etwa 80 Minuten und 17 Songs mit einem großartigen Finale und einer hasserfüllten Tirade auf die englische Yellow Press („Rottweiler“).

Und wenn man dem Brexit-Wahnsinn nur einen einzigen positiven Aspekt abgewinnen möchte: Der englischen Musik hat er – und das haben LIFE und IDLES heute an gleicher Stelle wie zuvor die Sleaford Mods mit Nachdruck bewiesen – eine ganz neue Protest-Energie verliehen. Joy as an Act of Resistance!

IDLES, LIFE, 13.04.2019, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Setlist

Colossus
Never Fight A Man With A Perm
Mother
Faith In The City
I’m Scum
Danny Nedelko
Great
Divide & Conquer
1049 Gotho
Love Song
Benzocaine
Samaritans
Television
Queens
Exeter
Well Done
Rottweiler

IDLES

LIFE

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