STATE RADIO, THE SKINTS, 09.03.2013, Universum, Stuttgart

State Radio

Foto: Steffen Schmid

Neulich hatten wir’s noch davon: das dauernde Rätseln um die korrekte „Stage Time“. Wenn, wie heute, auf dem Ticket „Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr“ steht, darf man normalerweise davon ausgehen, dass man sich im Durchschnitt eine Dreiviertelstunde, gerne auch mal doppelt so lang, die Beine in den Bauch stehen und den Wirt mit Umsatz beglücken darf, bevor überhaupt mal der Support Act auf die Bühne kommt. (Besonders blöd ist dies, wenn man unter der Woche dann die Hauptband gegen 23 Uhr zu Gesicht bekommt und weiß, dass der nächste Morgen ein bleierner sein wird.) Sicher ist dieser Ablauf aber nie. Und deshalb muss man auch als routinierter Konzert-Gänger immer schön pünktlich auf der Matte stehen. Könnte ja sein, dass ausnahmsweise mal zur angekündigten Zeit begonnen wird.

Die Bostoner Reggae-Rocker Radio State haben im Vorprogramm aber nicht einen mittelmäßigen Support, sondern Londons heißesten Reggae-Export mitgebracht: The Skints. Ein tolles Lineup und ein Konzertabend, auf den ich mich schon sehr, sehr lange freue: der Gig war in dieser Besetzung bereits für letzten März angekündigt, wurde dann aber um ein Jahr verschoben. Klar, dass wir pünktlich um 21:00 Uhr im Universum sind. Schon vom Eingang hören wir den Skints-Bass wummern und stellen fest: Hoppla, heute hat man wohl pünktlich begonnen. Doch dann die herbe Enttäuschung (und der Grund für die lange Vorrede): die Skints spielen gerade ihren vorletzten Titel! Begonnen wurde offensichtlich eine Stunde früher. WTF? Das kann doch nicht wahr sein? An einem Samstagabend!

The Skints

Foto: Steffen Schmid

Gut, dass unser Fotograf aus Sorge um einen guten Platz schon etwas früher da war. So gibt’s zumindest Bilder von diesem Auftritt. Kurzum: von den Skints gibt’s nichts zu berichten, außer dass das Rest-Konzert für mich mit einer Stinkwut beginnt und ich eigentlich auch keine Lust mehr auf State Radio habe.

Dabei hat der Tag so gut begonnen. Mittags um zwei haben wir bei Ratzers Plattenladen vorbeigeschaut, wo State Radio drei Titel in einer Akustik-Session gespielt haben. Eine ganz feine Idee, diese In-Store-Gigs, bei denen man die Bands im ganz kleinen Rahmen quasi hautnah erleben kann. Sehr ergreifend ist die kurze Ansprache zum Titel „State of Georgia“, einem Solidaritätssong, den Sie für den zum Tode verurteilten Troy Davis geschrieben haben und den sie jetzt – nach dessen Hinrichtung im Jahr 2011 – in seinem Andenken weiterhin spielen. State Radio ist eine politische Band. Fast all ihre Titel beschäftigen sich mit Themen wie sozialer Ungerechtigkeit oder politischen Fehlentwicklungen in den USA.

State Radio

Foto: Steffen Schmid

Es gibt gute Live-Bands, es gibt saugute Live-Bands. Und es gibt State Radio. Dem Trio eilt der Ruf exzellenter Live-Performance voraus und das Universum ist logischerweise richtig voll. Um’s kurz zu machen: die drei werden ihrem Ruf gerecht. Was sie in den nächsten eineinhalb Stunden auf die Bühne bringen, ist an Intensität kaum zu übertreffen. Dabei sehen Sie sie so unspektakulär aus. Chad Stokes, mit Fusselbart und Zauselfrisur erinnert eher an einen Chemiestudenten im zwanzigsten Semester, Drummer Mike Najarian ist der ideale Schwiegersohn-Typ mit adretter College-Boy-Frisur, lediglich Bassmann Chuck Fay gibt optisch den coolen Rocker.

State Radio

Foto: Steffen Schmid

Chads markanter Gesang prägt natürlich den State Radio Sound, heimlicher Star der Band ist aber der Drummer. Er treibt die Band massiv voran. Das alles kommt mit einer solchen Wucht von der Bühne, dass man nicht glauben mag, dass da nur drei Mann am Werke sind. Und dann ist da diese Stil-Vielfalt, State Radios Markenzeichen. Vom schweren Metal-Rock kippen die Titel immer wieder in Reggae und Dub, aber auch Punk und Ska gibt es zu hören. Mit dieser Mischung haben sich die drei eine treue Fanbase erspielt. Die ist offensichtlich vollzählig angetreten und singt lautstark alle Titel mit. Klingt nach Party, und das ist es auch – trotz der ernsten Themen ihre Lieder.

State Radio

Foto: Steffen Schmid

Jedenfalls verwandeln Sie das Universum in einen tanzenden und singenden Haufen, ganz so, wie es mit Chads anderem Bandprojekt „Dispatcherst kürzlich im LKA gelungen ist. Zwei Cover-Versionen streuen sie auch noch ein. Peter Schillings „Major Tom“ bringt den Laden endgültig zum Ausrasten (ob State Radio wohl wissen, dass dieser Titel aus Stuttgart kommt?) und mit „Gunship Politico“ leiten sie nahtlos über in den Cranberries-Überhit „Zombie“. Jetzt gibt es keinen mehr, der nicht aus voller Kehle mitsingt.

State Radio

Foto: Steffen Schmid

Schön zu sehen, dass man ohne jegliches Beiwerk, ohne ausgefeilte Bühnenshow und Eventtechnik, nur allein durch pure Energie einen derartigen Auftritt hinlegen kann. Ein neues untrügliches Messinstrument für die Qualität eines Gigs habe ich übrigens auch gefunden: die Mundwinkel. An ihrer Position lässt sich zweifelsfrei ablesen, wie gut der Gig ist. Und während sie zu Konzertbeginn so tief hingen wie selten, haben sie sich am Ende zum breitesten Ever-Cheese seit langem entwickelt.

Und so lässt dieses unglaublich intensive Konzert dann letztlich doch noch verschmerzen, dass wir die Skints verpasst haben. Hoffen wir, dass beide Bands möglichst bald wieder nach Stuttgart kommen. Zu einer vernünftigen Uhrzeit.

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Foto: Steffen Schmid

State Radio

The Skints

2 Gedanken zu „STATE RADIO, THE SKINTS, 09.03.2013, Universum, Stuttgart

  • 11. März 2013 um 21:04
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    Im Anschluss war noch die Bleeding Nose Party im Uni, weswegen wohl offensichtlich nicht nur früher begonnen wurde (und wir auch die Vorband, wegen der ich hauptsächlich kam, fast vollständig verpasst haben) sondern man auch direkt im Anschluss, mit fast noch nicht mal verklungenem Schlußakkord, von der Security höflich aber sehr bestimmt so aus der Laden gekehrt wurde, wie man es so nichtmal aus der Schleyerhalle kennt.

    War aber trotzdem ein schönes Konzert.

  • 11. März 2013 um 21:09
    Permalink

    Ja…das hätte ich gern erlebt! Toller Bericht!

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