THE INDELICATES, 23.07.2011, Galào, Stuttgart

The_Indelicates

Foto: Steffen Schmid

So stelle ich mir das perfekte Konzert vor: meine Lieblingsband spielt alle meine Lieblingstitel in meinem liebsten Live-Club, alle meine Freunde sind da und die anwesenden Fans sind unendlich dankbar, dass sie so hautnah an ihren Helden sein dürfen. Ein Traum? Ja, aber genau so geschehen am letzten Samstag, mit den Indelicates im Café Galao.

Doch der Reihe nach: The Indelicates, seit 2005 Geheimtipp und Kritiker-Liebling der britischen Indie-Szene, haben sich nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums „American Demo“ von ihrem Label getrennt und gehen seitdem ungewöhnliche Wege in der Vermarktung. Ihr zweites Album „Songs For Swinging Lovers“ zum Beispiel bieten sie in verschiedensten Versionen an: von der einfachen CD, über Sammler-Editions mit diversen Beigaben bis hin zur so genannten „Super Special Edition“. Super Special heißt: die Indelicates reisen als Duo an, spielen das Album live ein, übergeben die Aufnahme an den Auftrag gebenden Fan! Ein echter Vertrag, der ihm die Verwertungsrechte an dieser Aufnahme übertragt, gehört auch zum Deal. Der einzige Haken: „Available within the UK only“.

Eine kurze Anfrage via Twitter ergab: die Indelicates planen gerade eine Minitour in Süddeutschland und können in diesem Rahmen auch ihre erste Super Special Edition außerhalb der britischen Inseln spielen. Kurzentschlossen habe ich dies gebucht. Theoretisch hätte dieses Event nun auch im heimischen Wohnzimmer stattfinden können. Nachdem ich einige der besten Konzerte des letzten Jahres im Café Galao gesehen hatte, war mir klar, dass es in diesem Club mit seinem spannenden Booking und einem entsprechend musik-begeisterten Publikum noch mehr Spaß machen würde (und vielleicht auch die Auslagen wieder reinkommen würden).

Reiner Bocka, Galao-Wirt und Silent-Friday-Veranstalter, nahm meine Idee sofort auf, fand eine Lücke in seinem Konzertplan und machte damit meine Wunsch-Kombi möglich.

Und so nimmt der Samstag seinen Lauf: Julia und Simon Indelicate reisen mit einem Keyboard, einer Gitarre und einem Aufnahmegerät an. Im gut gefüllten Galao spielen sie dann, anders als angekündigt, nicht das Album „Swinging Lovers“ sondern – zur Begeisterung der Fans – ein Best-Of aus ihrem Gesamtwerk. Los geht’s mit „Remember The Alamo“ aus ihrem aktuellen Konzeptalbum „David Koresh Superstar“, gefolgt von den Balladen „Flesh“, „New Art For The People“ und der kraftvollen Piano-Nummer „Europe“. Was in den Studio-Alben eine teilweise wilde Stilvielfalt aus Indie-Noiserock, Folk, süßlichen Balladen und Piano-Rock ist, wächst in er sparsamen Duo-Instrumentierung zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Und das Paar ist nicht nur musikalisch wunderbar eingespielt, auch die witzigen Bemerkungen, Zwischenansagen und kurzen Anekdoten zu den zumeist bissig-ironischen Songs werden pointiert einander zugespielt.

Simon gibt den Entertainer. Er kokettiert mit angeblicher Textunsicherheit bei lange nicht mehr gespielten Songs, macht sich über seinen geringen musikalischen Anteil lustig, zeigt Julia, welche Tasten zu drücken sind, drischt auf seine Gitarre ein, dass mehrere Saiten neu aufgezogen werden müssen, beschimpft imaginäre Roadies. Julia bezaubert mit erstaunlicher Stimm-Vielfalt, von der glockenhellen Kleinmädchen-Stimme („Superstar“) bis zum kraftvollen Organ im Stile einer Amanda Palmer („Europe“). Und was den Fan besonders entzückt: die Indelicates wagen sich auch an alte, bisher kaum in dieser Konstellation gespielte Stücke. Und genau diese Stücke werden zu den Höhepunkten des Abends: „America“, „The Last Significant Statement To Be Made In Rock’n’Roll“, „Julia, We Don’t Live In The Sixties“.

Die Zugaben (Simon: „Julia is going to rock your socks off with her feminist vibe“) beginnen mit „Our Daughters Will Never Be Free“ und nach mehr als eineinhalb Stunden endet der Abend mit der (häufig missverstandenen) Hymne auf den Babyshambles-Frontman „Waiting For Pete Doherty To Die“.

Vielleicht haben wir mit dieser Art eines fan-organisierten Konzerts ja eine echte Alternative zu klassisch gebuchten, schlecht besuchten und für alle Seiten frustrierenden Konzerten erlebt: volles Haus, Band und Publikum haben einen Riesenspaß miteinander, die Indelicates haben einen Haufen neuer Fans gewonnen, am Merchandising wird heftig zugegriffen und die Publikums-Spenden bringen die Kosten für die Super Special Edition wieder rein. Nur konsequent, dass jeder Besucher mit einem Download-Link nach Hause geht, auf dem er sich das Konzert im Anschluss kostenlos herunterladen kann.
The_Indelicates

Foto: Steffen Schmid

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