WHY?, 12.11.2012, Manufaktur, Schorndorf

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Foto: Özlem Yavuz

Was denn das Etikett Indie und Alternative eigentlich noch so bedeutet, wenn einem Musikconnaisseur Chris ein Bieretikett unter die Nase hält, auf dem statt des Brauereilogos des Weltunternehmens das Albumcover von Bloc Party zu sehen ist, das soll sich mal schön der feine Herr Holger fragen, der sich gleichzeitig auf der Konkurrenzveranstaltung besagter Band tummelt. Er kann’s aber auch bleiben lassen, schließlich geht’s ja um gute Musik, die einen berührt, irgendwelche Szene-Kredibilitäten hin oder her.

Aber dafür, dass solche Grübeleien nicht sofort ins benachbarte Feld der Kapitalismuskritik rüberhüpfen, sorgt nicht nur die Keyboarderin von Why?, die ein ruhiges Vorprogramm mit ihrem E-Piano (Rhodes oder Wurlitzer? Ich werd’s nie kapieren) gibt, sondern vor allem meine Mitabiturientin Steffi in der Umbaupause. Sie leitet nämlich ein Seminar, und bekommt dort das perfekte Feedback, ob die Stunde gut war, und zwar dergestalt, dass dort drei Anfang-zwanzig-Hipster mit Vollbärten nebeneinander in der ersten Reihe hocken, und ständig stumm nicken. Was passiert, wenn sie mal nicht mehr nicken sollten, darüber will sich Steffi erst mal keine Gedanken machen. Wen dieses Bild nicht bezaubert, der hat kein Herz.

Die Manufaktur ist übrigens ganz gut gefüllt, trotz gleichzeitigem Bloc-Buster Event in Stuttgart, und um kurz vor 22 Uhr kommen Why? auf die Bühne. Im Vergleich zum Konzert von vor zwei Jahren hat sich einiges verändert in der Bandformation. Eigentlich erkenne ich neben Sänger Jonathan Wolf nur noch seinen Bruder Josiah Wolf am Schlagzeug wieder. Ein anderer Typ hockt an einem anderen Schlagzeug, eine an Twin Peaks erinnernde Lady spielt Keyboard und Bass, besagte Keyboarderin aus dem Vorprogramm spielt wieder E-Piano, und zu guter Letzt noch mal ein Typ an Gitarre und Bass. Besagte Zuordnungen sind übrigens nur sehr grobe Annäherungen, da Instrumente oft getauscht werden.

Wir erleben, wie schon vor zwei Jahren, eine dermaßen kurzweilige, hochmusikalische Achterbahnfahrt, dass man gar nicht weiß, wie man das alles beschreiben soll. Als hätte man das ganze Konstrukt Pop-Rock atomisiert, und nun setzen ein paar sehr begabte Spinner es wieder zusammen. Dann muss man sich eben auch nicht wundern, wenn in einem Song Hip-Hop-Sprechgesang, Backgroundgesangs „Uuuhhhs“ und „Aaaaaahs“ und Xylophon-Marimba-Duelle der Schlagwerker mit Philip Glass mäßigen Klangkaskaden sich die Klinke in die Hand geben, und am Ende kommt trotzdem völlig angenehm zu hörender Pop heraus. Faszinierend!

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Foto: Özlem Yavuz

Bei ein paar Stücken muss man befürchten, dass die Schlagzeuger vor lauter gegen den Beat klopfen sich irgendwann einen gordischen Knoten in die Gehirnwindungen spielen. Jonathan Wolf singt derweil mit seiner charakteristischen Stimme schöne Melodien, und schlurft dazu tänzelnd in seinen Espadrilles durch die Songs. Mit dieser Fußbekleidung verbinde ich einen stinkenden Sommer in den frühen 90ies. Mein Nebenmann wohl auch, weswegen der David Foster Wallace Lookalike auch barfuß mitwippt.

Die Songs sind zu Großteilen eher langsames Midtempo, aber so bleibt genügend Raum, die ganzen Facetten und ausgetüftelten Arrangements raus zuhören. Manchmal könnte man glauben, so könnte es vielleicht klingen, würde Sufjan Stevens auf die Idee kommen, mit den Roots zusammen Musik zu machen. Sollte man noch erwähnen, dass der Sound und das Licht in der Manufaktur mal wieder perfekt sind? Ja, man sollte, und wie! Ist ja oft genug nicht der Fall anderswo. Und auch noch toll: keine störenden Dauerquatscher im Publikum. Heaven!

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Foto: Özlem Yavuz

Jonathan meint mal kurz „Music is like sports, but it sounds like something“. Dem kann man schwer widersprechen, ebenso wenig wie der Feststellung, dass die zwei Zugaben ebenso toll sind wie der ganze Rest vom Konzert. Diskutieren kann man darüber, ob es mit knapp einer Stunde nicht einen Tick zu kurz war. Andererseits ist in dieser Stunde mehr passiert, als bei drei, vier Konzerten zusammen. Und zwar so viel, dass man entweder gar nicht mehr aufhört mit dem Beschreiben, oder einfach die Segel streicht wie ich jetzt.

Und insgeheim hasse ich übrigens Why? dafür, dass sie es für eine Stunde geschafft haben, dass mir ihre Hip-Hop Stellen gefallen. Ich möchte nämlich weiterhin Hip-Hop nicht mögen dürfen, damn it.

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Foto: Özlem Yavuz

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