KREATOR, ARCH ENEMY, SODOM, 05.12.2014, MHP-Arena, Ludwigsburg

Kreator

Foto: Steffen Schmid

Flachland-Winter in Deutschland, viele hatten ihn ja vor einem Jahr vermisst, nun ist er endlich da. Bei konstant 3° C, 95 % Luftfeuchte, katastrophalem Lichtmangel und durch trockene Büroluft 1a wachsender Schuppenflechte, schlagen die Herzen der Winterfans Freudenkapriolen. Für normale Menschen wie mich, mit ein wenig unverkitschter Restsensibilität, bleibt im Winter nur der Trost, dass in dieser Jahreszeit mittlerweile fast schon regelmäßig Kreator auftauchen und die Flag Of Hate hissen. Thrashmetal als Sonnenlichtsubstitut. Localhero und weltweit anerkannter Ruhrpott-Thrash-Experte Tox begleitet mich.


Sodom

Foto: Steffen Schmid

Kurz vor 19 Uhr laufen wir in die nicht ausverkaufte, aber angenehm gefüllte Halle ein. Den ersten Act „Vader“ haben wir verpasst. Anscheinend polnische Death-Metal Veteranen, 1983 gegründet, irgendwie schade, das nicht gesehen zu haben, ging aber leider nicht anders. Dafür bekommen wir Sodom mit, die 19.15 Uhr die Bühne betreten. Veteranen ist eine Untertreibung. Schon seit 1982 ist Onkel Tom mit seiner Band umtriebig. Ich sehe sie das erste Mal live, kann mich aber noch gut erinnern, wie mein Schulfreund Ali die erste Mini-LP „In The Sign Of Evil“ abfeierte, und mir damals auch die erste LP „Obsessed By Cruelty“ auslieh. Alles, was danach kam mit „Ausgebombt“ und den Alkohol-Liedern, habe ich nur noch am Rande mitbekommen. Tox und Schmoudi hingegen waren damals beim mittlerweile legendären Rofa-Auftritt mit Roberto Blanco dabei und berichteten darüber.

Sodom

Foto: Steffen Schmid

Vor ihrem schlichten Bandlogo spielend, liefern die Gelsenkirchner ein 1A-Set mit Sternchen ab. Sympathisch, ehrlich und unprätentiös im Auftreten, kompakt, energie- und elanvoll in der Musik. „Agent Orange“ ist schon mal ein erstklassiger Opener. Die Metal Twins vor uns lassen schon fleißig ihre Köpfchen samt langen Haaren propellern. Nach dem ersten Song schon skandiert das Publikum „Sodom“-Sprechchöre. Meist wird schnell geknüppelt, aber die runtergedrosselten Parts haben es fast noch mehr in sich, die fahren erst recht in Bauch und Beine.

Sodom

Foto: Steffen Schmid

Sodom sind ja ein Trio wie Venom und Motörhead, bei denen ja auch der Bassist singt, kreischt und brüllt. Und irgendwie sind sie auch ein wenig die Schnittmenge dieser Bands. Einfache, fast schon punkige Songs wie „The Saw Is The Law“ und „Ausgebombt“ (so eine Art „Ace Of Spades“ des Ruhrpotts) haben durchaus so eine Lemmy-Attitüde vom ganzen Ding her. Während die frühen, monotoneren Thrasher wie „Sodomy And Lust“ eher einen Black Metal-Anstrich haben. Tox wedelt mir derweil seine übergroße Sodom-Postkarte, die es irgendwo gratis gibt, unter die Nase, und informiert mich, dass die frühen Sodom auch als großer Einfluss auf die Black Metal-Szene gehandelt werden. Das dargebrachte „Blasphemer“ unterstreicht diese These. Onkel Tom sagt uns irgendwann noch „Ich habe euch alle lieb!“, und lässt uns nach 50 Minuten begeistert zurück.

Kurze Umbaupause, Zeit um die vielen Kutten zu bewundern, und das Oldschool-Programm des kommenden Bang Your Head-Festivals mit den Oldschool-Aufnähern auf den Jacken abzugleichen. Ist fast alles wiederzufinden heute Abend, außer vielleicht Y&T und Queensryche, obwohl das auch als Pausenmusik läuft.

Arch Enemy

Foto: Steffen Schmid

Halb neun, bombastisches Intro samt Visuals, Arch Enemy aus Schweden kommen auf die Bühne. Wie ich ja nicht müde werde, zu betonen, rührt mein spärliches Metal-Wissen aus den Sachen, die ich zwischen 1986 und 1990 durch Lesen des Metal Hammers abgespeichert habe. Das Quintett sagt mir also nix. Aha, blauhaarige, kleine Frau als Sängerin, interessant. Interessant ist gut, nach den ersten Gesangstönen ist das Staunen groß. Kommt dieses Growlen, das klingt, als wenn der extrem schlechtgelaunte Leibhaftige wochenlang bei offenem Fenster geschlafen hätte, tatsächlich aus diesem zierlichen, weiblichen Körper? Eine Tiefe und eine Wucht, dass es einem durch Mark und Bein fährt.

Arch Enemy

Foto: Steffen Schmid

Tox‘ instant Onlinerecherche ergibt, dass die Dame Alissa White-Gluz heißt, irgendwo mehrmals zum „hottest chick in Metal“ gewählt wurde, und, Metal-Gala-Fun-Fact, mit dem ehemaligen Misfits-Gitarristen Doyle Wolfgang Von Frankenstein liiert ist. Musikalisch wird das Ganze als Melodic Death Metal beschrieben. Und tatsächlich gibt es schnelles Geprügel mit unmenschlich klingendem Gesang, unterbrochen von eher klassischen Metal-Parts mit Gitarrensoli oftmals barocker Harmonien und Virtuosität. Mir und Schmoudi gefallen der abwechslungsreiche Ideenreichtum, und mit klassischem, 80er Jahre Metal fremdeln wir auch nicht, weswegen wir auch die langsameren, melodischen Stellen ganz gut verknusen können. Der von Noise und Skaten beeinflusste Tox kann damit nix anfangen. Endresultat unter uns dreien: 2 zu 1 für Arch Enemy, die Halle feiert die Band ab. Und der gutturale Gesang von Alissa wird uns noch einige Nächte lang begleiten, garantiert.

Kreator

Foto: Steffen Schmid

22 Uhr, Vorhang auf zum Headliner. Die Bühne ist reichhaltig dekoriert. Tox und ich sind ja eher Fan von schlichteren Bühnen, gerne auch nur mit geilem Bandlogo im Hintergrund, aber sei es drum. Fette Pluspunkte sammelt Mille wieder, indem er die Hippiehymne „In The Year 2525“ von Zager And Evans komplett als Intro durchlaufen lässt. So viel stilistische Unverkrampftheit wünscht man sich öfters mal im Metalbereich. Ebenfalls eher ungewöhnlich: der Opener „Violent Revolution“ ist ein Midtempo Song, man startet quasi mit Reserve und tempomäßig Luft nach oben. Stück zwei hingegen begeistert durch schnellere, Slayer-artige Stellen, die sich mit melodischeren Midtempo-Parts abwechseln.

Kreator

Foto: Steffen Schmid

Überraschenderweise kommt Fotograf Schmoudi schon nach dem zweiten Song wieder zurück. Darf er doch keine drei Songs fotografieren? In dem Lärm verstehe ich kaum, was er  sagt, irgendwas mit „Feuer“. „From Flood Into Fire“ heißt das dritte Lied, und tatsächlich, wenn im Refrain das Wort „fire“ fällt, flammen diverse Feuersäulen vom Bühnenrand hoch. Man wollte also vermeiden, dass Fotografen bei ihrer Arbeit geröstet werden, wobei ich das Bild von aus dem Fotograben stürmende Leuten, deren Haare und Bärte brennen, auch irgendwie lustig finde. Und irgendwie auch sehr metal.

Kreator

Foto: Steffen Schmid

Musikalisch ist das Ganze auf jeden Fall großartig. Milles urtypische, schreiende Vocals, die geilen Riffs, das tighte Zusammenspiel. Wir ertappen uns öfters, wie wir uns gegenseitig anschauen und nur nicken, im Sinne von „Gott ist das mal wieder geil!“. „Extreme Aggression“, „Phobia“, alles super Songs, und nicht umsonst sind Kreator schon lange Europas größte Thrash Metal Band und betouren die ganze Welt seit Jahrzehnten erfolgreich. Auch heute Abend, auf ihrem ersten Deutschland-Konzert, wirkt die Band immer noch so real [riəl] und unverfälscht, als würde sie 1986 in Altenessen spielen, nur musikalisch besser als damals und mit besserem Sound.

Kreator

Foto: Steffen Schmid

Vor „Enemy Of God“ gibt es noch einen Mille-Rant über Politik und Religionen, welche die Menschen auseinanderbringen würde, während Kreator die Menschen zusammenbringe. Und tatsächlich, vor mir wird einem aus Versehen das Bier von einem Fremden aus der Hand geschlagen, die Beiden lachen und umarmen sich. Ich bekomme von einem wildfremden Mann mit einem Lächeln ein Bier angeboten, und der Kerl neben mir schaut mir frech lächelnd auf mein Smartphone, um mir dann sympathisch auf die Schulter zu klopfen. Hinter mir schläft einer friedlich, bei ca. 110 Dezibel. Milles unverfäscht ehrlich wirkender Zorn und seine Aggression in musikalischer Form sorgen für eine friedliche, wilde Party im Publikum.

Kreator

Foto: Steffen Schmid

Ob Ultraklassiker wie „Endless Pain“ oder neuere Sachen wie „Phantom Antichrist“, es gibt keine Ausfälle, das Publikum tobt sich mit Moshpits und Crowdsurfen aus. Und wir konstatieren extrem zufrieden, dass wir unser bisher bestes Kreatorkonzert gesehen haben.

Kreator

Foto: Steffen Schmid

Kreator

Arch Enemy

Sodom

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