CHILLY GONZALES, 07.07.2019, Jazzopen, Altes Schloss, Stuttgart

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Foto: Jazzopen | Reiner Pfisterer

Chilly Gonzales spielt eines seiner träumerischen Pianostücke. Die geschätzten 500 Zuhörer im Innenhof des Alten Schlosses an diesem lauen Sommerabend lauschen gespannt auf jeden Anschlag. SCHEPPER! Ein Sektkübel wird umgestoßen. KLIMPERKLIMPERKLIMER! Mit übertrieben ärgerlicher Miene imitiert Gonzales mitten in dieser ruhigen Passage das störende Geräusch, in dem er ein paar hohe disharmonische Akkorde spielt – Lacher – und kehrt wieder zurück zum eigentlichen Stück, als wäre nichts gewesen.

Nach 2013 (siehe hier) und 2017 tritt Chilly Gonzales nun zum dritten Mal bei den großartigen Jazzopen auf – ausverkauft. Dabei war er im März erst im Beethovensaal mit seinem aktuellen Album Solo 3, wobei er nicht Solo da war, sondern Multimusiker Malakoff Kowalski, Cellistin Stella La Page und Drummer Joe Flory dabei hatte.

Heute hat er das Kaiser Quartett mitgebracht, mit denen er 2015 das Album Chambers einspielte und es auch im selben Jahr in der Liederhalle präsentierte, siehe hier. Und Joe Flory darf auch wieder klopfen, aber wie so häufig startet der Kanadier Jason Charles Beck seine Shows allein auf der Bühne mit ruhigen Musikstücken, die in ihrer scheinbaren oder tatsächlichen Einfachheit ganz schlicht wunderschön sind. Hat er erst einmal dem Publikum gezeigt, dass er ein ernst zu nehmender Musiker und Komponist ist, genießt er es sichtlich, den soeben erspielten Hochkulturstatus wieder zu brechen.

In radebrechendem Deutsch meint er, dass das Publikum zurecht hohe Erwartungen an ihn stelle. Aber er war jetzt schon sehr häufig in Stuttgart und hatte jedes Mal ein großartiges Publikum gehabt, daher…

„Ich habe auch hohe Erwartungen an you guys. Versprechen wir uns nicht to disappoint each other.“

Und er bittet das Kaiser Quartett mit Adam Zolynski und Jansen Folkers (beide Violine), Ingmar Süberkrüb (Viola) sowie Martin Bentz (Violoncello) auf die Bühne. Sie hätten nun über ein Jahr nicht mehr zusammengespielt und man müsse sehen, wie es jetzt wird, heute Nachmittag hatten sie keine Zeit zum Üben gehabt – und im Übrigen hatten sie auch keinen Bock dazu.

Gonzales deutsch wird von Show zu Show besser, und das nutzt er, um in der Manier von Mark Twain Witze über die deutsche Sprache zu machen oder amerikanische Songs wörtlich zu übersetzen (z. B. Nirwanas „Es Riecht Nach Jugendlichen Geist“ oder Breatney Spears „Schlag Mich Kleinkind Noch Einmal“) und sie anschließend musikalisch am Klavier zu analysieren, ihren Aufbau und ihre Tricks kenntlich zu machen. Auf WDR gibt es dazu von ihm eine ganze Reihe an Videos, Pop Music Masterclass genannt, sehr intelligent, sehr unterhaltsam.

„I‘m not a rapper, I just rap a lot.“

Zu seinem Rap funktioniert er das Kaiser Quartett zur Rhythmusmaschine KQ-808 um, in dem die Streicher auf ihre Instrumente klopfen, sie zupfen oder kratzen. Der dadurch arbeitslos gewordene Drummer Jon Flory muss dazu den Roboter machen – und Zampano Gonzales bestimmt, dass nun das ganze Publikum so nun zu tanzen hat. Im Innenhof des Alten Schlosses. Sehr schön.

Die Show oszilliert zwischen den teils brüllend komischen Comedy-Einlagen und der wundervollen Musik, mit denen die fünf Musiker die Zuhörer mit diesen schönen, berührenden Stücken zu ergreifen wissen. Jason Charles Beck a.k. a. Chilly Gonzales ist ein glänzender Unterhalter, Rat Pack 2.0 am Piano. Und er ist nicht der einzige mit dem Familiennamen Beck am heutigen Abend. Michi Beck von den Fantastischen Vier ist mit DJ Thomilla hier. Die wissen halt, was gut ist.

PS: Im Dezember ist das Kaiser Quartett auf Tour und spielt Im Wizemann das in Kürze erscheinende Album „Großraumdisko“. Wird gut. Sagt Gonzales. Und der weiß bescheid.

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Foto: Jazzopen | Reiner Pfisterer

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