MAX RAABE & PALAST ORCHESTER, 28.03.2011, Liederhalle, Stuttgart

Max Raabe

Foto: Steffen Schmid

Mancher träumt ja von einem Leben als Rockstar. Mit Drogen, Sex, Skandalen, Roadies, Groupies, zertrümmerten Hotelzimmern, wilden Nächten und endlosen Meilen Playstation zockend im Tourbus. Ich hege seit Montag einen anderen Traum, und zwar als Musiker beim Palast Orchester als Begleitung von Max Raabe. Das stelle ich mir wunderbar vor. Im Bus gemütlich ein schönes Buch lesen, beim Abendessen im stilvollen Lokal eine gepflegte Diskussion über Jazzmusik und ein gutes Glas Wein, vor dem Auftritt die Frisur mit Murray‘s Pomade aus der Blechdose in Form bringen und nach dem Konzert einen 20 Jahre alten Whiskey als Absacker an der Hotelbar. Verdammt, die Hotelbar eines altmodisch-stilvollen Hotels wäre für mich der vielleicht einleuchtendste Grund überhaupt, Alkohol zu trinken.

Altmodisch sein kann wunderbar sein, so wunderbar, dass man einen kompletten Abend selig grinsend in seinem Stuhl verbringen und wünschen kann, der Abend ginge nicht vorüber. Die Aufzählung mag seltsam erscheinen, aber dieses Gefühl hatte ich bisher nur bei drei Anlässen: Bei einem Konzert von Götz Alsmann, bei einer Lesung von Joe Bauer und jüngst beim Gastspiel von Max Raabe.

Sogar das Publikum ist altmodisch: Alte bis uralte Pärchen, die ich warum auch immer auf dem flachen Land verorten würde, das gewohnte Bildungsbürgertum zwischen Killesberg und Sozialpädagogenclique und dazwischen – wirklich vereinzelt – Exoten in Form von passend zum Abend im Stil der 30er Jahre gekleideter Damen oder aufgrund angrenzender kultureller Interessen gepiercter und tätowierter Rockabilly- und Wave-Mädchen.

Der Premium-Platz der in luftiger Höhe gelegenen Loge gewährt schließlich den Blick auf eine auf die Minute pünktlich startende und perfekt choregraphierte Show. Max Raabe, natürlich im Smoking und mit wie immer perfekt gegeeltem Haar, steht gerade am Mikrofon wie an eine Stange geschraubt, und sogar in den Sangespausen lehnt er in perfekter Pose am Flügel, ohne auch nur für einen Moment die sprichwörtliche Haltung zu verlieren.

Perfektion kann ja in anderem Kontext langweilen, wenn man aber nicht regelmäßig klassische Konzerte zu besuchen pflegt, dann kann sie auch unendlich entspannend sein, permanent die Gewissheit vermittelnd, dass jeder Ton sitzt, jede Melodie ausgefeilt ist und jedes Arrangement begeistert.

Jeder einzelne Musiker strahlt diese einehmende Souveränität aus, jeder vom Publikum mit begeistertem Lachen goutierte Scherz in den Ansagen von Raabe wandelt stilsicher zwischen Zote und Anekdote, und man kann sich nur ungefähr vorstellen, wie gewagt die aus heutiger Sicht vielleicht allzu platten Texte über die erfüllte oder unerfüllte Liebe zu einer Dame in der Zeit ihrer Entstehung – Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre – gewesen sein mögen.

Die mit Fleiß von Max Raabe stets ergänzten Jahreszahlen der Kompositionen meist zwischen 1928 und 1933 deuten darauf hin, dass der Einfluss jenes größenwahnsinnigen Österreichers zu jener Zeit die spannende Musikszene, in der sich auch die Comedian Harmonists bewegten, vernichtend gewesen sein muss.

Aber so darf man ohne schlechten Gewissens zwei Stunden lang Zeuge werden, wie Raabe seinen glasklaren Bariton die Liederhalle füllen lässt, wie die Musiker nicht nur ihr Stamm-Instrument, sondern auch gern wechselnd vom Schlagzeug zum Vibraphon, von der Posaune zur Violine oder vom Bass-Saxophon zum Gesang perfekt beherrschen und sich immer wieder für kleinere und gelungene Slapstick-Einlagen nicht zu schade sind.

Zu erwähnen sei noch, dass sich die aktuellen Lieder von Max Raabe, die zusammen mit Annette Humpe entstanden sind, nahtlos in die Schlager von einst einreihen, und dass Violinistin Cecilia Crisafulli ganz sicher Männerherzen reihenweise zum Schmelzen bringt.

Vor der letzten Zugabe gibt es nicht nur endlich die verdienten stehenden Ovationen, ein Ömchen aus der ersten Reihe überreicht auch jedem Musiker eine rote Rose, die beflissentlich ans Notenpult gesteckt wird. Altmodisch sein kann einfach wunderbar sein.

Max Raabe

Foto: Steffen Schmid

5 Gedanken zu „MAX RAABE & PALAST ORCHESTER, 28.03.2011, Liederhalle, Stuttgart

  • 30. März 2011 um 09:27
    Permalink

    Bild 4 und dazu dieser Satz: „Max Raabe[…] steht gerade am Mikrofon wie an eine Stange geschraubt.“

    –> Gut beschrieben.

  • 31. März 2011 um 11:31
    Permalink

    ja mann, das könnte doch deine neue bloggerfriseur sein?

    tighter text – schlimme musik ;)

  • 31. März 2011 um 11:40
    Permalink

    Danke. Aber ich hatte die Frisur des Trompeters (Bild 11) schon vor ein paar Jahren und damit auch einen hohen Pomade-Verbrauch.

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