POP.NOTPOP Clubfestival 2011, 12.11.2011, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Pop. NotPop, die Zweite. Was Hannes Steim und Pese Puscher im vergangenen Jahr zum ersten Mal veranstalteten, ging nun in die zweite Runde. Wir waren überall und nirgends. Haben uns die Beine in den Bauch gestanden, über den Stromausfall im Schocken gelacht, getanzt und verdammt viel Musik gehört. Leider kann man ja nicht überall sein. Betramprimus (Touchy Mob, Laing, I Heart Sharks, Stullenheimer, Shit Robot) und Carsten Weirich (Intergalactic Lovers, Retro Stefson) sind die Berichterstatter, Andreas Meinhardt der Fotograf.

Intergalactic Lovers, Schocken

Auf geht’s in Schocken zu den Intergalactic Lovers. Eigentlich noch nie was gehört von den Belgiern. Aber so als Vorbereitung fürs Pop.NotPop-Festival hört man sich ja gern mal ein paar Songs an, um zu wissen, was sich außer den Bands, die man eh schon auf dem Schirm hat, noch lohnen könnte. Bin wohl nicht der Einzige, der sie sehen will. Das Schocken wird nämlich zusehends voller und ist dann um 21 Uhr auch gut gepackt. Könnte eigentlich losgehen, wären da nicht die technischen Probleme, die Frontfrau Lara Chedraoui und ihre Bandkollegen wieder von der Bühne treiben. Genug Zeit um neue Drinks zu ordern oder sich Wurfgeschosse in Tomatenform zu besorgen, witzelt die Sängerin der Belgier. Könnte ja sein, dass jemand seinem der Wartezeit geschuldeten Unmut kund tun will. Ich entscheide für mich einen Drink. Da ist das Geld besser investiert.

Irgendwann sind die Probleme dann scheinbar beseitigt und es kann losgehen. Und gleich zu Beginn merkt man, dass der Indierock der Belgier, die sich erst vor zwei Jahren formiert haben, beim Publikum bestens ankommt. Das Schocken tanzt zur wunderschön melancholischen Stimme von Lara Chedraoui. Erkältet sei sie und ihre Stimme ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Klingt trotzdem toll. Ungemein charismatisch ist sie auch noch. Steffi, eine Freundin aus München, höre ich sogar sagen: „Ich hasse sie. Die sieht verdammt gut aus und ist auch noch charmant.“ Recht hat sie. Im schwarzen Schlabberpulli und mit ihren roten Chucks tanzt sie, in die eigene oft sphärische Musik versunken und völlig unprätentiös, über die Bühne. Eine tolle Frau, keine Frage. Das Publikum kommt auch besser in Fahrt, unschwer an der Menge der wippenden und tanzenden Menschen zu erkennen. Auch als das Licht im Schocken ausfällt, tut das der Stimmung keinen Abbruch. Die Intergalactic Lovers spielen einfach im Dunkeln weiter. Nach einer knappen Stunde ist ihr Auftritt dann vorbei. Runde Sache würde ich sagen.

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Foto: Andreas Meinhardt

Retro Stefson, Schocken

Jetzt freuen wir uns alle auf Retro Stefson aus Island. Im Oktober wollten wir sie eigentlich beim Iceland Airwaves Festival in Reykjavik sehen. Da sie dort aber weitaus bekannter sind als hier und dazu noch saubeliebt, wurde daraus nichts. Wir sind nicht mehr reingekommen in den proppenvollen Club. Umso schöner, dass sie jetzt in Stuttgart spielen. Und nach allem, was ich über ihre Liveauftritte gehört hatte, bin ich zuversichtlich, dass sie vielleicht in die großen Fußstapfen von FM Belfast treten könnten, die das Schocken beim Pop.NotPop letztes Jahr aber sowas von gerockt hatten.

Dumm nur, dass die technischen Probleme immer noch nicht so ganz behoben sind. Man wartet auf den Elektriker. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, hole ich mir eben nochmal in Ruhe einen Drink an der Bar und habe Zeit mir Gedanken über die isländische Musikszene zu machen. Keine Ahnung was man denen ins Wasser mischt. Normal ist es jedenfalls nicht, dass bei gerade mal 320.000 Einwohnern (etwa halb so viele wie Stuttgart) derart viele richtig gute Bands von dieser wunderschönen, aber halt schon recht abgelegenen Insel kommen. Sigur Rós, FM Belfast, Bloodgroup, Dikta… um mal ein paar zu nennen. Wahrscheinlich hat man da sonst nicht viel zu tun. Mein Rat an dieser Stelle: hört mehr isländische Musik! Echt, es lohnt sich.

Mit einer Dreiviertelstunde Verspätung und noch einen Drink später geht es dann endlich los. Die sieben blutjungen Musiker von Retro Stefson entern die Bühne. Mein erster Gedanke: die sind doch völlig bescheuert, herrlich bescheuert und kacksympathisch. Allein schon der tamburinspielende Einheizer Haraldur muss jedem normalen Menschen sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Gelber Pullunder mit V-Ausschnitt, knallenge abgeschnittene Jeans und dazu Turnschuhe mit Tennissocken. Hammer. Die sieben Bandmitglieder um Sänger Unnstein Manuel Stefánsson geben sofort Vollgas und packen das ob der Wartezeit schon etwas dezimierte Publikum direkt bei den Hörnern.

Mal springt das Publikum im Kollektiv von links nach rechts, dann wieder zurück. „Follow Haraldur“ kommt immer wieder die Anweisung von der Bühne. Denn der ist sich für nichts zu schade und stiftet das Publikum zu einer Albernheit nach der anderen an. Als es gilt Tierlaute nachzumachen, kreischt, bellt und miaut es aus allen Ecken. Auch als er mit den Worten „Is it possible to be sexy in Stuttgart?“ einen Exkurs in Sachen bescheuerte Discomoves eröffnet, zieht alles mit. Ein besonders albernes Bild gibt das Schocken von der Empore aus ab, als das Publikum einfach nur verrückt und durchgeknallt rumhüpfen und sich schütteln soll. Herrlich. Aber Retro Stefson kann nicht nur albern – die können auch noch richtig gute Musik machen. Das Septett aus Reykjavik mischt Afrobeat, Rock, Elektro und was weiß ich noch alles zu einer Musik, die einem ein Grinsen ins Gesicht und Hummeln in den Hintern zaubert. Denn das Schocken geht ab. All meine Freunde hüpfen, wippen und lachen. Vor allem Cathrin hat daher ständig Tränen in den Augen, hat sich wohl ein wenig in den Haraldur verliebt.

Auch toll anzusehen ist die Wall Of Death und eine Art Pogopolonaise. Ich hab jedenfalls nicht zu viel erwartet, Retro Stefson stehen FM Belfast in Sachen Stimmung und Albernheit in nichts nach. Das macht einfach nur Spaß, denen auf der Bühne scheinbar genauso wie denen vor der Bühne. Auch den bislang eher schüchternen Bassisten Logi Pedro Stefánsson hält es irgendwann nicht mehr auf seinem Platz. Er erklimmt klettenderweise mal eben die Empore und spielt einfach oben weiter. Dickes Ding, ehrlich. Nach etwa 75 Minuten nur leider viel zu früh vorbei. Wer es verpasst hat, sollte unbedingt die Augen offen halten. Vielleicht ergibt sich ja bald mal wieder die Gelegenheit die Isländer live zu sehen. Mir wird jedenfalls noch am Tag drauf immer mal wieder völlig unerwartet „Kimba“ durch den Kopf hallen. Und auch während ich das hier schreibe, höre ich es auch aus dem Wohnzimmer, wo meine Frau gerade fern sieht, öfter einfach mal so „Kimba Kimba Kimba“ rufen.

Touchy Mob, Speak Easy

In einem akustikgitarrenfreien Universum wäre Touchy Mob vielleicht ein typischer Singer/Songwriter, der mit seinem typischen Instrument, einem elektronischen Schräubchenbrett, sich selbst zu seinen verschrobenen Songs begleitet. Unser Universum ist aber nicht akustikgitarrenfrei, und so bedient sich Touchy Mob alias Ludwig Rath wie selbstverständlich beiden Instrumenten. Stotternde, tanzbare Beats, Gesang, Vollbart und Topfschnitt, eisenhart allein auf der Bühne im Speak Easy um 9 Uhr abends, Leute unterhalten – ganz schön cool. Sein letzter Song heißt passenderweise „I Don´t Know“ und er verabschiedet sich mit den Worten „Viel Spaß noch“. Spaß hatten wir, den möchte ich mal einen ganzen Abend sehen.

Laing, Kellerklub

Laing aus Berlin bieten eine echte Show im Kellerklub um halb elf. Von den vier Damen in den roten, kurzen Kleidern mit der Aufschrift „Laing“ singen drei, Nummer 5 lebt 4 tanzt. Begleitet vom hartarbeitenden Drummer und Sequenzenabrufer perlt deutscher, dreistimmiger Soul-Elektropop von der Bühne, durchgängig durchchoreografiert, frisch und unerschrocken. Schwankt zwischen „wir sind so cool, wir machen das einfach“ und DIY-naiv. Die letzten Konzerte mit Choreografien, die ich miterleben durfte, waren Deichkind und DJ Bobo. Räusper. Weiter mit Laing. Da wird ganz relaxt „Alles Nur Geklaut“ von den Prinzen gecovert, oder zumindest der Refrain, so genau kenne ich das Jahrhundertwerk der Deutschpopgeschichte nicht. Zum Instrumental breakdancet Nummer 4. Die Songs haben hübsche Übergänge: die Ansage von „Sehnsucht“, vorgetragen von der blonden Grazie, werden zeitverzögert von den vorderasiatischen und afrostämmigen Sirenen wiederholt. Klingt cool. Zum Abschluss wird Laings (Cover-) Hit „Morgens immer müde“ geschmettert. „Ich bin so verliebt“ (Zugabe) besticht durch einen lockeren Upbeat-Rhythmus und einem tollen, stimmlichen Arrangement. Alles sehr launig.

I Heart Sharks, Kellerklub

Um 23.30 Uhr werden im Kellerklub Haie geherzt. I Heart Sharks präsentieren tanzbaren, vom Sound her britischen Club-Rave. Die aus New York, London und Bayern stammenden Bandmitglieder haben sich in Berlin gefunden, wo sonst. Die Schlagzeugerin, der Gitarrist, der auch die zweite Stimme beisteuert und sicherheitshalber auch ohne Mikro alle Gesangsparts des Sängers mitsingt, und der Sänger und Korg-Synthie-Bediener selbst tragen graue, kurzärmelige Hemden. Einfache Melodien, aufgebaut auf Grundton-Terz-Quinte-Bassläufen herschen vor, aber das tut dem Pop- und Dance-Appeal keinen Abbruch. Viele Refrains gehen auf ooh-oh-oooh. Klingt ein bisschen wie Friendly Fires oder wie die längst vergessene Elektro-Wave-Formation Pink Turns Blue, die hiermit auch ihre Erwähnung auf dem Gig-Blog feiern darf. Der Kelleklub tanzt, was will man mehr.

Stullenheimer, Speak Easy

Stullenheimer treten kurz nach 12 im Speak Easy mit weiblicher Vollblut-Soulstimme, E-Gitarre, einem langhaarigen Schräubchendreher (Loops und Regie) und einer kurzhaarigen Schräubchendreherin (Second Unit) an. Bratzige Riffs werden bis ins Nirwana geloopt und mit einem satten Housebeat unterlegt. Keine Ahnung, von was die Dame inhaltlich zu so einer Musik singt oder singen sollte, aber sie tut es mit einer Nonchalance, die den sehr fetten Sound augenzwinkernd kontrastiert. Bei Stullenheimer sind alle Mittedreisigheimer, eine angenehme Abgeklärtheit weht von der Bühne. Die riesige, formatfüllende Speak Easy eigene Leuchtwand strahlt mit der Band um die Wette.

Das Intro zum dritten Track kommt so daher: Eine einfach gezupfte, warme Gitarrenmelodie, Gesang dazu und dann knallt der Elektromann nach gut Dünken vereinzelt Beats zwischen das beschauliche Duo. Alle grinsen, bis er und seine Sekundantin vollends das Heft in die Hand nehmen und knüppelhart mit ihrem Sound über Gitarre und Stimme drüberbügeln. Am Schluss ist das dann Techno, und leider auch ein wenig breiig im Sound. So, und jetzt lese ich die Q&A, die uns Stullenheimer am 10. März 2010 beantworteten.

Shit Robot, Kellerklub

Auch um halb drei ist im Kellerklub noch viel los, Marcus Lambkin alias Shit Robot legt auf. Sein auf dem Plattenlabel DFA im Jahre 2010 veröffentlichtes Debütalbum hört auf den hübschen Namen „From The Cradle To The Rave“. Der untersetzte Ire spielt einen einladenden Mid-Tempo-Techno, dreht unaufgeregt, ja fast gemächlichen an den Hoch- und Tieftönern, sucht den nächsten Übergang, während er minutenlang eine unangezündete Zigarette zwischen seinen Lippen hin- und herrollt. Der Übergang ist gefunden, der nächste Track treibt die Herde weiter, Zeit für eine verdiente Zigarettenpause. Angenehm unhippelig, keine aufgesetzte Coolness, ein zuverlässiger Roboter, der seine Arbeit tut. Wahrscheinlich so lange, bis ihm der Treibstoff, die Zigaretten ausgehen. Das bekomme ich allerdings nicht mehr mit.

Nach sieben Stunden PopNot.Pop ist für mich Schluss. Schön war´s, schön urban, in Stuttgart.

Und hier noch ein paar Fotos:

Hundreds:

Retro Stefson:

RTR

3 Gedanken zu „POP.NOTPOP Clubfestival 2011, 12.11.2011, Stuttgart

  • 14. November 2011 um 19:51
    Permalink

    1a-Fotografier-Licht in den Clubs, Meini :-)

  • 15. November 2011 um 01:21
    Permalink

    Ja, scheint ein neuer Modetrend in den Clubs zu sein. Im Schocken haben sie fast gänzlich auf elektrisches Licht verzichtet ;)

  • 15. November 2011 um 10:46
    Permalink

    Im Schocken war doch Stromausfall.

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