BOB DYLAN AND HIS BAND, 10.07.2019, Jazzopen, Schlossplatz, Stuttgart

BOB DYLAN AND HIS BAND, 10.07.2019, Jazzopen, Schlossplatz, Stuttgart

Bob Dylan erlaubte keine Fotos von sich auf der Bühne. Foto: Michael Schell

Wenn man sich bei Bob Dylan-Konzerten in den letzten Jahren auf etwas verlassen konnte, dann darauf, dass der mittlerweile 78-Jährige das Publikum nicht anspricht und pünktlich zum angekündigten Beginn mit dem Oscar prämierten Things Have Changed eröffnet. Auch während der etwa 100 Konzertminuten vor den gut 7000 Jazzopen-Zuschauer*innen auf dem ausverkauften Schlossplatz schweigt Dylan. Doch sorgen schon die ersten Takte, die seine famose Band anspielt und die ersten Verse, die Dylan in der unnachahmlichen Mischung zwischen einem rauen Knurren und lässigem Croonen singt, für frenetischen Applaus. Denn die treue Jüngerschar lauert nur darauf, dass sich kleine Dinge ändern: „And you know something is happening / But you don’t know what it is“. Dylan eröffnet – selbstredend pünktlich auf die Minute – mit der Ballad of a Thin Man, dem Song, den er früher, als er auf Konzerten noch sprach, gerne als seinen „theme song“ ankündigte.

Die Euphorie der Fans lässt auch den Meister nicht kalt und so staunt man nicht schlecht ob eines strahlenden Bob Dylan, der mit großer Spielfreude mal am Flügel steht, mal sitzt, manchmal sogar vorsichtig tanzt und post und ganz nonchalant unsterbliche Meisterstücke aus dem Kanon der Rockgeschichte gänzlich neu interpretiert. Damit lässt er lässig all diejenigen verstummen, die über seinen Auftritt auf einem Jazzfestival spotteten. Das Lamentieren über die Verwässerung des Genres ist ja ohnehin wenig originell, erst recht, wenn es sich gegen jemanden wie Dylan richtet, der schon immer Genregrenzen sprengte und dessen dekonstruktivistischer Umgang mit dem eigenen Werk, den tradierten Jazzprinzipien sehr nahekommt.

It Ain’t Me, Babe, dessen „No, no, no“ gerne als rotzige Antwort auf das „yeah yeah yeah“ der frühen Beatles verstanden wurde, schließt wunderbar rumpelig gespielt an die Eröffnung an; es folgt Highway 61 Revisited. Dylan, der „thin man“ im Polkadot-Hemd und dem von ihm in den letzten Jahren bevorzugten chicen Western-Outfit, macht eine bemerkenswert gute Figur wirkt agiler als bei manchem Auftritt im vergangenen Jahrzehnt. Dabei hält er die Hitdichte hoch und verblüfft auch in Bezug auf sein Œuvre bibelfeste Anhänger*innen immer wieder mit unerwarteten Wendungen. Der alte Vorwurf, man würde bei Dylan-Konzerten mit bis zur Unkenntlichkeit entstellten Versionen der geliebten Songs konfrontiert, wird den vertrackten und zum Teil wunderschönen Neuarrangements und der Spielfreude seiner ausgezeichnet harmonierenden Band nicht gerecht. Es stimmt zwar, dass etwa Make You Feel My Love wenig mit der bekannten Studioaufnahme zu tun hat, doch kann Dylan, der zur Zeit scheinbar große Freude an den Stücken seines 1997er Meisterwerk Time Out Of Mind hat, das durch die Coverversion von Adele zuletzt äußerst populär gewordene Lied elegant für sich neu besetzen.

Das Stuttgarter Publikum ist angemessen euphorisiert, mancher tanzt sogar. Die allgemeine Freude über beeindruckende Mundharmonika-Einlagen, fulminante Versionen von großartigen Liedern wie When I Paint My Masterpiece oder des endgültigen Rocksongs Like A Rolling Stone, der heute mit aufregenden Brüchen gespielt wird, ist deutlich sichtbar und liegt vor allem an dem sichtlich gut gelaunten Protagonisten. Dem häufig als Griesgram Verschrienen huscht immer wieder ein Lächeln über das Gesicht, gefolgt von breitem Grinsen, das auch bei der letzten Verbeugung nach der einzigen Zugabe – einer raffinierten Version des zu oft gehörten Blowin‘ in the Wind – zu erahnen ist und den Zuschauer*innen noch lange in Erinnerung bleiben wird. Genau wie die über jeden Zweifel erhabene musikalische Klasse des Konzerts. Denn wer Dylan in Stuttgart mit verletzlicher und ungeahnter Stimme Simple Twist of Fate und vor allem Girl From the North Country singen hört, ist sich mindestens für einen Moment sicher, noch nie etwas Schöneres gehört zu haben.

Ein Gedanke zu „BOB DYLAN AND HIS BAND, 10.07.2019, Jazzopen, Schlossplatz, Stuttgart

  • 11. Juli 2019 um 19:29
    Permalink

    Super Konzert!!! Ein fabelhafter Bob Dylon mit excellenten Musikern an seiner Seite; der an diesem 10.Juli 2019 in Stuggi auch ein Stück über sich selbst hinauswuchs. Aber Leute, gelächelt hat er nie! Das war nur sein Minenspiel. Eine super headline allemal wert Ein gechillter Abend, mit einem Bob Dylon, der einen Teppich an Ruhe und Gelassenheit für uns ausbreitete. Schade für jene Zeitgenossen, die das Gefingere auf dem Mobilteil einfach nicht bleiben lassen konnten….und wenn ich aus nostalgischen Gründen den alten Bob will, dann leg ich mir entsprechende Scheibe ein. Der Aktuelle ist nämlich musikalisch agil – gut so, goodolbob!!!

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