RETRO STEFSON, 05.04.2013, Keller Klub, Stuttgart

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Foto: Steffen Schmid

Immer das gleiche: eine isländische Band spielt und der Gig-Blog rückt in Mannschaftsstärke an. So unterschiedlich die Geschmäcker sonst sein mögen, Besuch von der Wikinger-Insel scheint zu einen. Dabei gibt es hier eine wichtige, wenn auch von außen nicht erkennbare Untergruppierung. Nämlich die Blogger, die bereits auf dem Iceland Airwaves Festival waren. Also die lange Reise gemacht haben, um all die isländischen Musiker in ihrer angestammten Umgebung zu sehen. Quasi die Kap Hoorniers unter den Gig-Blog-Seemännern. Und nun drängt sich in dieser illustren, weitgereisten Runde ausgerechnet der Leichtmatrose, der kaum über den Kesselrand hinausgesegelt ist, zum Konzert-Bericht. Nun denn.

Retro Stefson haben schon zweimal begeistert: 2009 auf dem Iceland Airwaves und 2011 auf dem PopNotPop-Festival. In Stuttgart haben sie jedenfalls so viel Eindruck gemacht, dass sie von Veranstalter Hannes Orange auserkoren wurden, den zehnten Geburtstag und gleichzeitig letzten Abend der Yeah!Club-Reihe zu einer angemessenen Feierlichkeit zu machen. Und das gelingt ihnen wahrlich!

Der Keller Klub ist feierlich geschmückt. Mit Luftschlangen, Girlanden und Luftballons, wie sie nun mal zum Geburtstag eines Zehnjährigen gehören. Das Publikum ist in Feierlaune, der Laden gut gefüllt, aber nicht zu voll.

Hermigerville

Foto: Steffen Schmid

„Hello, inhabitants of Stuttgart!“ Hermigervill, ein sympathischer Kauz mit prächtiger roter Mähne und ebensolchem Vollbart entert um halb zwölf die Bühne. Eine imposante Gestalt: irgendwo zwischen Erik dem Roten, Catweazle und Nerd. Umgehend macht er sich mit wilden Gesten am Theremin und einer eindrucksvollen Anzahl weiterer elektronischer Geräte zu schaffen. Dabei produziert er eine skurrile Mischung aus 8-Bit-Sound, Achtziger-Disco im Stile der Flirts und massiven House-Beats, mit Ausflügen zu HipHop und Reggae. Den Leuten gefällt’s mächtig, der Laden tanzt. Hermigerville ist ebenfalls begeistert, schüttelt die Mähne und steigert sich zu immer kruderen Sounds. Knochentrocken bringt’s die Anlage des Keller Klub rüber. Das ist vom Feinsten. Ein wunderbares Warmup, gute Laune für alle. Kindergeburtstag halt.

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Foto: Steffen Schmid

Als dann um viertel nach zwölf Retro Stefson ihr Plätze einnehmen, finden wir Hermigervill wieder. Eben noch Rampensau, werkelt er nun ganz dezent im Hintergrund an der Elektronik. Die Bühnenkante gehört jetzt Unnsteinn Manuel Stefánsson. Und der weiß auch, wie man korrekt Geburtstag feiert. Schon ganz andere haben versucht, den Sound von Retro Stefson einzusortieren, ich nenn’s jetzt mal „eine Weltreise gepflegter Tanzmusik“. Pop, Afro-Beats, Latin-Grooves, New Yorker Seventies-Disco, Soul, Metal, Rock… alles dabei, und alles genial zusammengewürfelt. Das geht absolut zwingend ins Tanzbein. Und wer’s nicht merkt, dem hilft Stefánsson auf die Sprünge. Er ist der unwiderstehliche Animateur auf dieser Party. Da wird gehüpft, nach links, nach rechts und so hoch wie möglich. Was ein Spaß! Dabei ist die Musik alles andere als stumpfe Party-Mucke. Im Gegenteil: das sind ziemlich komplexe Arrangements und stellenweise vertrackte Rhythmen. Wenn’s auch nicht ganz so exzellent wie auf den Alben rüberkommt, das ist verdammt gut gespielt.

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Foto: Steffen Schmid

Die Rhythmus-Gruppe, in der Unnsteinns Bruder Logi Bass spielt, leistet jedenfalls Schwerarbeit. Ein guter Teil des Sets wird aus dem aktuellen Album „Retro Stefson“ bestritten. (Nach mehrmaligem Hören gefällt’s mir inzwischen noch besser als der Vorgänger „Kimbabwe“) Aber natürlich gibt’s auch die „alten“ Hits wie „Kimba“. Zur Feier des Abends werden dann noch bündelweise Leuchtstäbe ins Publikum geworfen, das Licht gedimmt und eine wirklich bunte Party zelebriert.  Kurz nach Halbzwei ist der Gig vorbei. Eigentlich ein recht kurzes Set. Dafür aber so dicht  und intensiv, dass es an nichts gefehlt hat.

Mal sehen, was die alten Island-Fahrer sagen. Mag sein, dass Retro Stefson woanders noch besser waren. Für den unbedarften Anfänger war’s jedenfalls ein wahrlich großartiger Gig.

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Foto: Steffen Schmid
Hermigerville
Retro Stefson

Ein Gedanke zu „RETRO STEFSON, 05.04.2013, Keller Klub, Stuttgart

  • 7. April 2013 um 14:20
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    Schöner Artikel! Ein alter Island-Fahrer sagt: klasse Konzert! Mag sein, dass sie im Schocken noch’n Tacken besser waren… aber da hatten sie auch Anheizer Haraldur am Start. Wo ist denn der eigentlich abgeblieben? Retro Stefson mussten am Freitag halt auch Publikum einheizen das größtenteils nicht wegen ihnen gekommen ist. Von daher alles sehr gelungen!

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