SOCIAL DISTORTION, 15.06.2009, Zenith, München

Foto: Michael Setzer

„Lass uns nachher mal die Sanitäter fragen, ob mehr Jungs oder Mädchen in Ohnmacht gefallen sind“, lacht Begleiter Nanno.  Eine berechtigte Frage bei Social Distortion, Punker Legende aus Orange County. Denn ein Großteil der Herren im Zenith versucht, Mike Ness zu sein. Mit dem besten Wissen darum, dass die Damen im Haus gerne einen wie den küssen würden. Hormonpogo an allen Fronten, oder so. Zuzüglich inflationär hohem Aufkommen an Netzstrümpfen, Tattoosleeves, Design-a-billys –  manchmal sogar an ein und der selben Person – ist da richtig was geboten. Ness nennt das bunte Treiben aus adretten Boys & Girls und Altpunkern die Old- und die New School. Und lässt sich gerne von beiden verehren. Ein Bisschen zu Recht.
Obwohl er einen Satz sagt, den man bisher nur von Manowar oder David Hasselhoff kennt. Er lobt Deutschland, das Land, dessen Einwohner so gut zu seiner Band sind. Heute Nacht sind’s geschätzte 4000 Freunde, die Ness mit jukeboxender Hitdichte erfreut. „The Creeps“, „Another State Of Mind“, „Mommy’s Little Monster“, „Sick Boy“, „Don’t Drag Me Down“ – gelungene Eröffnung. Schachmatt in fünf Zügen. Hat nicht jeder drauf.

„Was hast Du in der Hosentasche?“, fragt Ness einen Typen in der ersten Reihe. „Geld? Dann gib’s jetzt sofort aus. Oder gib’s dem Typen da drüben. Denn Du wirst es nicht mitnehmen können, wenn das alles hier vorbei ist.“ Klingt komisch, auf einem Konzert, bei dem T-Shirt- und Bier-Stand immer nur ein paar Meter entfernt sind. War aber wahrscheinlich eher im größeren Kontext gemeint. Denn Ness singt gerne vom Leben und wie das läuft mit dem Sterben, dem Bereuen, dem Trotzdemweitermachen, Autos und der Liebe. An schlechten Tagen glaubt man ihm jedes Wort,  an den anderen freut man sich über das selbstgefällige Gewäsch. Montag Abend ist ein super für große Gefühle.

Apropos „Super“: Es gibt auch ein paar neue Lieder zu hören. „Still Alive“ war eines davon. Kracher. Schmissig, selbstverliebt – wird ein Hit, wenn’s die dazughörige Platte irgendwann geben sollte. Auch ein Guter: Atom Willard, neuer Schlagzeuger – ehemals Rocket From The Crypt und komischerweise auch bei den fürchterlichen Angels & Airwaves. Der Mann tritt Ness ordentlich in den Hintern.

Mit den famosen The Gaslight Anthem, die als Support ran durften,  habe ich derweil eine persönliche Geschichte. Jugendhaus West, Keller Klub, Wiesbaden Schlachthof und München – immer verpasst. Dieses Mal stehen wir auf der Autobahn, die eigentlich zum Fahren gedacht ist. Nebenan im Auto telefoniert eine blonde Frau. „He, ruf mal Gaslight Anthem an, sie sollen warten“ will ich ihr zurufen. Mach ich natürlich nicht. Ich spreche fremde Frauen grundsätzlich nicht an. Als der Stau endlich vorbei war, fährt Frank den heißesten Reifen zwischen Rostock und, äh, München.

„The 59 Sound“ hören wir aus der Halle dröhnen während wir in der Einlassschlange stehen. „Old White Lincoln“ auch. „We Came To Dance“ nicht. Kurz: Am Schluss waren es 20 Minuten, die wir noch sehen konnte. Jens sagt „Ich mag Bruce Springsteen nicht“ und verschwindet zum Bierstand. Brian Fallon ist ein unverschämt sympathischer Typ, der auch noch fantastisch singt. Von Springsteen kaum eine Spur. Der Rest der Band: auch bestens aufgelegt. „Weitermachen. Einfach weiterspielen“ will ich rufen. Mach ich natürlich nicht. Ich spreche fremde Bands grundsätzlich nicht an.

Obwohl man sich bedanken sollte für „Meet Me By The River’s Edge“ und „The Patient Ferris Wheel“. Mach ich das nächste Mal, wenn ich nicht wieder die Hälfte verpasse. Tolle Band. Kann man heiraten. Nächstes Mal spreche ich sie an.

Michael Setzer

Update: Natürlich scheuen wir keine Kosten und Mühen und sind extra zum Southside gefahren, um Fotos von Social Distortion und The Gaslight Anthem nachzuliefern.

2 Gedanken zu „SOCIAL DISTORTION, 15.06.2009, Zenith, München

  • 17. Juni 2009 um 09:22
    Permalink

    „ich sprech fremde Bands nicht an“
    Großartig! Hat man ja von den Eltern mitbekommen die Devise.

  • 18. Juni 2009 um 01:04
    Permalink

    „Als der Stau endlich vorbei war, fährt Frank den heißesten Reifen zwischen Rostock und, äh, München.“

    Also wenn Dir das mit 50 PS und vier alten dicken Männern schon zu heiß war… :)

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