NEW CANDYS, 20.05.2015, Epplehaus, Tübingen

New Candys

Foto: Lino

Jetzt klappt’s dann doch nach langer Zeit endlich mal wieder mit mir und dem Epplehaus. Ende März hatte ich mich schon auf die Vacant Lots an gleicher Stelle gefreut, aber es wurde kurzfristig abgesagt. Die Band hätte den Flieger verpasst. Seltsamerweise war auf facebook dann zu sehen, wie die Band an jenem Abend in der lukrativeren Schweiz auftrat. Veranstalter und Publikum schön gearscht. In social-media Zeiten kann man sich da schon deutlich geschickter anstellen.

New Candys

Foto: Lino

Man hatte mich im Übrigen schon gewarnt, Konzerte im Epplehaus, da ist nix mit früh ins Bett kommen. Zumal die New Candys auch noch dank überfüllter Autobahnen recht spät in Tübingen eingetroffen sind. Dann decken wir uns halt davor mit Merch ein, denn die Vorabhöreindrücke und der Soundcheck zeigen eh schon: die sind richtig super, da müssen wir nicht den Konzerteindruck abwarten, um einzukaufen.

Interessanter Fun Fact, dass wir innerhalb von zehn Tagen schon das zweite Mal eine italienische Psyche-Band in Tübingen anschauen kommen. Vor kurzem The Vickers aus Florenz, nun New Candys aus Venedig. Was der Zusammenhang zwischen dieser Musikrichtung und dem Leben in prächtigen, italienischen Städten mit kunsthistorischem Weltruhm und deren Auftritten in Tübingen ist, das sollen zukünftige Doktorarbeiten ans Licht bringen. Dieser kleine Blog hier kann das nicht leisten, zumindest nicht ohne EU-Gelder. Nebenbei, die beiden erwähnten Bands kennen sich, und spielen demnächst auch in Brighton zusammen.

22:30 Uhr ist also der nicht unerwartet späte Beginn. Die Band sieht schon mal äußerlich schwer nach Coverfoto für Psychrock-Magazine aus. Gut aussehende, dunkelhaarige, schlanke Italiener mit schicken Frisuren. Aber wichtiger: die Musik des Quartetts überzeugt noch mehr als das Aussehen verspricht. Bester, fuzziger Psychedelicrock, der gerne mal durch verschlepptes Tempo, viel Hall auf Gitarren und den nicht überdominanten Stimmen, sowie eine gewisse Düsternis, im besten Sinne verdrogt (nach Opium, nicht nach Ecstasy) klingt.

New Candys

Foto: Lino

Black Rebel Motorcycle Club oder manches von The Black Angels könnte man als Referenzen anbringen. Vom Stil her dann doch sehr anders als vor kurzem noch The Vickers. Sich am Blues orientierende, einfachere Akkordstrukturen, mehr Besinnung auf fuzzy-sounds und repetierende Muster, die einen hypnotisieren. Mehr Voodoo als Syd Barrett. 50 shades of psychedelischer Gitarrenmusik. Derweil wird in der ersten Reihe schon bald getanzt, und auch der Rest der 30 – 40 Zuschauer goutiert das Ganze sichtlich erfreut. Da paart sich eben hohe Songschreibergüte mit tightem, dynamischen Zusammenspiel, und produziert einen absolut homogenen, hochwertigen Sound. Ein Fest für Fans dieser Musikrichtung.

Dabei wird das Rad hier alles andere als neu erfunden. Man kennt die Zutaten dieses Stils schon längst. Aber erstens wird alles stilsicher eingesetzt, und erzeugt somit einen sehr authentisch wirkenden Eindruck. Leicht könnte man ja Gefahr laufen wie eine Genre-Parodie zu wirken, wenn man sich dumm anstellt. Und zweitens reißen die Riffs, die Dynamik der Band einfach mit. Niemand spielt sich in den Vordergrund, man hat immer das Gesamtergebnis im Blick. So drängt sich niemand der Musiker auf irgendeine Art und Weise auf, alleine der Bandsound tut es.

New Candys

Foto: Lino

Nicht alle Songs sind im verschleppten Tempo gehalten. Es gibt durchaus ein paar schnellere Rockstücke, wobei eines fast schon einen Surf-Musik Touch hat. Liegt halt an diesen gepickten, schlichten Melodieläufen auf den schicken Semi-Akustik-Gitarren. Und was für ein Instrument wird auch gerne genommen in diesem Genre? Die Sitar, wie neulich bei Jamhed. Dazu schneidersitzt sich Sänger und Gitarrist Fernando hin, lässt das indische Instrument schön schnarren und singt dazu. Auch hier: machte man es ungeschickt, würde man wie eine Verarsche dieser Stilrichtung wirken. Macht man es wie New Candys, muss man es als hochwertige Neuinterpretation eines ehrwürdigen Genres begreifen.

Der reguläre Auftritt dauert gerade mal 45 Minuten. Aber für zwei Alben in der Bandhistorie, die sich auf kurze Songs mit wenig Gejamme beschränken, geht das absolut in Ordnung. Schließlich werden ja auch noch recht frenetisch Zugaben gefordert, die es dann natürlich auch noch gibt. Die Stunde Spielzeit wird damit locker geknackt, und das passt dann auch für die Uhrzeit. Respekt an die Tübinger Booker, die es immer wieder schaffen absolute Kleinode an Land zu ziehen, welche man gerne auch in Stuttgart sehen würde.

Ein Gedanke zu „NEW CANDYS, 20.05.2015, Epplehaus, Tübingen

  • 22. Mai 2015 um 17:52
    Permalink

    Großes Lob für die Vielseitigkeit des Herrn Frisoli!

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