HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

Foto: Madita Nair

Manly Man Metal Pt. II

Mein Gedächtnis – Verwegener Ort und Kuriositätenkabinett.

Was vor knapp einem Monat mit Gloryhammer begann, soll heute mit Hammerfall in der reingekochten Power Metal Essenz enden. Tatsächlich war der auditive Schmerz weit weniger präsent als erwartet und der Spaß hat beim letzten Mal definitiv die Fremdscham übertroffen. Im Gegensatz zu Gloryhammer sind mir Hammerfall in der Vergangenheit immer mal wieder in die Playlist gerutscht und wurden auch nicht aussortiert. Da schwingt dann immer noch ein bisschen der RoFa-Flair von damals mit, als Hearts On Fire die Tanzfläche in „Rudel-Bangen“ versetzte.

Das Konzert heute steht unter einem besonders guten Stern. Ludwigsburg wurde für die DVD-Aufzeichnung ausgewählt. Es darf also damit gerechnet werden, dass sich die Krieger aus Schweden besonders Mühe geben. Leider ist damit auch klar, dass vor der Bühne der Platz für Kameras reserviert ist und die Fotografen sich am Rand tummeln müssen. Irgendwas ist ja immer.

HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

Foto: Madita Nair

Serious Black dürfen heute als erstes die Halle bespaßen. Beim Bandnamen musste ich zuerst an Harry Potters‘ verschlagenen Patenonkel denken und fragte mich, ob wir nun Klagesongs aus Azkaban zu hören bekommen. Nach kurzer Recherche konnte ich keine Parallelen feststellen. Ein noch relativ junger Opener ist das heute, gibt es Serious Black tatsächlich erst seit sechs Jahren und hat sich zusammengefunden aus mehreren Musikern, die schon mit anderen namhaften Bands (Freedom Call, Firewind, Masterplan) diverse Festivals und Hallen bepowert haben.

Mit den orientalischen Klängen des Intros Temple Of The Sun betreten sie die Bühne, um dann mit I Seek No Other Life die Marschroute des Abends vorzugeben. Vorwärts, mit Doublebase und Powerchords. Der Sound ist bereits erstaunlich gut für die erste Band des Abends und die sich mehr und mehr füllende Halle ist dem Ganzen auch sehr zu getan. Mr. Nightmist ist mir dann aber doch ein wenig zu cheesy, doch muss ich mir selbst immer wieder sagen, dass heute Melodien, Gitarrensolos und viel Pathos zum Programm gehören und nicht stumpfe Blastbeasts mit kalten, monotonen Riffs. Fröhlichkeit und Partystimmung können ja schnell nervig wirken, wenn man das, worüber sich die Leute freuen, nicht kennt. Also – Heute mal im letzten Eck der Seele die Empathie aus der Rumpelkammer holen und sich mit den Leuten vor Ort freuen, dass sie sich freuen. Während dieser kurzen Selbst-Therapie veranstalten Serious Black auf der Bühne Serious Black Magick. Sänger Urban Breed, mit Sonnenbrille und Zylinder ist dabei der finstere Märchenerzähler, der von Bühnenseite zu Bühnenseite wandert und den offenen Ohren verspricht We Still Stand Tall. Am Ende des Songs reicht er Gitarrist Sebastian das Mirko, doch bevor er etwas sagen kann, beginnt auch schon das Intro des letzten Songs High And Low und nimmt uns nochmal auf eine Doublebase-Achterbahnfahrt mit und rundet den Auftritt als angenehme Vorankündigung auf das ab, was noch kommen wird. Am Ende darf Sebastian dann nochmal das Mikro haben und verkündet mit ordentlich bayrischem Akzent, wie toll es ist, das erste Mal in Ludwigsburg zu sein und verabschiedet sich mit dem Versprechen des Wiedersehens.

HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

Foto: Madita Nair

Beim zweiten Support Battle Beast, als die Umbaupause beendet, das Intro eingeläutet und die Band die Bühne betritt, entweicht mir ein erleichternder Seufzer. Mir ist eine Verwechslung unterlaufen und ich hatte Battle Beast mit Beast In Black vermischt. Zweitere hätten tatsächlich für einen Dämpfer bei mir gesorgt, weil das wirklich überhaupt nicht im Einklang mit dem, was ich unter guter, bis erträglicher Musik verstehe, steht. So kann ich mich nun gemütlich auf der Tribüne zurücklehnen und die 45-minütige Show der Finnen Battle Beast genießen, ohne verzweifelt nach Gründen zu suchen, die Halle vorübergehend zu verlassen.

Mit Unbroken rechtfertigt das Sextett um die nicht mehr ganz neue Sängerin Noora Louhimo von Beginn an, warum Battle Beast auf allen Festivals quer durch Europa die Leute mit sich reißen. Das wurde sogleich auch vom Labelriesen Nuclear Blast registriert und man nahm die Finnen 2011 unter Vertrag.  Ähnlich wie Hammerfall zu Beginn, hatten auch Battle Beast ihre Anfänge bei einem Bandwettbewerb, dem Metal Battle des Wacken Open Airs. Im Gegensatz zu Hammerfall haben Battle Beast aber gewonnen. Ganz klar ist Frontfrau Noora das Epizentrum des Geschehens auf der Bühne und mit pompösem Stageoutfit, scheinbar endloser Energie und einer extrem kraftvollen und markanten Stimme legt sie die Messlatte ganz schön hoch für die nachfolgenden Nachbarn aus Schweden. Familiar Hell und Straight To The Heart sollte man jedem vorspielen, der darüber sinniert, warum Power Metal Power Metal heißt. Mehr Power geht nicht. Musikalisch hört man teilweise Anleihen von Manowar oder auch Iron Maiden heraus. Gesanglich hat Noora nicht nur eine glasklare Stimmfarbe, wenn es denn mal schmutzig und räudig werden soll, switched sie ganz easy in eine rotzige, weibliche Form von Blackie Lawless.

HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

Foto: Madita Nair

Zwischendurch tragen Gitarrist und Keyboarder ein Liegestütz-Duell aus, ich weiß leider nicht warum, aber Gitarrist Juuso hat gewonnen. Bei soviel Präsenz der Fronterin muss man eben zu besonderen Mitteln greifen. Mit No More Hollywood Endings folgt ein Song, der etwas aus dem Rahmen des Epischen fällt und tatsächlich mehr Pop denn Metal ist, aber nicht weniger catchy. Schaut man sich das dazugehörige Video an, ist es tatsächlich unterschwellig eine Kritik an der heutigen Plastik-Popkultur.

Für den letzten Song Beyond The Burning Skies wird nochmal auf Volldampf geschaltet und die ganze Halle reckt die Fäuste in die Luft. Ich mag Songs, die als Soundtrack dazu dienen, etwas zu tun, zu beginnen oder voranzutreiben. Beyond The Burning Skies ist so unglaublich eingängig und stampfig, man möchte auf den Tisch schlagen und irgendjemandem ins Gesicht brüllen: „Junge, pack deine Axt ein, wir ziehen jetzt in den Kampf!“ Und mit dem Titelsong von Top Gun verlassen die Finnen gefeiert das Schlachtfeld.

HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

Foto: Madita Nair

Die Zeit für die finale Schlacht ist jetzt.

Lässt man den Blick über die Menge schweifen, ist schnell klar, dass Hammerfall ihre Kraft vor allem auf Festivals in voller Macht entfalten können. Gefühlt jeder zweite trägt stolz sein Wacken-Shirt aus den letzten 20 Jahren und beinahe immer findet sich irgendwo im Billing Hammerfall. Auf der Bühne wird auch imposant aufgefahren. Vor dem Schlagzeug liegt ein riesiger Hammer in Ketten. Ich zähle allein am vorderen Rand 15 Flammenwerfer und der Feuerwehrmann ein paar Plätze weiter rutscht auch schon nervös auf seinem Platz hin und her. Flammenwerfer bedeuteten bis jetzt eigentlich immer, dass Fotografen nicht direkt von vorne fotografieren dürfen. Heute kommt wie schon erwähnt auch noch das Filmen für eine Live-DVD hinzu.

Bevor alles auf Schlacht geschaltet wird, erscheint noch der Tourmanager auf der Bühne, um völlig überflüssig darauf hinzuweisen, dass das Konzert heute aufgezeichnet wird und man doch bitte extra gute Stimmung machen solle. Der anschließende Mikrofon-Check für das Publikum lässt dann erahnen, was in wenigen Sekunden abgehen wird.

Genug meiner unwürdigen Worte. Es ist Zeit für Blut, Drachen und Stahl. Never Forgive, Never Forget läutet den Kampf für den Frieden ein. Die sympathischen Schweden legen gleich mit voller Intensität los und es wird schwer geposed. Ein wenig muss ich Schmunzeln bei der Gitarre in Form eines Hammers von Oscar Dronjak. Nach One Against The World führt uns Heeding The Call zurück zu den Anfangstagen der Band. Wie vom Drachen gebissen, rasen die Musiker auf den verschiedenen Ebenen der Bühne hin und her und nun kommen auch die Flammenwerfer zum Einsatz. Selbst auf der Tribüne wird es kuschelig und wie immer frage ich mich, ob ich das mit meiner Band auch in Jugendhäusern und kleinen Venues irgendwie durchkriegen könnte, ohne dass wir uns und alle Beteiligten einäschern.

Für den Song Second To One erhält Sänger Joacim Cans Unterstützung und wir kommen nochmal in den Genuss, Noora singen zu hören. Das passt perfekt zusammen, doch auch hier stiehlt Noora, meiner Meinung nach, wieder die Show. Definitiv die beste Stimme heute Abend! Die weitere Setlist legt das Hauptaugenmerk auf das 20-jährige Jubiläum der Platte Renegade. Nach einem Medley von The Champion und Renegade geht es direkt über in Keep The Flame Burning. Der dreifache Powerschlag mit dem Hammer und wenn Sänger Cans sich eine kleine Pause gönnen möchte, übernimmt einfach das Publikum den weiteren Gesang. Heavy Metal Jobsharing!

Für die letzten beiden Songs wird nochmal die halbe Bühne angefackelt und aus allen Ecken speien Flammen, explodieren Glitzerknaller und die Menge wird in Lametta gebadet. Let The Hammer Fall ist der Auftakt vom Ende und als das Intro zu Hearts On Fire erklingt, gibt es in keiner Ecke mehr einen unbewegten Körper. Bierbecher fliegen durch die Gegend, Leute liegen sich in den Armen und bangen gemeinsam. Crowdsurfer fliegen durch die Halle und Flammen schießen durch die Gegend. Ob drei Kameras vor der Bühne ausreichend waren, um diese Stimmung einzufangen, bleibt abzuwarten.

Ich stehe schwer beeindruckt am Rand und singe vollgepumpt mit Euphorie die einzigen zwei Zeilen von Hammerfall mit, die ich tatsächlich kenne und die sich seit meiner Jugend eingebrannt haben:

„Hearts On Fire, Hearts On Fire!
Burning, Burning With Desire!“

Hammerfall

Battle Beast

Serious Black

Ein Gedanke zu „HAMMERFALL, BATTLE BEAST, 15.02.2020, MHP Arena, Ludwigsburg

  • 18. Februar 2020 um 07:59
    Permalink

    „Heute mal im letzten Eck der Seele die Empathie aus der Rumpelkammer holen“. Sehr gut! Danke für den Text und die tollen Bilder. Ich glaube, bei dem Konzert hätte ich auch Spaß gehabt. Muss mal schauen, wo ich meine Empathie habe.

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