TOCOTRONIC, 12.03.2013, LKA, Stuttgart

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Foto: Christoph Hoyer

Liebe Tocos,

wie schön euch mal wieder getroffen zu haben! Das hättet ihr wohl auch nicht gedacht, dass aus einem Geburtstagsgeschenk anno 1996 mal etwas entstehen sollte, das bis heute nicht vorbei ist, oder? Ich gestehe euch hiermit: Ihr seid die einzige Band, mit der ich seit meinen Jugendtagen eine praktisch ununterbrochene Beziehung pflege. Ist das jetzt schon L.O.V.E.?

Ein Freund, der in Musiksachen schon immer weiter war als alle anderen, schenkte mir damals eine CD mit dem Titel Wir kommen um uns zu beschweren. Zwischen all meinen längst heute vergessenen und verscherbelten Bad Religion- und Limp Bizkit-Alben nahm sich euer sperriger und auch noch deutschsprachiger Punkrock damals ausgesprochen, äh, seltsam aus. Auch mit euren kryptischen Texten konnte ich damals nichts anfangen, das trifft übrigens auch heute noch manchmal zu. Es war für mich so, wie wenn ich früher Tagesschau geguckt habe oder heute eine Talkshow im Ersten: Ich konnte zwar die einzelnen Wörter oder Sätze verstehen, aber keinen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen, der zu einem für mich nachvollziehbaren Sinn geführt hätte. Ich hoffe, ihr könnt das verstehen. Was soll ein 15-Jähriger schon mit Musikreferenzen wie in „Ich habe geträumt ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“ oder „Die Sache mit der Team Dresch Platte“ anfangen? Oder mit dieser Abneigung gegen schwer konstruiert wirkende gesellschaftliche Minderheiten wie Tennis- und Backgammonspieler, Fahrradfahrer oder Kleinkunst-Macher? Weil ich damals nicht viele CDs besaß, hörte ich das Album trotzdem so oft, dass ich es bis heute komplett auswendig mitsingen kann. Und „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“ ist halt immer noch eines der traurigsten und immer wahrer werdenden Stücke der Welt. Wie ihr das damals schon so glasklar habt sehen können – ein Rätsel.

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Foto: Christoph Hoyer

Auch in Modedingen habt ihr mich damals nachhaltig geprägt. Mindestens zehn Jahre lang hielt ich Second-Hand-Trainingsjacken und Turnschuhe für das einzig akzeptable Outfit und einen verwegenen Seitenscheitel für die einzig annehmbare Frisur. Super, dass wenigstens Bassist Jan Müller den auch heute noch pflegt! Ich lernte, für den Winter einige Paare größere Turnschuhe zu besitzen, in die ich auch mit Wollsocken noch hineinpasste, und größere Trainingsjacken (die „Grasshoppers Zürich“ und die „TuS Kachtenhausen 1913 e.V.“), um sie noch über zwei H&M-Schlumpfpullover drüberziehen zu können. Und ich kaufte eure Alben.

Mit der Zeit begann ich auch, eure Texte besser zu verstehen, fast so, wie man in einen zu großen Anzug hineinwächst. Liegt es daran, dass auf einmal (für eure Verhältnisse) etwas zugänglichere Hits wie Let there be rock oder Widerstandshymnen wie Aber hier leben, nein danke zum Repertoire stießen, bei denen allein der Titel schon mehr Wucht hat als der gesamte schwarze Block bei der G8-Gipfel-Demo? Deshalb habe ich auch die „Die-alten-Sachen-waren-aber-besser“-Motzer im Bezug auf euch nie verstehen können. Ich finde ja, ihr habt es geschafft, euch nicht zu verbiegen und dennoch immer wieder was neues zu machen. Auch wenn ihr die Trainingsjacken abgelegt habt.

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Foto: Christoph Hoyer

Karottenstark jedenfalls, dass ihr im LKA nicht nur die Songs von eurem neuen Album „Wie wir leben wollen“ gespielt habt, sondern im Jahr eures 20. Bandjubiläums auch fast eine kleine Best-of-Show hingelegt habt, mit: Meine Freundin und ihr Freund (1995), Freiburg (1995), Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (1997), Jackpot (1999), Hi Freaks (2002), This Boy Is Tocotronic (2002), Aber hier leben, nein danke (2005), Sag alles ab (2007). So voll mit Menschen und vor allem so vielen Menschen unterschiedlichsten Alters habe ich das LKA übrigens lange nicht mehr gesehen.

Jetzt aber genug mit dem sentimentalen Geschleime. Vielleicht bin ich doch schon zu lange mit euch mitgegangen, braucht unsere Beziehung ein bisschen Pause? Passt auf: Ich warte noch bis zum nächsten Album und entscheide mich dann.

Moin moin, euer N.

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Foto: Christoph Hoyer

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