MICHAEL SCHULTE, 12.03.2013, Goldmarks, Stuttgart

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Foto: Reiner Pfisterer

… Ja, ich weiß, im Longhorn spielen heute Abend Tocotronic … Eigentlich ein Pflichttermin. Musik für meine Generation, mit der man schamfrei die letzten 20 Jahre bis zur Rente durchs Leben gehen kann. Aber ich sitze hier im Goldmarks, schräg vor der Bühne und warte auf die Vorband von Michael Schulte. Musikfans jenseits der dreißig fragen jetzt: „Michael wer“? Aber hier wird es einen ausverkauften Abend geben, das Zusatzkonzert im Mai ist schon gebucht …

Hätte ich keine Kinder, wäre ich jetzt bestimmt bei Tocotronic. Ehrenwort! Aber ich habe zum Glück zwei davon und – Achtung Outing – ich schaue manchmal Casting-Shows. Natürlich könnte ich das jetzt locker auf die Kinder schieben, aber das wäre zu billig. Wenigstens die Hälfte der Gewinner der zehn Staffeln DSDS würde ich bestimmt zusammen bekommen. Die letzten Jahre habe ich mich allerdings zunehmend ausgeklinkt. Meine Kinder auch. Alles hat seine Zeit im Leben. Ja, und auch Popstars und GNTM habe ich mit der Familie immer wieder angeschaut. Alleine allerdings nie, ich schwöre! Und schließlich sind wir bei The Voice Of Germany gelandet. Das ist die Show bei der Nena, Xavier, Chris Rea (Vorsicht Insidergag) und Boss Hoss mit diversen Künstlern um die beste Stimme Deutschlands batteln.

Womit wir wieder bei Michael Schulte wären, einem jungen, sympathischen Hamburger Singer/Songwriter. Und wäre meine Tochter nicht großer Fan von ihm, dann wäre ich jetzt bei Tocotronic. Mit gleichaltrigen oder zumindest nur zehn Jahre jüngeren. Ganz ehrlich. Aber es gefällt mir, dass meine Tochter Musikfan ist, denn das bin ich auch schon so viele Jahre. Und das Fansein hat mich an viele schöne Plätze geführt. Deshalb habe ich beschlossen, der Sache mit der Musik von Michael Schulte auf den Grund zu gehen. Und weil das kleine, kuschelige Goldmarks natürlich keinen Fotograben hat und ich wusste, dass sehr junge Fans sehr früh auf Konzerte gehen, um ihren Idolen sehr nahe zu sein, fuhr ich auch sehr früh los und warte jetzt schon sehr lange auf die Vorband.

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Foto: Reiner Pfisterer

„Die Stadt schläft, nur wir sind wach.“ Die beiden Hannoveraner der Vorband „Rauschenberger“ besingen die Zeit, die sie in Hamburg verbrachten. Ein Déjà-vu oder besser Déjà-écoute. Das haben Spliff vor 30 Jahren schon zum Besten gegeben. Vielleicht also doch ein Abend, an dem auch meine Generation willkommen ist. Ansonsten tut die Musik der beiden Gitarristen nicht weh und der weibliche Publikumschor stimmt sich schon mal auf später ein. Gerade müssen die Frauen über 18 singen, jetzt die unter 18. Remis würde ich sagen. Doch gemeinsam sind sie lautstark. Männer gibt es auch. Wenige. Vor allem Väter an der Bar. Und der Castingshow schauende Gig-blog-Fotograf-und-Schreiber. Wie es jetzt wohl im Longhorn wäre?

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Foto: Reiner Pfisterer

Rauschenbergers besingen nun die Trennung von der Freundin. Damals in Hamburg. Aber die Hamburger Schule ist dann doch eher in Wangen angesiedelt an diesem Abend, denn es fehlt etwas die Wut. Das letzte Stück von Rauschenberger. Mal gespannt, ob es wieder um Hamburg geht. Nein, diesmal um den Masterplan fürs Leben. Den suchen wir doch schließlich alle. Ob am Charlottenplatz oder in Wangen. Heute, morgen und zu allen Zeiten. Ansprechender Applaus von den Teens, den Twens und den Müttern. Die Väter schweigen nach wie vor. Aber ich wollte ehrlich bleiben: Ein paar „ganz normale“ männliche Fans der Gitarrenmusik sehe ich dann doch. Nur zu singen haben sie sich nicht getraut. Gerade mal halb neun, Vorband schon vorbei. Ob ich nachher noch ins Longhorn soll? Blöd nur, dass ich meiner Tochter und ihrer Freundin versprochen habe sie mit nach Hause zu nehmen. Außerdem ist das Auf-mehreren-Hochzeiten-tanzen meist eh unbefriedigend. Und Teil einer Jugendbewegung bin ich schon lange nicht mehr.

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Foto: Reiner Pfisterer

Michael kommt auf die Bühne.

Jetzt sind schon 30 Minuten vergangen. 30 Minuten, in denen ich mich dem Fotografieren gewidmet habe. Wo sind eigentlich all die Gig-blog-Schreiber an diesem Abend? Ich bin doch Fotograf! Alle bei Tocotronic? Alle außer mir? Vielleicht sind zwei, drei ja vor der Glotze, immerhin Champions-League-Viertelfinale. Wenn auch nur Schalke … Ich jedenfalls bin hier, Elli sei Dank! Keine Ahnung, ob es mir hier wirklich gefällt, ist ja mehr so eine Art Feldstudie, aber der Junge traut sich was. Sich allein auf eine Bühne zu stellen, nötigt mir Riesenrespekt ab. Meine Helden waren schon immer die Gitarren spielende Sänger, wenn auch eher im Bandkontext. Billy Corgan, Matt Bellamy, Thom Yorke.

Die vielen jungen Frauen hier hängen an seinen Lippen, man sieht viel Lächeln in den Gesichtern. Und die vielen jungen Frauen, vielleicht auch ein paar der älteren, werden von ihm träumen. Jetzt singt er auch noch, dass er die Frau fürs Leben sucht. Ob er sie hier findet? Vielleicht ist sie ja aus Versehen bei Tocotronic gelandet, laut Rauschenberger steht Michael eher auf ältere Frauen. Das wäre natürlich bitter. Und schon wieder singen alle im Chor. Herrlich! Michael fühlt sich in Stuttgart sehr, sehr wohl. Sagt er. Er hat das Rock’n’Roll- Alphabet schon gut gelernt. Jetzt ein Stück, das er mit Mentor Rea Garvey geschrieben hat. „Carry me home“. Das kenne ich von Zuhause … Ganz ehrlich, irgendwann bilden einen die Kinder. Man muss die Detlev-Jöcker-Zeit einfach sportlich nehmen. Oder kennt noch jemand Las Ketchup? Meilensteine der Kindererziehung und des Erwachsenwerdens. Vor Jahren war ich mit den beiden bei Linkin Park, damals waren sie 14 und 9. Das war so etwas wie ein Etappensieg.

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Foto: Reiner Pfisterer

Jetzt sind die Rauschenbergers mit auf der Bühne. Ich glaube, so gefällt es mir am besten, da stört das Klicken der Kamera nicht so. Ich fühlte mich zeitweise schon wie bei einem Klassikkonzert, bei dem schon das Atmen des Nachbars stört. So leise und gefühlvoll kann der Michael. Und ich meine das durchaus respektvoll. Kurzer Tribut an die Sportis. Komplimente verteilen kann aktuell aktuell nicht nur Heino. Tosender Applaus. Keiner bereut die 17.20 Euro, nicht mal die an der Bar. Pure Vernunft darf niemals siegen. Deshalb bin ich im Goldmarks und nicht im Longhorn. Habe ich schon erwähnt, dass zeitgleich Tocotronic in Stuttgart sind? Von denen habe ich fast alles. Von Michael Schulte nicht. Muss ich auch nicht, kauft ja Elli. Auf meinen iPod wird er es trotzdem nicht schaffen.

Michael glaubt jetzt, er liebe Eleni aus dem Publikum, sie schauen die gleichen Serien. Beste Voraussetzungen für alles, was noch kommen möge. Den schönsten Moment mit „ein Mann spielt Gitarre und singt dabei“ hatte ich am Abend nach dem schwarzen Donnerstag in Stuttgart bei Leonard Cohen. Nach der Pause kam er auf die Bühne, ganz allein, und spielte „Suzanne“. Wow! Das hat meinen Freund Jens und mich damals umgehauen. Das war Magie, Musik für die Ewigkeit. Die spüre ich heute nicht, aber um mich geht es nicht, denn eigentlich bin ich ja eh nicht da. Aber das Zielpublikum spürt den Zauber. Michael wundert sich, warum noch nicht viele in Norwegen waren. Ich war da. Burger, Pommes, kleines Bier: 42 Euro. Noch Fragen? Hab heute gelesen, dass Tocotronic nicht ausverkauft sind. Kein Wunder, wenn nicht einmal ich mehr hingehe.

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Foto: Reiner Pfisterer

Wir sind schon beim letzten Stück, es sind nicht mal zehn. Könnten die beiden Mädels nicht mit der S-Bahn heimfahren? Versprechen hin, Versprechen her …

Zugabe. „Feeling Good“ Das liebe ich! Ich dachte jahrelang, es sei im Original von Muse, ich wollte sogar darum wetten, so sicher war ich mir damals, Muse würden nie ein Cover als Single aufnehmen. So täuscht man sich.

Michael macht das gut, ich glaube ihm, dass er den Song  liebt. Auch wenn Bellamy in einer anderen Liga spielt und singt. Aber Bellamy ist Gott und der ist einmalig. Muse im Goldmarks, was für eine Vorstellung, dafür würde ich sogar die Hamburger Schule schwänzen. Stuttgart ist das beste Publikum der Tour, ein bezaubernder Abend geht zu Ende. Man sieht sich nach dem letzten Song am Merchstand.

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Foto: Reiner Pfisterer

Michael Schulte

Rauschenberger

3 Gedanken zu „MICHAEL SCHULTE, 12.03.2013, Goldmarks, Stuttgart

  • 17. März 2013 um 00:16
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    Der Artikel brachte mich zum Schmunzeln. Ich kenne leider Las Ketchup, furchtbar! Was für ein cooler Daddy, der seine 14 und 9 Jahre alten Töchter zum Linkin Park Konzert mitnimmt. Mich hat Michael Schulte übrigens auch verzaubert und ich bin Ü 40 :)

  • 17. März 2013 um 01:01
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    Sag alles ab, Reiner!
    Köschtlich geschrieben!

  • 17. März 2013 um 11:25
    Permalink

    Marko, guten Morgen! Schön war´s bei dir in der Galerie. Du musst den Blog wirklich lesen …!!! :)

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