WIRE, 14.10.2013, Universum, Stuttgart

Wire

Foto: Steffen Schmid

WIRE aus London haben im April 1977 ihr Vinyl-Debüt auf der Various Artists „Live At The Roxy“ hingelegt, zu einer Zeit also, in der Sicherheitsnadeln von Jugendlichen durch Ohren und Backen gestochen wurden, und in England die Angst vor dem Untergang umging – wegen einer Musik namens Punk. Das Debüt-Album „Pink Flag“ erschien nur kurz nach „Nevermind The Bollocks“ von den Sex Pistols. Beide Alben sind unverzichtbar, angehört habe ich „Pink Flag“ aber zig mal häufiger. Minimal-Punk mit unzähligen Hits. Diese wiederum gecovert von Punkbands weltweit, „12XU“ würde ich mal tippen eines der am häufigsten gecoverten Punkstücke überhaupt. Schon mit der zweiten, ebenso unverzichtbaren Platte „Chairs Missing“ war aber schon großteils Schluss mit Punkrock, da ging es dann schon los mit eher New Wave oder man sagt auch glaube ich bei WIRE „Progressive Punk“. Richtig lange weg waren sie dann eigentlich nie, wenn man bedenkt, wie lange es sie schon gibt. In der Diskografie klafft eine Lücke von 1991 – 2000.

2008 habe ich WIRE zum ersten Mal live sehen dürfen. In Mannheim war das, und der Abend hätte schnell ein Desaster werden können. Eher 20 als 30 Leute im Saal, die sich alle geschämt haben bis sich die Köpfe rot verfärbt hatten, als WIRE dann doch auf die Bühne gekommen sind. Es wurde dann aber doch ein super Konzert, mit mehr alten Hits als WIRE sonst spielen. Vielleicht haben wir der Band ja ähnlich Leid getan.

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Foto: Steffen Schmid

Daher große Furcht, ob es heute ähnlich laufen wird was die zahlenden Besucher angeht. Erfreulich ist dann, dass dies unbegründet ist, es ist ok was los, und was mir auch gefällt: Ich drücke den Altersdurchschnitt diesmal nicht nach oben, sondern deutlich nach unten. Ergraute Herren so weit das Auge reicht, wahrscheinlich Fans der ersten Stunde dabei. Wie auch in Mannheim sieht man weit und breit keinen Stachelirokesen (die letzte unbefleckte Punkfrisur), auch keine normalen Fuzo-Punks, Publikum eher wie gesagt kurz vor der Rente stehende, oder Musikconnaisseure mittleren Alters, keine Kids, keine Skater, nix.

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Die Band steht nahezu in Urbesetzung auf der Bühne. Frontman Colin Newman ist fast 10 Jahre jünger als Rest, und wirkt natürlich noch etwas frischer. Der deutlich jüngere Gitarrist ist zuständig für mehr Haare in der Band und für Gitarreneffekte.

Die Show beginnt mit einem relativ neuen Stück „23 Years Too Late“. Kann sich mit der Qualität der frühen Stücke absolut messen, ein ewig langes Stück mit ewig langem Text, der vom Blatt abgelesen wird, gesungen vom Bassisten. Colin Newman bedient sich für diese Zwecke eines iPads. Zumindest könnte ich mir vorstellen, dass dort seine Texte zu lesen sind. Alterserscheinungen.

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Foto: Steffen Schmid

Das dritte Stück ist von der ganz aktuellen Platte, „Change Becomes Us“, und kann hier abgehört werden – auch super, ein Wahnsinn, dass die sowas immer noch hinbekommen. Sehr druckvoll  dargeboten. Soundmäßig sehr laut, anfangs noch etwas breiig, später dann 1A, und der junge Gitarrist zaubert echt super Klänge aus seiner Fender.

Das erste Drittel der Show dürfte wohl so ziemlich alles Zeug von 2000+ gewesen sein, was aber sicher niemanden gestört hat. Es dauert jedenfalls ein ganzes Weilchen, bis es bei mir einen deutlichen Wiedererkennungsdings gibt, nämlich bei „Another The Letter“ von der „Chairs Missing“. Ein Stück von einer Minute Länge, sehr reduziert klassisch WIRE, erinnert an TRIO. „Map Ref. 41N 93W“ kennt man natürlich auch. Aus dem Jahre 1979. Von der „154“ hätte auch gerne „The 15th“ kommen dürfen. Ein Stück in der Liga von „How Soon Is Now“ von The Smiths. Wer „The 15th“ von Fischerspooner kennt – gecovert von WIRE.

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Foto: Steffen Schmid

Das letzte Lied vor der Zugabe, „Harpooned“ ist ziemlich radioheady. Oder sind Radiohead wirey? Sehr extatisch, sehr lang. Newman, der nicht bei jedem Stück in größere Gefühlsregungen ausbricht, geht richtig ab. Passend zum schnellsten und wildesten Abgehstück des Abends, „Comet“, von einer EP aus dem Jahre 2002. Könnte nicht besser ausklingen die Show.

Nichts von vom Klassiker „Pink Flag“, dafür schmettert nach dem letzten Stück Renate Knaup-Krötenschwanz von Amon Düül II direkt im Anschluß „Archangels Thunderbird“ aus der Anlage. Man muss schon blind sein, wenn man die „Pink Flag“ auf dem Albumcover nicht sofort sieht. Krautrock kam vor Punk, das Stück ist von 1970. Merke:  Rock ist der Teacher, Punk ist der Preacher.

Abgerundet wird der Abend noch mit einem „Cheers Mate“ von Colin Newman (hier kommt das Geräusch aneinandertreffender Bierflaschen), und der Ankündigung, dass es bald wieder eine neue WIRE geben wird.

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