ESxSW-Festival, 2. Tag, 23.11.2013, Komma, Esslingen

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Austin, Texas, ist die selbsternannte „Live Music Capital of the World”. Mit dem SxSW (read: South by Southwest) haben sie eines der größten Festivals der Welt. Und genau das stand Namenspate für das ESxSW, das dieses Wochenende in Esslingen stattfindet.

Keine kleine Referenz. Und spielen hier auch nur 15 statt 1000 Bands, deutet doch die Qualität in die richtige Richtung. Fast ausnahmslos Erstklassiges bekommen wir vorgesetzt. Und ausnahmslos aus der Region.

Aber es besteht auch der dringende Bedarf, so etwas bald wieder zu bieten. Das sei, so Mitkurator Max Rieger wohl erst in zwei Jahren wieder möglich. Alles sei für den Moment abgegrast. Gemessen daran, wie die offensichtlichen Qualitätsansprüche der Veranstalter hier erfüllt wurden, kann man ja nur die größte Hoffnung in die lokale Musikszene setzen. Also darauf, dass da noch mehr kommt.

Auf geht’s also. Und hoffentlich nicht nur zu Teil zwei unseres Berichtes.

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Claus: Willkommen am zweiten Tag des ESxSW. Als erstes das Duo Cebra. Überwiegend zweistimmiger synchroner Gesang prägt das Bild. Die Musik: meist sphärisch bei dominantem Rhythmus. Erdige, gelegentlich mit Tape-Delay belegte Gitarre und Keys mit teilweise verspulten Sounds sind auf der Bühne zu sehen. Bass und Drums sind zudem zu hören. Und schwillt die Melodie auch manchmal an, fehlt ihr ein wenig das Griffige, das wirklich mitreißen würde. So bleibt’s also bei einem eher gemütlichen Willkommens-Gig für uns Jungs von eurem Blog.

Holger: Der Terminkalender fordert seinen Tribut: Nur einen Tag kann ich zum ESxSW-Festival. Schweren Herzens lasse ich meine anderen Wunsch-Gigs mit den Tremolettes, Monsieur Mo Rio, Levin Goes Lightly und der Torben Denver Band sausen und entscheide mich für den Samstag. Nach all den soften Konzerten der vergangenen Wochen steht mir ohnehin der Sinn nach harter Gangart. Und davon soll’s am zweiten Festival-Tag ja ausreichend geben.

Cl.: Kurz und knackig mögen es Wolf Mountains. Mit einer ganzen Menge musikalischer Versatzstücke wird da gearbeitet. Meist solche aus Punk oder Noise Rock, die ich mangels Erfahrung nicht genau benennen kann. Funktioniert ganz ordentlich mit dem Wiedererkennungswert, wenn es dadurch auch nicht so besonders originell rüber kommt. Macht aber nichts. Diese Wie-würden-die-Beach-Boys-klingen-wenn-sie-Punk-machen-würden-Nummer macht es genauso wett wie das aggressive Tempo der Songs im hinteren Teil des Sets. Das Publikum hat anscheinend Spaß, und hinter mir meint einer gar: „Tja, irgendwann muss ich mir glaub‘ doch noch ’ne E-Gitarre kaufen.“ Wenn einen die Musik zu so etwas inspiriert, soll man es nicht auf die lange Bank schieben, Mann.

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Cl.: Ach, ist das schön, wie die zwei Gitarren bei Marrakech gegeneinander spielen. Es dem Publikum bloß nicht so einfach machen. Hätten wir auch nicht gewollt. Dann im Refrain noch alle gegen den Rhythmus. So ist’s recht.

Was musikalische Schubladen angeht, bin ich da gleich ein wenig desorientiert. Es – um mal das von den Herren Baudisch und Lino gestern verbotene Wort zu verwenden – rockt. Auf jede denkbare Weise. Also: auf jede denkbare Weise von Folk über Blues zu Noise Rock unter Auslassung von Indie. Immer schön verquer. Mit sanftem Gesang. Auch mal mit leisen Tönen. Das Album, von dem sich nicht mal der Sänger erinnern kann, wann es aufgenommen wurde – war es dieses oder letztes Jahr – kann man dann wohl mal auschecken, wenn es nächstes oder übernächstes Jahr raus kommt.

H.: Hoppla, genau das gerade noch ausgeschlossene Genre „Indie“ finde ich auf meinem Aufschrieb. Egal, unter all dem ultraknappen, rotzigen Zeugs, was uns hier heute so um die Ohren gehauen wird, kommen Marrakech geradezu üppig daher. Das ist durchaus eine feine Abwechslung und spannt für mich einen Bogen von Placebo bis hin zu Postrock. Nur der Bass, der wird in einigen Stücken genau so hart gespielt, wie wir es heute noch ein paar mal hören. Das Publikum nimmt’s eher verhalten auf, aber hier werden wohl nur Kräfte geschont. Der gestrige Abend war lang und auch heute gibt’s ja auch noch vier Bands.

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Cl.: Instrumente, die man bei Karies nicht auf der Bühne sieht: Triangel, Oboe, Bratsche. Bei denen hätte es die technischen Probleme zwischen drin mal nicht gegeben. Dafür haben wir die geile Passage mit diesen verwirrenden wie klirrenden Gitarrenläufe zwei Mal gehört. Um so besser. Der Teufel, sagt man, steckt im Detail. Deswegen funktioniert Karies auch so gut: Wo vorne der Sänger die Lyrics bellt: „Wozu, wozu, wozu?“, schubbert es hinten abrasiv. Aber nicht einfach so. Geradeauspunk kann jeder. Gibt’s heute aber nicht. Tempo, Aggression. Alles da. Aber dazu: muntere Melodien, schräge Melodien, atmosphärische Melodien, psychedelische Melodien. Auch alles da. Muss ein bisschen an Fischer Z denken. Karies ist aber zeitgemäßer.

H.: Ja, tatsächlich. Auch mich katapultiert’s direkt in die Achtziger. Damals hieß es zwar noch nicht Noise-Punk, aber die Haltung war die gleiche. Die frühen Fehlfarben oder Abwärts kommen mir in den Sinn. (auch andere alte Säcke in der Runde haben übrigens ein seliges Grinsen im Gesicht) Zweifel, Zorn und Aggression – das hatten wir schonmal vor dreißig Jahren, und es ist immer noch das Zeug, aus dem packende Musik gemacht wird. „Fun ist ein Stahlbad!“ heißt das Album. Kann man so stehen lassen.

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Cl.: Was für eine Rampensau! Gleich hat man vergessen, dass bei Rocket Freudental Bass und Gitarre von irgendwo aus dem Nirvana eingespielt werden. Am besten noch, wenn Anderl unartikulierte Laute ins Mikro leckt. Von Faschingsgirlande bis zum Drumbecken als Hut des Sangesmanns – vom Schlagzeuger Bertl auch fleißig benutzt – ist alles dabei. Das ist pure Anarchie. Zu zweit. Anderl „kann nur Feldenkrais“ und irgendeine undefinierbare musikalische Mischung, in der alles irgendwann mal vorkommt: von Punk über Retro-Rock zu einer Mock-Variante elektronischer Club Musik (vermutlich aus „St. Peter-Ording“, wie es in den Lyrics heißt) und Neue Deutsche Welle. Dazu gibt’s Ausdruckstanz. Auf der Bühne und davor. Geiler Scheiß. Oder etwas zeitgemäßer ausgedrückt: Übel krass, Alter.

H.: Nächster Saal, nächste Band. Schlag auf Schlag geht’s durch das Programm.  Und die Spacken von Rocket Freudental sind natürlich immer sehenswert. Claus hat schon alles gesagt, ich frage mich nur, wo das tolle Schlagzeug aus zermatschten Samsonite-Koffern und Gaffer-Tape geblieben ist. Aber trotz des besseren Equipments: Das bleibt Dada, das ist albern und das steckt an. „Wir bauen Scheiße, stapelweise!“ Und jetzt alle!

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Cl.: Der liebe, liebe Flo, den ich zuletzt auf … ach, egal. Da steht er wie eine Duane Hanson-Skulptur eines GESTAPO-Steve Buscemi. Augenringe bis zum Knie. Aggression bis zur Haartolle. Human Abfall, von denen keiner weiß, wie man sie ausspricht, auch nicht die Band selbst, sind die echte Herausforderung. Also nicht des Abends. Sondern überhaupt. Lassen wir mal außen vor, dass da so ein diffuser Psychedelic-Punk gespielt wird. Human Abfall sind musikalisch wie verbal ein Schlag in die Du-weißt-schon.

Der Trick sind schon die Texte. Die Referenz Rio Reiser zu nennen, ist zwingend – wenn auch nicht von mir, sondern von Jojo. Ich denke da aber auch an Trio. Ihr wisst schon: „Los Paul, Du musst ihm voll in die Eier hau’n“. Nur hier Kulturkritik. Pur. „Vierzehn Tage Urlaub. Was können Sie für mich tun?“ Das wird Euch wieder und wieder in den Schädel gehämmert. So repetitiv funktionieren hier die Texte. Aber eigentlich ist es ja unsere Gesellschaft, die hämmert und Human Abfall, die entlarven.

Während die Musiker die Instrumente durchwechseln, fegt einem eins ums andere so ein Knallersatz um die Ohren. Mehr braucht’s nicht. Human Abfall sind Oberliga. Also nicht, weil dafür müssten sie bei dem Mist mitspielen. Machen sie aber nicht. Der schreddernde Sound scheint mehr das Fundament zu erschüttern. Kurz, knapp, bündig – wie die Songzeilen.

H.: Ich komm einfach nicht drüber weg. Auch bei meinem dritten Gig mit Human Abfall haut mich der Vortrag um. Sänger Agitator Messi ist einfach zum Fürchten. Er brüllt seine Botschaften in die Menge, fixiert einzelne Zuschauern, dass diesen ganz bange wird. „Psychohygiene fünf minus, der Therapie-Hund hat Tollwut“ Texte, die fast so absurd sind, wie die Welt die sie beschreiben. Das ist heftig, das ist gut, das ist intelligent. Und jeder Song schließt mit einem „D-A-N-K-E!“, das keine Antwort erwartet.

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

Cl.: Ich mag ja keinen Deutsch-Punk. Mochte ich noch nie. Zum Glück gibt’s das heute hier nicht. Obwohl da überall Punk drin ist, der zweifelsohne aus Deutschland kommt. Aber anders.

Die Nerven sind mehr Einstürzende Neubauten ohne Blech. Also intelligent. Mit oder ohne Blech. Punk-Geschepper ohne Proll. Mit Intellekt. Wo ich doch gerade von guten Texten schrieb …

Wie sie den Namen zu Recht tragen: die nerven. Man kann sie einfach nicht so locker runter schlucken. Das Augustiner, den veganen Burger hier, ja. Die Nerven bleiben im Halse stecken. Und bei verzerrtem Bass und manchmal weniger verzerrter Gitarre schiebt uns der Dreier einen Ulmer Balken nach dem anderen in den Kopf – also quer meine ich. Musikalisch eher auf ein Ich-geb’s-Dir-durch-dauernde-Wiederholung-der-Riffs angelegt, frisst sich das ins Hirn. Und es ist ja trotzdem nicht monoton, sondern frisch. Alles ist irgendwie Melancholie. Alles ist Aggression. Alles ist melancholische Aggression. Oder umgekehrt.

„Nur für eine Minute schweben. Alles wäre gut“, singt er. Wir hatten 35. Oder vielleicht hatten wir auch zwei Tage. Danke ESxSW für das geile Wochenende!

Zwei Fragen bleiben noch offen: Peter? Reeperbahn?

H.: Mein eigentliches Ziel heute: Ich will endlich Die Nerven toll finden! Everybody’s Darling sind sie eh, ins Feuilleton haben sie es geschafft, ihre Platten mag ich, nur live bin ich bisher nicht mit ihnen warm geworden. Aber ich geb ihnen eine zwölfte dritte Chance. Am Merch hängt das passende T-Shirt: „Ich habe die Nerven live gesehen. Und ich fand sie furchtbar.“ Aha, wenn’s hierfür einen Markt gibt, geht’s wohl nicht nur mir so. Kann ich mir notfalls immer noch kaufen.

Als die drei (die einzeln an diesen beiden Abenden schon in mindestens drei anderen Bands mitgespielt haben) auf die Bühne kommen, ist es bereits ein Uhr und der Laden voll. Und tatsächlich: keine Quengelei mit dem Mischer, kein Abbrechen mitten im Song, heute passt alles! Die Nerven legen einfach ein Spitzen-Set hin, hochkonzentriert und genau auf den Punkt. Der Sound passt, die Interaktion in der Band lässt erkennen, dass sie Ihren Spaß haben und auch vor der Bühne kommt heftige Bewegung auf. Die anderen Bands mögen mal bitte kurz weghören, aber dies ist tatsächlich eine andere Liga.

ESxSW, 23.11.2013, Komma, Esslingen

Foto: X-tof Hoyer

H.: Schade, dass ich den Freitag verpasst habe, aber den Festival-Sampler Von Heimat kann man hier nicht sprechen habe ich mir schnell noch eingepackt. „Ist Noise-Trash-Punk die Neue Esslinger Schule?“ Diese Frage hat JensOmatic angesichts dieses Tonträgers im Freien Radio diskutiert. Keine Ahnung, ob und zu welchem Ergebnis man kam, aber nach diesem Abend kann die Antwort eigentlich nur lauten: Ja. Und den Veranstaltern kann man nur eines zubrüllen: „D-A-N-K-E!“

Marrakech

Karies

Rocket Freudental

Human Abfall

Die Nerven

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