JACQUES PALMINGER & THE KINGS OF DUB ROCK, 28.04.2010, Schocken, Stuttgart

Jacques Palminger

Fotos: Steffen Schmid

„Ein Dub Rock Konzert ist ein roter Teppich für nervenkranke, psychisch labile Menschen. Manchmal kann unsere Musik helfen, manchmal beschleunigt sie den Krankheitsverlauf, und es geht noch während des Konzertes rapide bergab.“ (Palminger im Selbstinterview)

Mein Chef wollte das gleiche Konzert besuchen wie ich. Eigentlich hatte ich vor, über den Abend einen kleinen Artikel zu verfassen und mit Kraftausdrücken, Schmähungen und rüpelhaft unangebrachten Pauschalisierungen über Publikum und Artisten nicht eben sparsam umzugehen. Ein Grund stolz zu sein, sind die Zeilen sicherlich nicht, die ich mir da des nachts abwringe. Und besonders viel gehört auch nicht dazu: Musikalische Früherziehung, solide Indie/Alternative/Punk-Halbbildung aus Jugendzeiten und armselige Wikipedia-Recherche bilden das Gerüst, erlogene Offtopic-Geschichten geben Einleitung und Schluss her und machen den Quatsch flüssig lesbar.
Schämen muss ich mich dafür aber auch nicht. Trotzdem fänd‘ ich’s nicht so gut, wenn mein Vorgesetzter fleißiger gig-blog-Abonnent wird. Das ist wie wenn einen die Mutter beim zärtlichen Liebesspiel mit oder wahlweise auch ohne Partnerin erwischt. Also eher nicht so gut.
Ergo musste ein Pseudonym her, die großen alten Männer des gig-blog haben schon vorgelegt: Toxic, Schmoudi, Lino, Walter.

Apropos: Heute abend zu Gast im Schocken: Seine Exzellenz Jacques Palminger, von seinen Ex-Duzfreunden von Studio Braun gerne vorgestellt als der schönste Mann der Welt. Mitgebracht hat Jac seine Freunde Rica Blunck (aka Ric) und Viktor Marek (aka Vic) und knallharten, kompromisslosen Dub-Rock. Der geneigte Zuhörer merkt sofort, was sich seit dem letzten Besuch der Kings of Dub Rock im Dezember 2008 getan hat:

„Wir haben in neue Instrumente investiert. Markengeräte der internationalen Spitzenklasse (Moog, Akai, Neumann) bringen die musikalische Performance auf Top-Niveau. So hat Viktor es geschafft, die Basslast zu verdoppeln. Jetzt können wir uns noch tiefer in die Seelen der Zuhörer einschrauben und noch intensiver auf unser Publikum einwirken.“ (Palminger im Selbstinterview)

Und noch etwas hat sich verändert: Pamino Palminger hat gute Laune. Er bewegt sich sicher und fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne. Vor gut einem Jahr konnte davon noch keine Rede sein. Auch die Interaktion mit dem Publikum klappt schon ganz gut. King Alkohol kann eben jeden bärtigen Typen zum Mann machen. Zu Beginn baut Herr Palminger eine kleine Bar auf: Gin und Tonic für sich, Havanna, Cola und Zitronensaft für Rica, Eiswürfel werden geteilt. Der Obdachlose, der gegenüber vom Second Hand Records auf dem Telefonverteilerkasten allmorgendlich seine Bar aufbaut, könnte es nicht besser.

Die Arbeitsteilung steht, jeder tut das, was er am besten kann: Vic macht die Beats, Ric singt und tanzt, Jac klopft Sprüche. Viktor Marek tüftelt an den Knöpfen, die bezaubernde Rica bewegt sich gnuesque und singt wie ein Vögelchen. Zwischen den beiden Musikern kann einem der annähernd talentfreie Jacques schon ein bisschen leid tun. Bewegung (weit entfernt von anmutig) und Gesang sind nicht seine Stärken, dafür gibt er seinen guten Namen für die Tingel-Tangel-Truppe her, ist das Mastermind hinter all den feinen Dada-Nummern und nimmt den Mund so voll er kann. Einfallsreichtum, ein ausgeprägtes Gespür für Absurdität und Sprache zeichnen seinen Stil aus.

„Mit den Beats kann man ’nen LKW aufbocken!“
„Vic, zwing die Meise in den Ring! Drück den Specht zurück in die Tanne!“

Und so sprechsingt er sich durch sein Œuvre, gibt drogenverherrlichende Songs zum Besten, schmäht Henry Maske, singt das Lied für alle und setzt gerne mal ein manuell erzeugtes Echo ein. Das am Anfang auserkorene Kamerakind – Michael Schanze wäre so stolz – filmt beflissen. Gibt ja auch ordentlich was zu sehen: Modisch sind die KODR nämlich auch ganz weit vorne dabei. Vic trägt einen weißen blousonartigen Einteiler mit schlimmen Seidenschalapplikationen, bis zum Brustbein offen, damit das dichteste Brusthaar westlich von Damaskus sich im Scheinwerferlicht sonnen kann. Ric dagegen klassisch im schwarzen Rock mit Fusselborte und weißer Rüschenbluse.

Und was sagt der Mann in der braunen Hose mit dem Pfadfinderhemd und -halstuch am Ende: „Wenn das hier alles vorbei ist: Ich kann sagen, ich hab‘ meinen Spaß gehabt!“
„Wir auch, wir bereuen nichts!“ möchte man ihm entgegnen.

Jacques Palminger

Fotos: Steffen Schmid

Weitere Fotos hier.

P.S.: Ein Pseudonym musste also her. Aber nicht sowas gewöhnliches wie „Harald Martenstein“. Dahinter verbirgt sich meiner Meinung nach eine vielköpfige Künstlerwerkstatt, wie Rembrandt oder de Beukelaer: Rund ein Dutzend Absolventen mittelprächtiger geisteswissenschaftlicher Studiengänge sitzen im Großraumbüro, warten auf eine Volontariatsstelle im Museumspädagogikbereich und denken sich zotige Wortwitze aus. Zwischendurch fällt auch irgendwo die wöchentliche Kolumne fürs ZEITmagazin ab.
Und der zottelige nickelbebrillte Ganja-man? Der ist in Wirklichkeit ein Mannequin einer Modelagentur mit Spezialausrichtung.

7 Gedanken zu „JACQUES PALMINGER & THE KINGS OF DUB ROCK, 28.04.2010, Schocken, Stuttgart

  • 30. April 2010 um 08:30
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    Spitzenmäßig abgeliefert Schappo!Chapeau!
    Es zeugt auch von Style, dass Du Dir ein amtliches Pseudonym zugelegt hast mit dem Du als 5. Beatle bei Studio Braun sicher mit High5s begrüßt werden würdest.
    Sehr gut Dein Verweis auf die Decknamen der Kollegen, insbesondere „Walter“.
    „Drück den Specht in die Tanne“ sticht eindeutig das „Schmeiß den Fuchs auf’s Gleis“ vom letzten Jahr.

  • 30. April 2010 um 08:35
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    …noch eine Warnung hinterher: Das mit dem Pseudonym wir schnell zum unkontrollierten Selbstläufer – leichtsinne Gig-Blogger sprechen einen damit in aller Öffentlichkeit ein, und das gemütliche Leben in der Anonymität ist ruckzuck vorbei.
    Walter und ich können ein trauriges Lied davon singen.

  • 30. April 2010 um 14:03
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    Schappo Klack ist der gewohnt elegante Formulierer.
    Zur Basslast ist noch zu sagen, dass sie sich eher vervierfacht hat. Überhaupt sind die Kings Of Dub Rock jetzt um Meilen tighter und druckvoller als vor anderthalb Jahren.

  • 1. Mai 2010 um 17:04
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    Ich sag nur Druck, Druck, Druck, yes IIIIIII….und ich hatte einen so herrlich durchgeknallten Abend bei dem man besonders als Sprachfetischist besonders ausgefüllt nach Hause ging- nur ein Mann von solchem Format kann sich am Klang eines so profanen Wortes wie „Tortenheber“ ebenso erfreuen, wie ich (ich hoffe, mein Merchandisevorschlag diesbezüglich wird tatsächlich berücksichtigt). Wir haben Jacques zum Ehrenlinguisten auserkoren, woran er sichtlich interessiert war und uns seine Adresse gab: „sinnfrei aber nicht sinnlos und auch nicht sinnentleert.“

  • 7. Mai 2010 um 12:36
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    Herrlich formuliert, jetzt echt!

    „Schappo Klack“ erinnert (mich zumindest) an das Pseudonym eines Zauberkünstlers ;-)

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