SÓLEY, SIN FANG & ÖRVAR SMÁRASON, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

SÓLEY, SIN FANG & ÖRVAR SMÁRASON, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Isländische Musik zieht immer. Und am Island-Hype hat unser kleiner Blog ja ganz ordentlich mitgebastelt. Durch exzessive Berichterstattung vom Iceland Airwaves Festival und die geradezu kultische Verehrung mancher isländischer Musikanten. Wenn dann mit Sóley, Sin Fang und Örvar Smárason eine „Supergroup“ von der Insel anreist, sind wir selbstverständlich vor Ort. „Team Dreams“ heißt das Album, zu dem sich die drei zusammengefunden haben. 12 Songs in 12 Monaten, jeder innerhalb von drei Tagen produziert. Dies ist die Idee dahinter, das Erscheinungsdatum logischerweise Dezember 2017, die Tour dazu Anfang 2018. Und das Universum ist mit gefühlten 120 bis 150 Zuschauern auch ganz anständig besucht.

ÖRVAR SMÁRASON, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Örvar Þóreyjarson Smárason leitet in den Abend ein: jeder der drei werde erst ein kurzes Solo-Set spielen, dann gebe es eine kurze Pause und danach das gemeinsame Musizieren. Sphärisches Elektronik-Gefrickel gibt er zu Gehör, wichtigstes Instrument ist ein iPad, dazu singt er – seine Stimme bis zur Unkenntlichkeit mittels Vocoder und Autotune verfremdet – in bis zu drei Mikrofone. Tiefe Elektronik-Beats verleihen dem ganzen etwas Drive. Nach meinem Geschmack ist das allerdings nicht.

SIN FANG, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Sin Fang ist das Soloprojekt von Sindri Már Sigfússon. Mit Sóley spielt er in der Band Seabear. Sein Solovortrag am Klavier ist subtil und filigran, schöne Songs, gefällige Melodien – und er geht komplett im Geschwätz des Publikums unter. Er fühle sich wie Billy Joel in einer Bar, leitet er seinen Song „Two Boys“ ein. Ob dies eine direkte Anspielung auf das unhöfliche Verhalten des Publikums ist, sei mal dahingestellt.

SÓLEY, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Als dann Sóley die Bühne betritt, ist schlagartig Ruhe im Saal. Liegt es an ihrem strengen, etwas gouvernanten­haften Äußeren? Oder ist es darauf zurückzuführen, dass sie vielen von ihrem Openair-Auftritt im Hof des Alten Schlosses bekannt ist? Sie erinnert sich jedenfalls gut an diesen bemerkenswerten Abend in Stuttgart, wie sie freundlich plaudernd bekannt gibt. Sie präsentiert einige Songs ihres Albums „Endless Summer“, darunter der gleichnamige Track, sowie „Úa“, den Song für ihre Tochter. Rechtzeitig zu deren viertem Geburtstag werde die Tour beendet sein und Sóley freue sich riesig darauf, dann wieder in Island zu sein. Überhaupt ist die sympathische, humorvolle Isländerin in Plauderstimmung: sie wisse zwar, dass Dinge nicht wirklich glücklich machen, aber bei ihrem neuen digitalen Mellotron sei das doch so. Und tatsächlich: seine altmodischen, der vor-digitalen Zeit aufwändig nachempfundenen Sounds, verbreiten eine wohlige Stimmung.

SÓLEY, SIN FANG & ÖRVAR SMÁRASON, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Nach einer kurzen Pause und etwa eine Stunde nach Konzertbeginn betreten die drei nun als Band, verstärkt durch einen Drummer, die Bühne des Universums. Und die Erwartung, dass die drei Künstler gemeinsam mehr leisten, als in der Summe ihrer drei Einzelvorträge, wird erfüllt. Zumindest teilweise. Zum Beispiel bei „Random Haiku Generator“, das sich vom Duett-Gesang, über zartes Gefrickel zu breitbandigem Elektroniksound entwickelt. Auch „Tennis“ oder „Used and Confused“ haben ähnliche Song-Qualitäten. Insgesamt entwickelt sich der Gig aber erstaunlich höhepunktlos. Die Songs plätschern vor sich hin. Witzige, selbstironische Ansagen über den Rock’n’Roll-Lifestyle (mit Soja-Pudding auf dem Sofa und frühem Schlaf) oder über den Fakt, dass man Stuttgart in Island hauptsächlich des Fußballs wegen kenne, lockern zwar auf, unterstützen aber nicht gerade den Spannungsbogen. Die Magie, die dem poetischen Album innewohnen mag, verbreitet sich überhaupt nicht. Und das liegt weder an der Band-Performance noch am Sound. Der Mischer stellt einen perfekt austarierten Wohlklang in den Raum. Vielleicht ist die ausladende Einleitung mit drei Solo-Gigs zu lang?

Nein, es liegt schlicht an der Location. Das Universum mit seinem Tiefgaragen-Charme und der unglücklichen Guckkasten-Bühne ist ohnehin schon ein schwieriger Konzertraum, bei einem Punkrock-Abriss oder Hardcore-Exzess ist dies meist egal. Hier ist es aber schlicht der falsche Rahmen. Nicht auszumalen, wie schön dieser Gig in einer feierlichen, kontemplativeren Umgebung geworden wäre. In einer Kirche, im Marmorsaal, unter dem Sternenhimmel des Burning Eagles Festivals oder auch im stimmungsvoll ausgeleuchteten Innenhof des Alten Schlosses. Alles verlockende Ideen. So ist er mangels geeigneter Konzertlocations leider deutlich unter seinen Möglichkeiten geblieben.

SÓLEY, SIN FANG & ÖRVAR SMÁRASON, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

3 Gedanken zu „SÓLEY, SIN FANG & ÖRVAR SMÁRASON, 15.03.2018, Universum, Stuttgart

  • 17. März 2018 um 11:00
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    Ja, leider war für einen großen Teil des Publikums die Musik nicht die Hauptmotivation ins Konzert zu gehen, sondern der Austausch von Neuigkeiten des Tages. Das Konzert ging für meinen Geschmack total im Gequatsche unter. Sehr schade und wieder frage ich mich, warum manche Leute auf Konzerte gehen, wenn sie überhaupt keine Lust auf Musik haben. Sehr schöner Bericht und tolle Fotos!

  • 17. März 2018 um 16:17
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    Danke für deine Zustimmung und das Lob, liebe Elke.

    Seit Jahren prangern wir immer wieder das Schwätzen auf Konzerten an. Ich habe davon inzwischen wirklich die Schnauze voll. Insbesondere, wenn man einen erklecklichen Eintrittspreis bezahlt hat, ergibt es doch überhaupt keinen Sinn, lautstark zu tratschen und das Konzert als (störende?) Hintergrundmusik zu übertönen zu versuchen. Jegliche Hoffnung auf Rücksicht gegenüber den anderen Zuschauern oder gar Respekt vor den Künstlern habe ich inzwischen aufgegeben. Dummheit, Ignoranz und Egoismus sind einfach stärker verbreitet als Vernunft und Empathie.

    Ich habe selbst schon schwätzende Nachbarn in den Senkel gestellt und manchmal eine gewisse Selbstkontrolle durch umstehende Konzertgänger beobachtet. Nur meistens bringt das nicht viel.

    Eines frage ich mich allerdings: Warum trauen es sich nur so wenige Musiker, das Publikum um Ruhe und Aufmerksamkeit zu bitten. Die Unterstützung und Begeisterung ihrer echten Fans, also derer, die wegen ihrer Musik angereist sind, ist ihnen doch gewiss. Und dabei können sie – solange es nicht zickig oder arrogant rüberkommt – überhaupt nichts verlieren. Im Gegenteil: Sie beweisen Selbstbewusstsein und Ernsthaftigkeit. Ich träume von dem Tag, an dem ein Musiker seine Arbeit einstellt, das aufmerksame Publikum nach und nach zu absoluter Stille bringt und damit die restlichen Schwätzerinseln in einem peinlichen Moment für alle sichtbar macht. Und wenn das auch Minuten dauern sollte. Dann ein paar wohlgesetzte, ironische Worte an die Störer – und ich bin sicher, das Konzert wird ein ganz anderes werden. Ja, das klingt ein wenig nach Klassenzimmer, aber dort hat das auch immer funktioniert.

    Und wenn wir schon dabei sind. Liebe Leute an der Bar, wir wissen euren Job zu würdigen und freuen uns über jedes gut und schnell gezapfte Bier. Aber auch ihr müsstest merken, dass der stillste Moment des Konzerts nicht der richtige Moment ist, Bierkisten in die Kühlschubladen zu donnern. Danke.

  • 17. März 2018 um 17:50
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    Als ich das letzte Mal in der Kiste aufgetreten bin, waren eigentlich alle still bis auf zwei neben der Bühne, die uns total übertönt haben. Und genau diese zwei kamen dann nach dem Konzert und meinten, es wäre sooo genial gewesen. Da habe ich mich nur gefragt, wie die das mitbekommen konnten. Ich bereue bis heute, dass ich das nicht so direkt gefragt habe. (Allerdings hatte ich bei einem Stück „Shut the fuck up“ mehrfach reinimprovisiert, das hab ich mir bei einem Künstler abgekuckt, der mal im Ausschank Ost aufgetreten ist. Haben die leider auch nicht gehört/kapiert.)

    Das raubt mir tatsächlich oft die Lust, aufzutreten und ich habe mir auch schon überlegt, einfach mal abzubrechen. Aber man ist dann tatsächlich immer gleich die Zicke.

    Ich glaube, dass die Leute Live-Auftritte einfach nicht wertschätzen, weil sie ständig gratis Zugriff auf Musik haben und sich nebenher beschallen lassen, statt tatsächlich Musik zu hören. Und beim Konzert läuft die Musik dann eben auch nebenher, die lassen sich gar nicht ein.

    Ich vermute, dass daher auch die Wohnzimmer-Gigs so beliebt sind, weil das Publikum dort (meine bisherige Erfahrung) die Künstler wertschätzt und zuhört.

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