DIE GOLDENEN ZITRONEN, 10.11.2009, Schocken, Stuttgart

Die Goldenen Zitronen

Fotos: Steffen Schmid

Reid Anderson hat vor einigen Jahren den Ausspruch geprägt, Stuttgart sei „wie ein bequemer alter Pulli“.
Die Goldenen Zitronen aus Hamburg sind eigentlich kein Kleidungsstück, und wenn, dann ganz sicher kein Pulli. Eventuell ein Parka mit Aufnäher oder so Hausschuhe, die sich ganz vorne so nach oben krümmen.

Erstmal ein paar Fakten:
Hamburger Band, seit Mitte der 80er Jahre im Geschäft, anfangs rein spaßorientierte Gitarrenmusik mit deutschen Texten. 1990 dann der Bruch: Abschütteln des „dumpfen Teils des eigenen Fun-Punk-Publikums“, irgendwie ernsthaft werden. Es entstehen im Übergangsprozess die beiden sehr gelungenen Alben „Fuck you“ (1990) und „Punkrock“ (1991). Angekommen sind die Zitronen 1994 mit „Das bißchen Totschlag“, das deutlich den Weg der folgenden 15 Jahre weist: Elektronische Bestandteile nehmen zu, Gitarre-Bass-Schlagzeug-Standards ab. Gereimte Texte, melodiös gesungen werden weniger, Sprechgesang und Gesprochenes bestimmen die auch inhaltlich deutlich anspruchsvolleren und politischeren Stücke. Die Zitronen lösen sich von festgefahrenen Wegen und wollen unberechenbar sein.

Jetzt sind die Goldies im Schocken und haben ihr neues Album „Die Entstehung der Nacht“ mitgebracht, das gut in diese Tradition passt. Es ist gerammelt voll und heiß. Das Publikum ist bemerkenswert: Die Jahrgänge 1969 bis 1990 sind vertreten, Männer tragen Bart, Frauen kurze blondierte Haare und Piercings. Diese Menschen sind schwer greifbar, weil ordentlich verschroben. Es sind Indie-Indies, Meta-Indies. Sie sind zu alternativ, um alternativ zu sein. Postpostpunks. So eine stattliche Ansammlung dieser besonderen Spezies habe ich zuletzt im zwischenzeitlich abgerissenen AZ in Heidelberg gesehen.

Die Goldies sind zu sechst und tragen selbstgeschneiderte Kostüme aus hellem, seidig-schimmerndem Stoff mit dezenten Türkis- und Kirschtönen. Schorsch Kamerun im gewagten Kimono, die anderen mit Turban, gewaltigen Puffärmeln oder Fledermaus-Cape. Die Stücke der aktuellen Platte haben Kraft, müssen sich aber noch ein bisschen einspielen. Kamerun braucht Spickzettel für die umfangreichen Texte und wirkt allgemein etwas unbeholfen auf der Bühne. Mal reißt er unvermittelt beide Arme in die Luft und bewegt sie im Rhythmus der Musik. Mal wagt er einen Ausfallschritt und zeigt viel Bein.

Sie machen ihre Sache gut, fegen über die Bühne, wechseln häufig ihre Positionen und Instrumente und haben sichtlich Spaß. Zwei Schlagzeuger sind dabei, aber nur ein Schlagwerk. Da wird sich eben abgewechselt. Die Behäbigkeit des einen kontrastiert die Agilität des anderen. Hier sind ganz klar Sitzi und Flitzi am Werk.

Die Goldenen Zitronen können mitreißen. Besonders im direkten Kontakt mit dem Publikum wirken die Texte: leere Floskeln, unmenschliches, abstrahiertes Amtsdeutsch, unnötige Anglizismen und sinnentleertes Manager- und Politikerkauderwelsch („Die Menschen draußen im Land“, „Sachzwänge“) werden durch bloße Aufzählung und Nutzung außerhalb eines Kontextes der Lächerlichkeit preisgegeben. Das sensibilisiert für oberflächliches Angebervokabular und gefällt dem reclamheftchenlesenden, ergrauten Jung-Intellektuellen.
Und trotzdem besteht die Gefahr, dass die Texte dadurch zur gestelzt wirkenden Kunstform werden und der Zugang für den normalen Konsumenten erschwert oder gar verhindert wird. Der Vergleich mit einer sehr modernen Theaterinszenierung drängt sich auf. (Seit einigen Jahren ist Schorsch Kamerun übrigens auch als Theaterregisseur an großen deutschsprachigen Bühnen unterwegs.)

Eindeutige Stellungnahmen geben die Goldies auf der Bühne und das angepasste Bürgertum, diese zündelnden Biedermänner können sich warm anziehen. „80.000.000 Hooligans“, „Diese Menschen sind (halbwegs) ehrlich“ und „Wenn ich ein Turnschuh wär“ gehören sicherlich zu den Highlights des Abends.

Anderthalb Stunden und drei Zugaben später gehen die Postpostpunks nach Hause, um ihren Web2.0-Freunden von den Erlebnissen des Abends zu berichten. Aber hat sich da nicht ein Ohrwurm eingeschlichen? Eine zarte Melodie, getragen von zwei schrägen Blockflöten?

Wir verlassen die Erde / Als enttäuschte Herde
Wir verlassen die Erde / Auf dass sie schöner werde
Wir verlassen die Menschheit / Noch grad zur rechten Zeit
Wir verlassen die Staaten / Ohne Abzuwarten als gescheiterte Arten
Wir verlassen die Kugel / Als ein trauriges Rudel
Wir verlassen die Kugel / Wie begossene Pudel

Nein, ein Pulli sind die Goldenen Zitronen nicht. Sie sind noch immer unangepasst und gerade deswegen ein kleines bisschen berechenbar. Aber was wäre die Welt ohne ein kleines bisschen Verlässlichkeit?

Mehr Fotos von den Goldies gibt’s hier.

6 Gedanken zu „DIE GOLDENEN ZITRONEN, 10.11.2009, Schocken, Stuttgart

  • 11. November 2009 um 12:54
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    super geschrieben wieder lucas. lese ich nachher gleich nochmal.

  • 11. November 2009 um 13:47
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    für das Klauen von Indie-Indies (vorhin in der Kaffeeküche) verklag ich dich bis auf deine Unterhosen!

  • 11. November 2009 um 15:17
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    Ich schließe mich Cathrin an: gelesen.

    Und ich schließe mich Lino an: Lucas, Du Verschwender. Indie-Indies, Meta-Indies und Postpostpunks rausschleudern, als gäb´s so was im Duzent billiger… tssss.

  • 11. November 2009 um 15:19
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    Der Lucas kennt sich als Hamburger und Kumpel von Heinz Strunk natürlich bestens aus mit den Bands seiner Stadt.
    Keine Überraschung, dass „Turnschuh“ ein Highlight war – ein regelrechter Groover im Vergleich zum Großteil des Outputs der Band. Kam auch „0:30 Uhr gleiches Amiente“?
    Sehr lesenswert, Lucas sollte per Exlusiv-Knebel-Vertrag immer die deutschen Bands (insbesondere die aus Hamburg) machen müssen.
    Ich mache aber trotzdem gern mal die aus Stuttgart – ja genau DIE einen, die ganz Schlimmen Ekligen…

  • 11. November 2009 um 15:24
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    @bertramprimus: so hab ich’s gar nicht gesehen, stimmt aber. Und beim nächsten Bericht dann hat’s plötzlich keine geilen Neologismen mehr, und dann?

    @Toxic: Lucas hat mich schon immer in vielem an den von Beust erinnert…kleiner homophober Spaß!

  • 13. November 2009 um 12:12
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    so, gerade nochmal gelesen, immer noch toll. und unter den links verbergen sich ja voll lustige sachen, ohhh! wie adventskalender. machen wie eigentlich ein gigblog adventskalender? best-of nuller jahre oder sowas? love

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