SÓLEY, 08.08.2012, Innenhof Altes Schloss, Stuttgart

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Foto: Hannes Steim

Das passiert einem ja auch nicht so häufig, dass man abends zum Konzert eines Künstlers geht, den man mittags noch gar nicht kannte. Mir ging es bei Sóley so, und gefühlt und ein paar Gesprächen zufolge ging es vielen anderen an dem Abend genauso.

Aber es hat halt alles gepasst: Eine Sängerin, die nach Anschauen von zwei YouTube-Videos spannend klingt, ein lauwarmer Sommerabend, mit dem Innenhof des Alten Schlosses eine ungewöhnliche Location und als Veranstalter der Club Kim Tim Jim, der auf ein vernünftiges erwachsenes Publikum hoffen lässt.

Das sahen wohl viele so, denn am Eingang ist eine beachtliche Schlange und der nicht kleine Innenhof fast komplett gefüllt. Die isländische Sängerin Sóley kann es augenscheinlich selber nicht so recht glauben, immer wieder zeigt sie sich erstaunt und erfreut, wie viele Leute denn gekommen sind.

Zu ihr selbst gibt es gar nicht so viel zu erzählen, sie hat im vergangenen Jahr ihr Debutalbum „We Sink“ veröffentlicht und spielt ansonsten noch in der Band Seabear.

Die Neugierde im Publikum ist dann auch groß, als die Frau mit Dutt und Nerdbrille die Bühne mit zwei Musikern betritt und die ersten Töne anstimmt. Ungewohnt, überraschend? Mit zarter Stimme, die nicht zufällig an Björk erinnert, trägt sie melancholische Lieder vor, für die man ganz ruhig sein muss. Was die Barleute leider nicht schaffen.

Nach drei Liedern schauen sich manche im Publikum fragend an, andere schauen auf die Uhr oder versuchen, die unglaubliche Atmosphäre im Innenhof eines Gebäudes aus dem 10. Jahrhundert mit der Handykamera festzuhalten, was nicht einmal mit Instagram funktioniert, wo doch sonst die Welt immer schön aussieht.

Doch irgendwann packt einen die Musik, und spätestens bei den Zwischenansagen mit hartem aber sympathischen isländischen Akzent, in denen sich erstaunlicherweise herausstellt, dass Sóley unglaublich witzig ist, sind alle im Bann der Isländerin und ihrer zwei Nerd-Burschen an Schlagzeug und Synthie-Bass. „Now comes a Partysong called ‚Kill The Clown'“.

Obwohl die zart instrumentierten Popsongs ihre Wirkung nicht verfehlen, wird es immer dann erst richtig gut, wenn das Schlagzeug doch ein wenig mehr Vortritt bekommt oder wenn sie mittels Sampler ihren eigenen Gesang loopt und drübersingt.

Nach einer Stunde ist das Konzert vorbei, was nicht etwa an der Unlust der Musiker liegt, sondern einfach daran, dass sie nicht mehr Songs haben. Was Sóley auch unumwunden zugibt. Nach dem obligatorischen Bühnenabgang und -wiederaufgang ist sie aufrichtig ratlos, was sie jetzt machen soll – es gibt einfach kein Lied mehr zu spielen, und sie möchte eigentlich einfach aufhören.

Aber dann lässt sie sich vom Publikum doch überzeugen, einfach noch mal ein Lied zu spielen, das sie vorher schon gespielt hat. Und dann sind alle zufrieden und glücklich, und sogar der mürrische Schlagzeuger bringt ein Lächeln hervor.

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Foto: Hannes Steim

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