SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Sue Real

Put your knife in me

Das ist im Wesentlichen das, wozu man auffordert, wenn man zu den Swans geht. Die amerikanische Band um den Musiker und Schriftsteller Michael Gira jagt das Publikum durch eine gnadelose musikalische und emotionale Tour de Force, die grundsätzlich Leuten, die ohnehin schon psychisch instabil sind, nicht zu empfehlen ist.

SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Sue Real

Die Swans sind nämlich so eine Band, bei der mir immer schon die Finger zittern, wenn ich die CDs aus der Hülle nehme oder die Konzertkarte am Eingang vorzeige. Man weiß nie genau, wie weit man sich, oder besser die Musik einem den Finger dieses Mal in den Hals oder die Klinge ins Herz stecken wird. Klar, ich mag das: Kunst die weh tut. Es ergibt meines Erachtens auch relativ wenig Sinn, sich um des lieben Seelenfriedens willen von Dingen, die einen provozieren oder herausfordern könn(t)en, fern zu halten. Man würde etwas verpassen wie eine unbequeme Wahrheit, die endlich anzuerkennen einen weiterbringen würde.

Die Swans sind genau solch eine stumpfe Amputationssäge, die, wenn man sich ihnen öffnet, alle Kartenhäuser zum Einsturz bringt. So stumpf und sägend, gewaltvoll und beißend klingt es dann auch. Vor allem die Gitarren von Gira und Norman Westberg. Sie haben keinen Sustain und sind nur solange zu hören, wie eine Hand das Blatt vor und zurück treibt. Das freilich wird mit Beharrlichkeit betrieben und uns in die Wunde gerieben, denn alles an der Musik ist repetitiv. Das ewig gleiche Riff – manchmal ist es auch nur der ewig gleiche Akkord – wird bis ins Unendliche wiederholt, jede Textzeile kommt vier oder mehr Male hintereinander, bis man sich Giras Wunsch zu eigen macht, oder Gira den Gefallen tun möchte:

Put your knife in me
Put your knife in me
Put your knife in me
Put your knife in me

Put your knife in me
Put your knife in me

Das vertreibt die Restwärme aus den Körpern der Zuhörer und zwängt in eine ungute Isolation, in welcher man der Musik völlig ausgeliefert ist. Und es steckt auch keine Melancholie in den Stücken, sondern irgendein seltsamer Akt verbaler Autoaggression, der mit oft atonaler Stimme bedrückt. Ich muss an Depression denken, die Krankheit, bei welcher der Patient in beständig gleichen Gedankenkreisen gefangen ist und ihm immer wieder dieselben selbstentwertenden Sätze durch den Kopf gehen, ohne dass es ihm selbst bei größter Willensanstrengung gelingen kann, etwas anderes zu denken:

I’m worthless
I’m worthless
I’m worthless
I’m worthless

SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Sue Real

So weit zu „Coward“. Das ist sehr wohl nicht das einzige Stück, das gespielt wird. Jedoch ist es extrem schwer, zu identifizieren, was genau die Band gerade zum Besten gibt, denn alles ist gegenüber der Platte umarrangiert – häufig bis zur Unkenntlichkeit. Was auf den Alben noch an marginaler Leichtigkeit in den Stücken verblieben ist (hüstel), ist fort. Die songorientierten Stücke: fort. Die Lyrics: fort oder improvisiert. Melodien? Ach, die treten bestenfalls als wirre Tonfolgen oder zerbrochen in Einzeltöne im Hintergrund auf und werden von den Riffs mit 200 G zerquetscht. Thor Harris mit Geige, Posaune, Hackbrett oder Vibraphon und Phil Puleo, der neben den Drums auch mal das Hackbrett bedient, dringen einfach nicht durch.

Vielleicht wäre es gut, zwischen drin eine Zigarette rauchen zu gehen, denke ich mir. Aber auch das ist nicht möglich, die Musik ist zu spannend, denke ich mir, denn: Da passiert zwar nichts, aber es scheint doch jeden Moment los zu gehen … das, was niemals kommen wird. Die Stücke klingen eigentlich jeder Zeit wie ein Intro oder ein Outro, nach welchem unbedingt gleich etwas kommen muss. Aber: nichts.

Chris Pravdica am Bass sieht aus, als würde er im nächsten Moment willenlos nach vorne umkippen, der zerknautschte Christoph Hahn an der Lap Steel Gitarre wiegt sich wie ein Versoffener am Tresen, Gira steht wieder wie fast die ganze Zeit mit dem Rücken zu Publikum und wippelt ebenso vor und zurück wie Norman. Das Ganze sieht aus als wären wir auf einer Exkursion in ein Asyl, in welchem alle an Hospitalismus leiden.

Die Musik dazu klingt mächtig, wie eine herannahende Armee schlechter Gedanken, schwerfällig und verstörend. Gira spielt immer denselben Akkord; erst der von Norman in rhythmischer Wiederholung hineingesetzte Slide macht ein Riff daraus. Fast ist man froh, etwas Erfassbares gefunden zu haben, aber Phil produziert am Schlagzeug einen Herzschlag, als würde man vom freien Fall träumen. Zwar ist der Beat regelmäßig, doch dringt er durch seine zwei Schläge und zwei Pausen arhythmisch, krampfend in die Brust. Publikumsjubel ist da eigentlich nicht mehr zu erwarten, mehr so ein Röcheln in den letzten Zügen. Aber der Jubel kommt dann doch, gepaart mit einer Erleichterung im Herzmuskel.

SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Sue Real

Jetzt gehe ich doch mal kurz auf eine Zigarette raus. Dort stehen noch mehr Leute, die sich kurz erholen wollen. Von der Musik. Von der ungeheuerlichen Lautstärke. Hier draußen kann man kurz runter kommen. Drinnen schaffen es die Ohrstöpsel gerade noch so. Kommunikation an der Bar: unmöglich. Zum Glück muss man nur die leere Flasche vorzeigen.

Doch dann beginnt schon das letzte Stück. Es muss „The Seer“ sein, dieses – hier allerdings auch kaum wiederzuerkennende – 30 Minuten-Ungetüm vom neuen Album. Die Swans sind erst fertig, wenn auch der Letzte im Publikum zermürbt ist. Gira tanzt wie eine kaputte Marionette in den Händen eines Besoffenen – unten im Publikum bewegt sich keiner mehr. Mit seinem ganzen Körper gibt Gira die Kommandos für sein krankes Orchester: Während Normans und Chris’ Saiteninstrumente dröhnen, geht Gira nach links, woraufhin Christopher beginnt, auf seiner Lap Steel Gitarre einen Sound zu erzeugen, wie ein Orkan, der durch die kleinsten Ritzen pfeift, dann geht Gira nach rechts, der Orkan ebbt ab, Gira springt, und, Wumm, sausen der nächste Akkord und die Schlagstöcke herunter. Gira wieder links, Orkan, Gira rechts, Wumm, der nächste Akkord. Alles quälend langsam und endgültig wie das Einschlagen von Sargnägeln.

Emotional ist das so auslaugend, dass einem noch nichts einmal mehr Metaphern einfallen, zu beschreiben, was da mit uns passiert. Ich muss an Solstafirs Songtitel „She Destroys Again“ denken, nur mehr in der leicht abweichenden Formulierung „He Destroys Again“: Gira steht vorne an der Bühne und winkt mehr Krach herbei. Wenn das Stück nun vielleicht mal enden würde, hätte man eine Chance, nicht den Verstand zu verlieren. Gira tobt, Phil spielt jetzt im Stehen. Immer noch dröhnt eine endlos scheinende Folge von gleichbleibenden Akkordschlägen auf uns ein. Gira tobt, er fährt sich mit dem Finger wie ein Schnitt über die Kehle. Er deutet rinnendes Blut an. Dann ist es unvermittelt aus.

„Jetzt sind wir fertig“, sagt Gira schließlich auf Deutsch und geht ab. Wow, das Konzert war noch schlimmer als das letzte 2011 in München. Es wird eine Weile dauern, das zu verarbeiten. Aber letztlich werde ich auch beim nächsten Mal wieder zustimmen müssen, wenn Gira singt:

Put your knife in me!

SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Sue Real

2 Gedanken zu „SWANS, 23.05.2013, Manufaktur, Schorndorf

  • 3. Juni 2013 um 16:52
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    Uff!

  • 4. Juni 2013 um 22:58
    Permalink

    Schöner Bericht, tolle Fotos! Ich erinnere mich allerdings, dass Herr Gira am Ende artig seine Band vorgestellt hat, sich selbst als ANDREA Merkel dem Publikum präsentierte und sogar sehr freundlich und sympathisch gelächelt hat…

    Das war fast schon eine kleine Katharsis nach dem infernalischen Konzert-Erlebnis. Herr Kullak hat sich da wohl einen kleinen Kunstgriff gegönnt, um nicht den Nimbus von Gira als kompromisslosen und misanthropen Kunst-Berserker zu beflecken… ;)

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