SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

Foto: Carsten Weirich

Jawoll ja, unser Lieblingsisländer Svavar Knútur ist mal wieder im Ländle. Ja stimmt schon, selten ist das nicht gerade der Fall. Aber für mich auch überhaupt kein Grund nicht jedes Mal wieder hinzugehen. Weil er mit all seiner Ausstrahlung, seiner positiven Energie und seinem unnachahmlichen Humor Herzen öffnet und man sich nach einem seiner Konzerte irgendwie seltsam gereinigt fühlt. Svavareske Katharsis sozusagen.

Aber erst mal noch etwas zur Konzertlocation. Die ist für mich komplett neu, aber interessiert mich sehr. Weil sie von ziemlich duften Typen gemacht wird und weil sie zumindest laut dem, was ich schon darüber gehört habe, sehr cool sein soll. Seit rund zwei Jahren haben Markus und Pascal Fetzer das Ruder im altehrwürdigen Gasthaus Krone im Ludwigsburger Stadtteil Alt-Hoheneck fest in der Hand. Letzterer ist auch bekannt als Sänger der Schweinerockband Fetzer And The Turbochargers und als verschollener Zwilling von ZZ Top. Dann wollen wir uns doch hier mal für die Show unseres isländischen Freundes stärken. Das Ambiente ist schon einzigartig. In angenehm schrullig-historischer Atmosphäre bringen uns die äußerst nette und schwer tätowierte Bedienung unser Essen. Und sowohl Zwiebelrostbraten vom „Schiller“ Jungbullen mit Trollingersößle als auch die Kartoffelteigrolle mit Kürbiskern-Pesto schmecken wirklich zum mit der Zunge schnalzen. Man merkt, dass in der Krone Wert auf regionale Produkte und Handarbeit gelegt wird (P.S. Der Chefkoch ist der Urenkel des Erfinders der Spätzlepresse).

SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

Foto: Carsten Weirich

Gestärkt und bestens gelaunt sind wir nun, also ab die Treppe runter in den urigen Gewölbekeller. Schnell noch ein von den Fetzers eigens für heute abend besorgten und extrem leckeren isländischen Einstök-Bieren an der Bar geholt und Platz beziehen. An dieser Stelle mal einen Gruß an Herrn Hübner, der mich neulich mal darauf aufmerksam gemacht hat, dass es in meinen Konzertberichten immer viel um Bier geht. Aber Livemusik und Bier geht halt auch immer. Gut voll ist es hier. Der ein oder andere hat seine Kässpätzle noch nicht ganz weggespachtelt (auch hier unten kann man sich Kleinigkeiten aus der Küche kommen lassen), da kommt der Star des Abends auch schon durch die Tür. Wie gewohnt mit Fliege, Weste und einem breiten Lächeln. Erstmal begrüßt er einige seiner Fans, die er mittlerweile persönlich kennt und lässt sich dann ein Bier bringen. Svavar und Bier geht auch immer.

SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

Foto: Carsten Weirich

Dann warnt der Sänger seine Fans. Dass es mitunter auch schmutzig werden kann und er hässliche Dinge sagen wird. Scheint keiner was dagegen zu haben. Unter großem Applaus in der ausverkauften Fetzerei (so nennt sich die schmucke Konzertlocation in der Krone) startet Svavar dann mit seinem altbekannten und extrem wehmütigen Eröffnungstrio „Waldseinsamkeit“, „Wanderlust“ und „Weltschmerz“ in den Abend. Wunderschön ruhig und mit ganz viel Gefühl feiert er in bester Singer/Songwriter-Manier die Sehnsucht und die Melancholie. Unser isländischer Troubadour wäre aber nicht er selbst, wenn er sein Publikum zwischen seinen Songs nicht vor Lachen heftig durchschütteln würde. Wenn er beispielsweise Hasstiraden über die versnobbten Dänen loslässt, die mit ihren schicken Brillen aussehen wie lesbische Architektinnen. Rassist sei er nicht, aber für Dänen mache er eine Ausnahme. Allen ist klar, dass das alles nicht wirklich ernstgemeint ist. Am wenigsten ernst nimmt sich Svavar Knútur sowieso selbst. Und das kommt an. Egal wo ich hinschaue – überall lachende Menschen. Svavar hat uns fest im Gutelaune-Schwitzkasten. Oder in seiner „Bubble“, wie er es nennt. Und die stellt er dann auch gleich in bester Comedy-Manier pantomimisch da. Manchmal hab ich Tränen in den Augen vor Lachen. Die sind kaum getrocknet, da reißt er einen nur mit Ukulele oder Gitarre bewaffnet auch schon wieder in die Tiefen der Melancholie und der schmerzlichen eigenen Erinnerungen. Mit „Clemetine“ beispielsweise, einem Song, den er für seinen verstorbenen Vater geschrieben hat. Oder dem wunderschön, tieftraurigen „Emotional Anorexic“. Zu „While the world burns“ wippen manche mit geschlossenen Augen mit.

Genau das ist es was Svavar Knútur ausmacht. Er feiert das Leben mit all seinen Facetten. Er feiert den Schmerz, zelebriert die eigenen Fehler, den Humor und die Vergänglichkeit. Das tut ihm sichtlich gut und das scheint auch seinen Fans gutzutun. Einfach mal alles rauslassen. Das lässt sich kaum besser beschreiben als mit den Worten eines weiblichen Fans nach seinem Konzert im Café Galao im November 2015: „You have no idea how many doors and windows you’ve opened in my heart during this beautiful evening …“.

SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

Foto: Carsten Weirich

Der isländische Charmebolzen erzählt viel. Von seinem Tourleben, seiner Familie und seinen Erfahrungen. Und irgendwie wird man so nicht nur Fan, sondern fühlt sich auch irgendwie wie ein Freund. Svavar lästert über den polnischen Katholizismus, erzählt uns bildgewaltig von seinen homoerotischen Träumen und den Widrigkeiten des Openair-Sexes in Island. Er erklärt uns den richtigen Umgang mit Anhängern von Pegida & Co (in den Arm nehmen… und dann richtig fest zudrücken) und warum Musik so viel gesünder ist als Sport. Lustigerweise holt sich ungefähr zu diesem Zeitpunkt mein Freund Olly einen Meniskusriss beim schlichten Auf-den-Boden-setzen. Und immer wenn man das Gefühl bekommt, auf einer Standup-Comedy-Veranstaltung zu sein, haut er einem wieder diese unglaublich einfühlsamen Songs vor den Latz. Ein Svavar Knútur-Konzert ist halt ein bisschen wie Island. Roh, gewaltig, aber auch unglaublich atmosphärisch und schön. Wer diesen Isländer noch nicht live gesehen hat, hat wirklich tatsächlich echt was verpasst. Holt das nach. Ernsthaft! Ihr werdet es lieben. Oder Ihr habt kein Herz.

Nach rund zwei Stunden und ein paar Zugaben ist das Konzert dann wie immer viel zu früh zu Ende. Aber ein oder zwei Bierchen mit Svavar gehen auch immer noch. Da hat er es nie eilig. Wir auch nicht. Die Krone oder besser gesagt die Fetzerei und Svavar scheinen zueinander zu passen wie Arsch auf Eimer. Und Gerüchten zu Folge soll unser zotteliger Troubadour gemeinsam mit den Fetzers schon irgendwas neues ausbaldowern. Da freu ich mich jetzt schon drauf. Die Krone wird mich sowieso schon bald wiedersehen. Zum Essen. Dann vielleicht schon im Biergarten. Takk fyrir Svavar!

SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

Foto: Carsten Weirich

Ein Gedanke zu „SVAVAR KNÚTUR, 24.02.2016, Alte Krone, Ludwigsburg

  • 9. März 2016 um 10:54
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    Macht Lust, ihn mal wieder zu erleben! Sehr schön geschrieben!

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