PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Tag 1 des Psych in Bloom – Festival für angewandte Psychedelic im Komma Esslingen: Ganz viele Töne, Klänge und Bilder schwirren mir durch den Kopf. Es fühlt sich wie ein 1.000-Teile-Puzzle an. Als wenn ein Haufen Puzzleteile verteilt vor einem liegen und ausprobiert wird, welche zusammengehören, damit ein ganzes Bild entsteht.

Das erste Psych in Bloom Festival 2017 war uns allesamt in guter Erinnerung (siehe Tage 1 hier und Tag 2 hier). Also Press the Button, wir (Sabine, bertramprimus und Lichtbildner Armin Kübler) sind wieder dabei. Beste Vorbereitung bei Mitblogger bertramprimus. Eigens hat er eine Tabelle angefertigt. Neben der Running Order der Bands sind zu jedem Act kurze persönliche Notizen hinzugefügt. Fotograf Armin kann die Liste gleich mal zücken, um zwei weitgereisten Fans aus Finnland Orientierung zu geben, welche Band wann spielt. Der gereichte Alkohol im Flugzeug hat die beiden bereits auf ihrer Reise nach Deutschland etwas verspult. Die erstellte Liste wird an den zwei Festivaltagen öfters zum Einsatz kommen.

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Mit viel Liebe zum Detail ist das Drumherum des Festivals gestaltet. Der geübte cineastische Blick erkennt, dass Festival-CI-Gestalter Jędrzej Golecki das Hauptmotiv des Festivalplakates der „Treppe von Odessa“ aus dem Film Panzerkreuzer Potemkin entnommen hat. Sonja Kalkoff (Kuratorin Schwerpunkt-Gallerie, Fellbach) nimmt das Linienmotiv auf und versieht die schwarzen Vorhänge in den Festivalräumlichkeiten mit neonfarbenen Gaffa-Klebestreifen. Einfache Idee, starke Wirkung. Das Festivalbier von der Braurevolution aus Notzingen mundet auch sehr und trägt natürlich auch die Treppe auf dem Etikett. Dann mal „Prost“ und auf zur Mainstage.

Pub Čerenkov

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Viele Farben und noch mehr Klänge gibt es bei unserer Startband des Abends Pub Čerenkov, ein junges Quartett aus Ulm. Sie heißen Matt, Poli, Flafi und Rafi. Sehr motiviert legen sie eine ordentliche Stonerrock-Pyschedelic-Impro-Session ab und treiben sich in ihrem Spiel gegenseitig an. Die ausgebreiteten Effektgeräte kommen allesamt zum Einsatz. Die hochgesteckten Jesusknoten des Gitarristen und Bassisten schwingen im Rhythmus der Musik. Zwischendurch legt sich verhallter Gesang über dahintreibende wabernde Klänge. Sänger Matthis scheint schon in weite Sphären ver- und gerückt zu sein. Ein guter Moment, um die rosa Multispektralbrille zum Einsatz zu bringen. Durch die Handykamera mit der Brille geschaut verstärken sich die im Hintergrund laufenden Visuals zu einem kaleidoskopartigen Effekt. Sehr flashig.

Jack Ellister

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Ist das noch der Soundcheck oder doch schon Teil des Konzertes? Diese Momente werden uns auch die nächsten zwei Tage begleiten. Alles fließt, wusste schon Heraklit. Soundcheck oder doch Konzert gehen hier sehr organisch ineinander über und wir sind jedes Mal live beim Soundcheck dabei.

Nächster Act Main Stage, Jack Ellister steht auf dem Plan. Ein junger London-based Musiker mit Band, der den späten 60er/frühen 70er Jahren Klängen sehr zugetan ist. Psychedelische Folkstücke sind zu hören, die sich langsam aufbauen und große Effekte nicht scheuen. Obwohl ausgesprochen harmonisch, ist der Gesang eher verhalten und zurückgenommen. Vielleicht kommt der Psych-Folk noch etwas zu dünn rüber, vielleicht muss die Band noch zusammenfinden oder es ist alles so gewollt, jedenfalls kann ich den Teil dieser musikalischen Reise nicht mitgehen. Auch das kann passieren.

The Oscillation

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Das Schöne an diesem Festival ist: der Fächer unterschiedlichster Klangfarben und Formen lässt sich weit spannen. Die angewandte Psychedelic ist ein weites Feld. Gitarre, Bass und Drums – mehr braucht es bei The Oscillation nicht. Aber Effektgeräte. Die steuert Sänger und Gitarrist Demian Castellanos sehr konzentriert an. Tiefere Bassklänge breiten sich bei dem Spiel des Kraut-Psychedelic-Postrock-Trio aus London. Retro, düster und spontan zugleich. Sehr wohlig hypnotisierend wirkt der Sound. Immer wieder entstehen neue WahWah-Soundschleifen, die Beats überlappen sich. Das war ein gutes Konzert zum Abschluss des ersten Festivaltages – zumindest für mich. Für Gig-Blog-Kollege bertramprimus ist der Abend noch lange nicht zu Ende. Für heute steige ich aus.

Hypnodrone Ensemble

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Um es gleich vorweg zu nehmen: Hypnodrone Ensemble ist für mich (bertramprimus) die Band des Abends. Die Supergroup der zeitgenössischen Psychedelic mit Mitgliedern der Formationen Nadja, thisquietarmy (spiel am Samstag auf dem PIB),  Alice in the Cities, Nearest Gas Station und Caudal treten mit gleich drei Drummer drauf (vorne links, vorne rechts, Mitte hinten stehend), und das macht mächtig Ein-Druck. Dazu ein Bass und zwei Shoegazer-E-Gitarristen (der eine mit langem Haar, der andere mit langem Bart), kein Gesang, yeah! Krautrockartige Trommelstrecken, effektüberladene, heulende Gitarren, deren Klang sich langsam von der Bühne in den Saal wie zähflüssig-andesitische Blocklava ergieß – die pure Machtdemonstration.

Die andere Assoziation geht so: Hypnodrone Ensembles Musik lässt mich eine Reise zum Mars antreten. Die Aussicht aus dem Fenster ins All ist überwältigen, beängstigend, unendlich, kalt und faszinierend zugleich. Es sieht immer gleich aus. Aber das stimmt nicht. Die Ansicht verändert sich jedem Tag. Ein bisschen. Und noch ein bisschen. Passend zu diesem Bild die Visuals, die zum Auftritt serviert werden – grüne Pixel tanzen vor schwarzem Grund.

Festivalmacher Alex weist im Band-Infotext in der Vorankündigung die Einordnungsbegriffe Ambient/Space/Post-Rock zu. Das trifft es sehr gut. Hypnodrone Ensemble – eine echte Erfahung.

Die Felsen

PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, 1. Tag, 15.03.2019, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Vor der Lava rette ich mich auf Die Felsen, die um kurz vor halb 12 auf der Drone Stage Steine klopfen, Gitarren zupfen. Ralv „Stuttgarter Schule“ Milberg selbst spielt die Akustikgitarre, singt und effektiert mit allerhand Gerät, Vasili Asmanidis behandelt seine E-Gitarre. Beide spielten lange Jahre zusammen in der Band Stale, die ich leider nicht habe erleben dürfen. Heute: Die Felsen.

Überlagerung, Hall, Experiment… Einmal kniet Ralv auf dem Boden, schraubt an den Drehern und singt ohne Mikrofon, beinahe tranceartig. Ein anderes Mal intoniert Ralv mit viel Hall wie von Ferne und begleitet sich mit der Akustikgitarre, während Vasili mit seiner E-Gitarre das Spiel begleitet, bricht, dagegenarbeitet, es wieder aufnimmt. Ralv hat eine Vorstellung davon, wie man mit den gegebenen Mitteln eine ambivalente Stimmung erzeugen kann. Beeindruckend. Und auch nicht ganz überraschend als Meister-Produzent. Max Rieger (Die Nerven) bezeichnet die Musik seines Projekt All Diese Gewalt als Drone Pop. Hier haben wir die Singer/Songwriter-Version davon: rauer, natürlicher, experimenteller. Der PIB-Band-Infotext wird überschrieben mit Atmospheric/Drone/Psych Folk. Wieder gut getroffen!

Der anfangs gerammelt volle Raum lehrt sich etwas. Wohl zu experimentell. Will das Gros der Psych-In-Bloom-Besucher letztlich doch vollständige und erfolgserpropte Songs? Quasi konservativ? Ralv nimmt es mit Humor und ruft fröhlich den verbliebenen progressiven Kräften zu:

„Jetzt haben wir aber den Raum leergespielt. Yipiiiie!“

Ago

Es ist 1.25 Uhr, als Stuttgarts Electronica-Entdeckung Ago ein kleines, aber sehr feines Set zu später Stunde auf der Drone Stage präsentieren. Robin Wörn und Manuel Minniti (Keyboards, Halbleiterhardware, Bass, E-Gitarre) lassen sich heute zusätzlich von einem Schlagzeug unterstützen. Gesungen wird nicht, und Hypnodrone Ensemble gar nicht so unähnlich spielen sie in ihrer Art synthiebasierten Drone, aber mit mehr Breaks und weniger Reise. Überraschend unterschiedliche Musikstile kommen zu Klang: Synthie-Pop mit Keyboardakkorden nach Kraftwerks It´s More Fun To Compute, New Beat belgischer Gewandung im Mid-Tempo- und Up-Tempo-Hemd. So höre ich das zumindest, ob die jungen Herren das auch so meinen, weiss ich nicht, ist aber auch egal.

Ich entscheide mich, die Bahn um 2.48 Uhr zu nehmen und werde es nicht bereuen: Eigens für das Psych In Bloom wurde eine eigene Interpretation von Philipp Glass Minimal-Music-Meilenstein Koyaanisqatsi entwickelt und in letzter Stunde zu Gehör gebracht. Alle fünf Jahre sehe ich diesen Film, und heute Abend trauen sich diese jungen Kerle, eine eigene Version davon zu spielen. Es kann noch einen Endschliff vertragen, aber: höchster Respekt! Ago habe ich nun aufm Schirm und damit gute Nacht.

Pub Čerenkov

Jack Ellister

The Oscillation

Die Felsen

Hypnodrone Ensemble

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