BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, Jugendhaus West, Stuttgart

BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, JuHa West, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Ein Meisterwerk. Großartig, monumental. Die Kritiken bei Erscheinen des Debütalbums von Belgrad Ende 2017 ließen aufhorchen. Und tatsächlich: die Platte hat auch mich beim ersten Hören fasziniert. Thematisch dicht, musikalisch ausgefeilt, äußerst professionell gemacht – und das alles von einer Band, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Auch wenn es einiges daran gab, was mich störte (mehr dazu später), die Möglichkeit, Belgrad in der Nachbarschaft, im JuHa West sehen zu können, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Dass man an einem Mittwochabend noch zwei Support-Acts davor packt, will mir nicht gerade einleuchten, zumal mir diese beiden komplett unbekannt sind. Aber meistens sind es genau diese Überraschungs-Gigs, die den meisten Spaß machen. Das Jugendhaus hatte uns kürzlich erst bei Emma Ruth Rundle als Location überzeugt, also nichts wie hin.

BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, JuHa West, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Warum sich der erste Support Act, das Stuttgarter Postpunk-Trio Phileas Fogg nach dem Protagonisten aus Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ benannt hat, müssen wir noch ergründen. Dass sie – befeuert durch einen straight durchprügelnden Drumcomputer – rocklastigen Postpunk mit deutschen Texten spielen – gibt darauf jedenfalls keinen Hinweis. Musikalisch ist das durchaus erfreulich und die Sorge über einen unnötigen langen Konzertabend verflüchtigt sich schnell. Der schönste Moment des Gigs ist allerdings, als des Sängers Töchterlein mit lautem „Papa, Papa“-Gekrähe einen fröhlichen Kontrast gegen die finsteren Soundwände stellt.

BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, JuHa West, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Wie gesagt: ohne jegliche Vorkenntnisse wird mir erst nach dem Gig klar, dass wohl ein guter Teil des Publikums gar nicht wegen Belgrad, sondern wegen der zweiten Vorband Dikloud hier ist. Eine klassische Drei-Mann-Rockbesetzung steht vor uns. Und wo bei der ersten Band Mangel herrschte – nämlich am Schlagzeug – das gibt es hier im Übermaß. Dramatisch beleuchtet, in knappem Höschen und mit Ventilator gekühlt, prügelt hier Drummer Stefan Schönbach derart vehemente Rhythmen raus, dass selbst das Kevin-Kuhn-gestählte Stuttgarter Publikum ins Staunen kommt. Zusammen mit Leo Leopoldowitzsch an Gitarre und Gesang (bzw. Gekreische) und Dan Wilson am Bass ergibt das einen wahrhaft mitreißenden Hochtempo-Hardcore-Punk.

BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, JuHa West, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Ein gut vorbereiteter Konzertbesucher hätte es gewusst, ich war überrascht, beim anschließenden Auftritt von Belgrad schon wieder Herrn Leopoldowitzsch am Mikro vorzufinden. Der Rest der Band besteht wohl auch aus Mitgliedern irgendwelcher szenebekannter Punk-Bands, so dass man Belgrad nun kaum noch ohne das Attribut „Underground-Supergroup“ präsentiert bekommt. Letztlich auch egal. Viel spannender ist die Frage, ob sie die Dichte ihres Albums auf die Bühne bekommen. Der Sound ist jedenfalls – wir müssen uns kurz bewusst machen, dass wir uns in einem Jugendhaus und keinem Profiladen befinden – bestens. Transparent und ordentlich laut. Und Belgrad bringen ihre Titel tatsächlich mit gewaltiger Intensität auf die Bühne. Manchmal unterlegt von Tondokumenten, getragen von Synthesizer-Klängen werden hier Stücke im stilistischen Quadranten zwischen Postpunk und Wave zum Besten gegeben. Der eben noch bis zur Heiserkeit kreischende Sänger bringt nun in klarer Gesangsstimme Geschichten dar, die so konsequent um die Themen Krieg, Gewalt und Flucht kreisen, dass man schon fast von einem Konzeptalbum sprechen kann. (Bei „Schellack und Gewalt“ erinnert mich die Art des Vortrages übrigens an die NDW-Ikone Joachim Witt)

BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, JuHa West, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Mit Songs wie „Osten“, „Fremde“, „Eisengesicht“ schaffen sie jedenfalls bedrückende Bilder. Manchmal hart an der Grenze zum Pathos verbreiten sie eine finstere Grundstimmung, die durch das treibende Bass- und Schlagzeug-Geballer geradezu körperlich erfahrbar wird. Textlich bewegt sich das manchmal allerdings – in Laibach’scher Manier ohne erkennbare Distanzierung dargebracht – in Grenzbereichen totalitärer Rhetorik.

„Fremde, auf zur Sonne, jeder für sich und jedem die seine“,
das soll die Losung sein, die auf unseren Banner steht.

Das sind Sätze, die mich verstören. Auch in der lakonischen Beschreibung des Kriegssituation im Albumer-Opener „Osten“ – hier übrigens in der Mitte des Sets gespielt – scheint eine irritierende Faszination mitzuschwingen. Vielleicht habe ich dies aber auch nur falsch verstanden. Letztlich schmälert es auch nicht die unbestrittene musikalische Qualität des Gigs. Denn das kann man konstatieren: die Intensität des Albums wurde in der Live-Darbietung sogar noch übertroffen.

BELGRAD, DIKLOUD, PHILEAS FOGG, 31.01.2018, JuHa West, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

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