HEINO, 15.03.2019, LKA, Stuttgart

HEINO, 15.03.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Madita Nair

Warum bin ich hier?
Sicherlich nicht wenige würden sich diese existenziellste aller Fragen stellen, stünden sie an einem Freitagabend bei Nieselregen in einer Schlange vor dem LKA, um einen 80-Jährigen zu sehen, der Rammstein, Die Toten Hosen sowie Die Ärzte gecovert hat und sich seit Jahrzehnten wünscht, sein Mädel sei genauso schwarz wie er.

Verdrängt man dabei für einen Moment den Gedanken, dass Schlager gerade die unverschämteste Masche ist für fast Vergessene, ehemalige Popsternchen, noch einmal im Musikbusiness mitzumischen und vielleicht eine Audienz bei Schlagergott Florian Silbereisen zu ergattern in einer seiner zahlreichen Samstagabend-Schlagersendungs-Orgien, so darf dann doch ein wenig Freude aufkommen heute Abend, nochmal ein Original zu sehen, bevor es scheinbar wirklich heißt „Und Tschüss!“

Heino war überall. Hat alles gesehen, hat jeden Quatsch, den sich ARD und ZDF ausgedacht haben, mitgemacht und stand letzten Endes sogar mit Rammstein beim Wacken Open Air auf der Bühne und gab mit Selbigen Sonne zum Besten. Der kann ein Spiel lesen und müsste sich die Strapazen einer Tour eigentlich nicht mehr geben, hat er doch laut eigener Aussage knapp 50 Millionen Platten verkauft und sicherlich in den letzten Jahren das meiste Geld seiner Karriere gemacht. Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass dieser Senior im tiefsten Winter seines Lebens nochmal auf eine Club-Tour geht und in Locations wie dem LKA Backstage seine Haselnuss-Torte genießt, bevor es auf die Bühne geht. Da kann man doch mit etwas mehr Zuversicht auf das Älterwerden blicken. Aber was Hannelore wohl zur Toiletten-Situation in manchen dieser Spelunken sagt?

Die Frage, ob das denn außer Madita und mir noch jemand sehen will, beantwortet sich recht schnell, wenn man die Schlange vor dem LKA entdeckt kurz vor Einlass. Was auffällt, man steht in Reih und Glied an. Eine wunderbare Gelegenheit, die Quersumme des Heino-Publikums zu studieren. Tatsächlich hätte ich mit mehr Metallern gerechnet, die sich daraus einen Spaß machen wollen, aber der Senioren-Anteil ist deutlich höher und zwischendrin tummeln sich auch einige Kinder herum.

Hat man es hinein geschafft, erwartet einen beste Bierzelt-Romantik. Feuchtfröhlich werden Heino-Klassiker in den verschiedensten Tonlagen geträllert, eine Fahne mit dessen Konterfei wird in der Mitte des Saales gehisst und von der Bühne blickt Heino schelmisch von einem riesigen Backdrop hinab auf das vollgestopfte LKA.

HEINO, 15.03.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Madita Nair

Mit dem Alter angepasster Extase wird die 11-köpfige Band empfangen und stimmt mit – alles andere erschiene unwürdig – „Also Sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, die Ankunft des blonden Engels mit der Sonnenbrille an. Im schwarzen Ledermantel, bestickt mit einem H, sicherlich aus Strasssteinen, auf dem Rücken, wird er von einem netten Helfer die Treppen heruntergeleitet und betritt breit grinsend die Bühne. Und natürlich wäre nichts passender, als den Abend mit „Tage Wie Diese“ zu eröffnen. Ja, an Tagen wie diesen freut man sich, sich für Heino entschieden zu haben. Die Lautstärke ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, ist es doch deutlich leiser als sonst. Leider gehen dadurch vor allem die netten Ansagen zwischen den Songs verloren, die Heino immer mit „Freunde…,“ beginnt.
Die Töne allerdings sitzen, sind live und beim Text hilft ab und an der Teleprompter vor der Bühne weiter. Ist dann doch mal eine Textpassage nicht einhundert prozentig präsent, wird das einfach mit einem verschmitzten Lachen weggegrinst, bei dem Heino sein mit 80 Jahren noch äußerst vorzeigbares Esszimmer präsentiert. Alte Klassiker wie „Teure Heimat“ und „Hohe Tannen“ kommen natürlich ganz easy aus der, im Gegensatz zu Hannelore, noch echten Hüfte geschossen und vor allem die Ladies im höheren Alter geraten ins Schwärmen und werden wieder zu echten Fangirls. „Rosamunde“ widmet Heino selbstverständlich seiner und allen anderen Frauen auf der Welt, denn schließlich sind die Frauen meist „das Schönste an uns Männern“. – Ehrenmann.

Über das was nun kommt, freue ich mich sehr, erkenne es gleich an den ersten Tönen und sogar eine leichte Gänsehaut schleicht sich bei mir ein. Als kleiner Dirigenten-Sohn habe ich viele, viele Wochenenden meiner Kindheit auf diversen Dorf– und Volksfesten verbracht, rote Wurst gegessen und meinem Vater dabei zugesehen, wie er seinen Musikverein dirigiert hat und ein Lied durfte dabei niemals fehlen:

„Sierra Madre Del Sur“

Da werde ich doch wirklich für einen kurzen Moment wieder zum Kind, strahle Richtung Bühne und möchte ne rote Wurst.

HEINO, 15.03.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Madita Nair

Seltsam geht es weiter. „Junge“ wird angespielt. Und mochte ich den Song von den Ärzten überhaupt nicht, weil ich immer dachte, was wissen denn die schon, klingt es, wenn Heino das anklagt, wirklich nach einem Vorwurf von Opa und man frägt sich tatsächlich, warum man eigentlich nichts Anständiges gelernt hat. Und ja, die Freunde nehmen Drogen und… wie sehe ich eigentlich wieder aus. Das war für mich mit einer der Gründe, warum ich mir damals sogar das Cover-Album von Heino gekauft habe, weil er vielen der Songs eine ganz andere, seltsamere Wirkung verleiht als der Original-Künstler.

Bei Oldie-Schunkel-Nummern wie „Blau Blüht Der Enzian“, „Die Schwarze Barbara“ und „Karamba, Caracho ein Whiskey“ möchte man sich selbigen sofort literweise in den Kopf leeren und das leichte, sorglose Leben wie in den Liedern genießen. Auch die Begleitband spielt sich dabei in die totale Schlagertrance. Allen voran diese seltsame Mischung aus Background-Tänzern/Sängern, die jeden Song mit oldschool Mickey Mousing unterlegen und es dadurch wirkt, als hätte sich jeder daheim vor dem Spiegel seine ganz eigene Choreographie ausgedacht. Würde da nicht Heino dazwischen stehen, wären wohl im Normalfall schon diverse Bierbecher geflogen, doch an diesem Abend fliegen tatsächlich „nur“ einige Damenhöschen auf die Bühne, die Heino grinsend einsammelt.

Ganze Dreimal wandert Heino die Treppen hinauf und wieder hinab für die Zugaben. Zwischendurch darf auch mal sein Enkel zwei Songs zum Besten geben, was aber gefühlt für ein kurzes Stimmungstief sorgt, da sowohl die Songauswahl als auch die Stimmfarbe mehr als beliebig sind.

Das Ende gehört noch einmal den Coversongs und dafür schlüpft Heino in sein bestimmt weltweit bekanntes rotes Sakko. Es ist schon sehr lustig, wenn diverse Omis und Opis auf einmal „…hier kommt die Sonne“ voller Überzeugung mitsingen, während man bei Rammstein sicherlich mürrisch den Kopf schütteln und über den Untergang der deutschen Musikkultur schimpfen würde. Auch Peter Maffay wird blondiert, toupiert und bekommt die Sonnenbrille auf. Und auch bei diesem Song kommt durch Heinos Stimmfarbe und seinem Alter noch eine gewisse Extraportion Melancholie hinzu, wenn er „Über Sieben Brücken Musst Du Gehen“ für das Stuttgarter Publikum singt.

Für den Heimweg machen wir noch einen kurzen Halt beim Merch fürs Wochenendfrühstück, denn tatsächlich gibt es neben Parfüm und diversen Büchern über das Leben und Wirken des Heinz Georg Kramm auch seine Haselnuss-Torte im Zweierpack zu erstehen.

So. Warum war ich hier?
Ich wollte unbeschwert unterhalten werden, eine lustige Zeit haben und in manchen Momenten in Erinnerungen schwelgen an den kleinen Alexander, der im Auto mit Schlagern überschüttet wird, weil es der Mama so gefällt.

Und Tschüss!

Ein Gedanke zu „HEINO, 15.03.2019, LKA, Stuttgart

  • 18. März 2019 um 13:00
    Permalink

    Alex, danke für Deinen herrlichen Bericht. Als passionierter Schmerzgänger (DJ Bobo, Scooter, Carpendale usw.) hatte ich auch schon überlegt, mal zu Heino zu gehen, die inneren Widerstände waren dann doch zu groß und zwar v. a . deshalb, weil ich nicht das Gefühl habe, dass Heino eine distanzierte, vielleicht selbstironische Haltung gegenüber seinem Image annehmen kann.
    Beim Album „Mit freundlichen Grüßen“ kam es mir eher so vor, als ob er in selbstherrlicher Art zeigen möchte, dass er das auch singen kann, es den „jungen Leuten“ zeigen kann, und nicht, dass er die Songs oder die jeweiligen Künstler wirklich mag oder gar verehrt. Und das fand ich armseelig.

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