HEINZ STRUNK, 26.05.2013, Wagenhallen, Stuttgart

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Foto: Christoph Hoyer

Umtriebig ist er geworden, der Heinzer. Oder wahrscheinlich war er es schon immer, aber gerade fällt’s halt mehr ins Auge. Neben seinem monatlichen Strunk-Prinzip in der Titanic, in welchem er uns durch das Labyrinth des Lebens lotst, bringt er einen Kurzfilm im WDR unter, sitzt mit versteinerter Miene (wahrscheinlich zu Recht) in Krömers Fernsehsendung als Gast, und mit Fraktus war ja auch was. Und heute Abend ist Stuttgart Station seiner großen Lesetournee, bei der er sein aktuelles Buch „Junge rettet Freund aus Teich“ präsentiert.

Meine Befürchtung, dass eine Lesung in den Wagenhallen bei dem apokalyptischen Frühlingswetter eine klamme Angelegenheit werden könnte, bestätigt sich zum Glück nicht. Warme Luft aus einer großen Öffnung wird reingeblasen, dass es einem das Toupé wegweht. Außerdem ist es gut gefüllt, und wir Humanoiden strahlen auch Wärme ab, so dass es problemlos um 20.10 Uhr losgehen kann.

Die Einleitungen, oder besser Ouvertüren, sind ja immer ein großes Highlight bei den Studio Braun Herrschaften, so auch diesmal. Nach einem Willkommen „auf dem Dampfer der guten Laune“, gibt es erst mal eine kurze Einführung hinter die Grundidee seines letzten Romans. Dass das Buch ja nicht mehr so lustig sei, wie die alten Sachen, findet der Heinzer nicht (ich übrigens auch nicht), sondern erwidert, dass vor allem der erste größere Abschnitt des sehr jungen Matthias, eben aus der Sicht eines Sechsjährigen geschrieben worden sei, und dass in dem Alter noch kein richtiges Humor- und Ironieverständnis ausgebildet sei. Und er wollte dann dem Jungen keine Witze in den Mund legen, die nicht gepasst hätten.

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Foto: Christoph Hoyer

Außerdem gibt es den Hinweis, dass er für die Lesungen Teile des Buches extra zusammengeschrieben hätte, quasi eigenes Manuskript, weil : „Autoren, die aus Büchern vorlesen, mit denen stimmt was nicht.“ Ebenso ist er ein Gegner von Getränken auf seinem Lesetisch. Auch hier die treffende Begründung gegen die ganze „Wassersauferei“, und zwar, dass man als „erwachsener Mensch ja wohl 45 Minuten ohne Trinken“ hinbekommen können, ohne gleich „dehydriert zusammenzubrechen“. Meine Rede! Gegen den Trinkwahn!

Der erste Teil der tatsächlichen Lesung beschäftigt sich dann mit dem unbeschwerten Teil von Matthias‘ Kindheit (im Jahr 1966), mit einer detaillierten Beschreibung seines Opas, der u.a. kein „Moll“ hören könne. Auch schön, Matthias’ Hobby, sich die Autokennzeichen der Autos in der Straße notieren, um sich dann vorzustellen, dass die Fahrer etwas verbrochen hätten, aber dank seiner Notizen zur Rechenschaft gezogen würden.

Danach kommt der erste Sprung ins Jahr 1970, wo „die Sache sich langsam einzutrüben beginnt“. Der Sommerurlaub bei Oma Emmi ist eigentlich wunderbar, aber die Beschreibungen von Oma Emmi und ihrer Haushaltsführung beginnen schon eine leicht verstörende Konnotation zu haben. Ebenso ist die Freundschaft mit Bauersohn Manfred Holzapfel zu Großteilen davon gekennzeichnet, sich ständig so verstellen zu müssen, um Ärger mit dem groben Jungen zu vermeiden. Z.B. die Behauptung, er gehe auf die Hauptschule (in Wahrheit: Gymnasium), um nicht als Angeber zu gelten.

Nach guten 45 Minuten gibt es erst mal eine 20 minütige Pause, nach denen Heinz mit seiner Querflöte zurückkehrt. Das hatte er schon angekündigt, da er ja schließlich „ausgebildeter Musiker“ sei – „kein DJ oder so was“. Das Ding kommt aber vorerst nicht zum Einsatz.

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Foto: Christoph Hoyer

Matthias‘ Leben wird nun immer mehr zur Qual. Die erste Mathestunde im Gymnasium, die für große Lacher im Publikum sorgt, zeigt schon, wohin die Reise gehen wird. Das Gefühl ständiger Überforderung, mit allem. Mit den schulischen Anforderungen, mit der Familie, die rapide abbaut, mit dem sozialen Umfeld.

Die Besuche bei Oma Emmi haben von ihrem Zauber verloren. Die Beschreibung von ihr, dass sie wie ein „schwer pumpendes Insekt in den letzten Zügen“ erinnere, ist einerseits von einer brutalen Komik, andererseits tut es zum Heulen weh. Nur lustig hingegen der erste zufällige Morphium-Rausch, unter dessen Einfluss selbst Grzimeks Tiersendungen zu einem Feuerwerk von Farben und guter Laune werden.

Richtig schlimm hingegen ist dann die Nacht in der selber gebauten Holzhütte im Wald, vor der sich Matthias drücken will, da er Angst hat, von den beiden anderen Jungs unterdrückt zu werden. Und genau so kommt es dann. Am besten bezeichnet die beklemmende Situation der grandiose Gedanke: „Ich weiß nicht, wann ich lachen darf, und wann nicht.“ Die ganze Strategie des Ärgers vermeiden um jeden Preis, ist in der Sackgasse gelandet, Matthias der sinnlosen Brutalität seiner „Freunde“ hilflos ausgeliefert.

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Foto: Christoph Hoyer

Den Lesungsteil beendet Heinzer mit einer Querflöten-Version von Kung Fu Fighting (wer das Buch kennt, weiß warum), und einem Anriss, seiner Vorhaben. Vorhaben, nicht Projekte, wie er betont, da Projekte die Eigenart hätten, nicht zu Ende gebracht zu werden. Neben der schon hier ganz am Anfang erwähnten Titanic-Kolumne, gibt es noch einen Hinweis auf die Fraktus-DVD. Der Film sei ja leider nicht der erhoffte Blockbuster geworden (Nebenbemerkung: an mir liegt’s nicht, ich war zweimal im Kino deswegen), am „Ende gewinnt immer Til Schweiger“. Zwei Filme seien in der Pipeline, und der Titel seines ersten fiktionalen Romans „Honkas Handschuh“ stehe auch schon. Ein Buch über den Serienmörder Fritz Honka. Heinzer dazu: „Frage: Serienmörder und Humor, geht das? – Antwort: Ich schaff das schon.“ Glaub ich!

2 Gedanken zu „HEINZ STRUNK, 26.05.2013, Wagenhallen, Stuttgart

  • 27. Mai 2013 um 21:54
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    Bemerkenswert war, dass der Heinzer nicht einen Stuttgartwitz gerissen hat. Noch bemerkenswerter fand ich dann, dass die Stuttgarter sich brav zwei und zwei in ne Reihe für die Signierrunde gestellt haben und nicht, wie es sich gehört, groupiemäßig den Tisch belagert haben. Stuttgart ist doch sonst nicht selbstironisch..

  • 29. Mai 2013 um 09:22
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    Sehr schöne Bilder!

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