HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 3, 23.07.2017, Draiser Hof, Eltville-Erbach

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 3, 23.07.2017, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: Michael Haußmann

Nach dem „Gipfel der Eskalationsästhetik“ (Zitat Kollege Haußmann) von The Notwist am Vorabend und der Eskalation am Weinstand ging es am Sonntag für unsere Verhältnisse recht früh wieder nach Eltville-Erbach – diesem Festival endlich mal angemessen im Taxi. Das Gruppen-Yoga haben wir allerdings ausfallen lassen und so kommen wir mit dem ersten gespielten Ton von Torpus And The Art Directors an. Viel Folk ist die nächsten 60 Minuten zu hören, ein wenig Americana-Sound. Die Songs des bald erscheinenden Albums wirken etwas rockiger, was der Band insgesamt ganz gut zu Gesicht steht. Ansonsten ist mir das auf die Dauer doch etwas zu eintönig. Klar ist ein mehrstimmiger Gesang, mit dem die meisten Refrains bedacht werden, immer anerkennenswert und die Musiker*innen wirken auch alle sehr charmant. Aber bei mir hinterlässt der Auftritt jedenfalls keinen bleibenden Eindruck. Konnte ich mich bei Lùisa am Vortag noch in die Musik hineinträumen, waren die Songs der Truppe aus Hamburg dafür zu verspielt, sodass den durchaus schönen Melodien zu wenig Raum gelassen wurde.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 3, 23.07.2017, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: Michael Haußmann

Die über das ganze Wochenende eh schon sehr entspannte Stimmung ist am Sonntagmittag mit reichlich sichtbarer Müdigkeit allenthalben angereichert. Wobei die Müdigkeit eher bei den Erwachsenen zu beobachten ist. Die zahlreich mitgebrachten Kinder toben unentwegt über das Gelände und haben erkennbar viel Spaß – auch das macht dieses Festival aus: Es scheint die ideale Art von Festival für diejenigen zu sein, denen die großen wie Southside oder Rock am Ring schon immer oder mittlerweile zu jung oder zu stressig sind. Es ist schon auffällig, dass sich Festivals der Kategorie wie das Heimspiel immer größerer Beliebtheit erfreuen: Unser Bericht vom diesjährigen „Maifeld-Derby“ geht genau in diese Richtung und andere Festivals wie das „Burning Eagle“ bei Reutlingen, das „Obstwiesenfestival“ in Dornstadt oder das „Mini-Rock-Festival“ in Horb am Neckar stehen ebenfalls dafür.

Zum Abschluss dieses Festivals betritt eine Band die Bühne, die das Line-Up eigentlich nicht vorgesehen hatte: AnnenMayKantereit springen kurzfristig für die erkrankte Judith Holofernes ein. Und gleich fällt auf: Sowohl Band als auch Publikum sind deutlich vom vorigen Abend gezeichnet – was durchaus sympathisch ist, denn der Spielfreude der Band tut das keinen Abbruch. Vielleicht dauert es zwei Songs länger als gewöhnlich, aber langsam groovt man sich auf und vor der Bühne immer weiter ein. Dabei wird auf beiden Seiten viel gegrinst – so sieht kollektive Katerbewältigung am Sonntagnachmittag aus.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 3, 23.07.2017, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: Michael Haußmann

Musikalisch muss ich sagen, glaube ich, dass die Songs ohne die markante Stimme Henning Mays einige Songs nicht diese Prägnanz entfalten würden. Mich erinnert es schnell an die Sportfreunde Stiller – eingängige Songs, prägnante Stimme, Texte, welche vielen 19-25-jährigen Mittelschichtskinder aus den Herzen sprechen – allerdings mit dem Folk-Einfluss Marke Mumford And Sons. Das ist alles sehr gefällig und geht auch in die Beine, wobei eine Reihe der Songs sich doch sehr ähnlich und für das Nicht-Fan-Ohr kaum zu unterscheiden sind. Das Thema „Texte“ will ich an dieser Stelle gar nicht breit treten. Als der Songs „21, 22, 23“ gespielt wird, frage ich mich allerdings doch, ob diese sanfte Kritik der Generation, aus der die meisten Hörer*innen der Band stammen (und daher auch so erfolgreich ist – denn mit dem Hören dieses Songs hat man die Kritik ja verstanden und kann sich etwas besser fühlen) nicht verpufft, wenn 20 Minuten vorher artikuliert wird, dass es das Tollste sei, mit der Liebsten in einer Altbauwohnung zu leben. Aber nach einem weiteren Glas Weißwein lächle ich diese Gedanken weg, freue mich, dass sich alle anderen auch freuen und dass wir wieder ein insgesamt wunderbares und entspanntes Festival-Wochenende hatten. Auf der Rückfahrt hören wir beim Zappen durch die Radiosender „Du hast mir gerade noch gefehlt“ von Purple Schulz und erkennen, dass Element Of Crime definitiv nie mit denen in Verbindung gebracht werden kann – aber dass AnnenMayKantereit vielleicht die Purple Schulz der Zehnerjahre sind.

Torpus & The Art Directors

AnnenMayKentereit

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