PLACEBO, 09.11.2009, Schleyerhalle, Stuttgart

Placebo

Fotos: Steffen Schmid

Kaum zwei Minuten auf der Bühne ist Brian Molko schon wieder knietief in seinem Element. Er singt von „God Shaped Holes“, von Schweinereien, dunklem Zeug, Einsamkeit und Co.. Kurz: Spitzentyp, der irgendwie immer den Anschein macht, als sei gerade eben etwas passiert, das die Polizei oder katholische Pfarrer offiziell überhaupt nicht gutheißen würden – selbst wenn er lebensfrohe Zeilen wie „We can build a new tomorrow, today“ singt. Muss man auch erstmal können.

Über den Daumen gepeilte 4500 Leute freuen sich völlig zu Recht über Placebo, die stilbewussten Alternativrocker, die auch ordentlich was von Pop, Rock, Indie und Goth verstehen. Und nur wer serienmäßig so viel Coolness ausstrahlt, kann unbehelligt Zeilen singen wie „No one cares when you’re down In the gutter, got no friends, got no lover“. Bon JoviThe XX oder Manowar würde dies vollends das Genick brechen. Brian Molko nicht. Der tritt das sogar noch genüsslich aus.

Noch eine „Mädcheninfo“ am Rande: Molko war beim Friseur und sieht nicht mehr aus wie ein Schmalspur-Zuhälter aus Recklinghausen oder Weilimdorf. Äh, Genau. Ja. Nämlich.

Ihre letzte Platte „Battle For The Sun“ mögen Placebo. Sehr sogar. Zumindest spielen sie wahnsinnig viele Lieder davon.  „For What it’s Worth“ macht den Anfang, „Ashtray Heart“ und „Battle For The Sun“ folgen Flatz auf Batz. „Breathe Underwater“, „The Never-Ending Why“ sind ebenso chefmäßig geschnürte Pakete. Saulaut, mit Schmackes und all den schönen Melodien, die man so leicht mitpfeifen kann, wenn man sich schlecht fühlt oder mal eben aus purem Trotz eine Großstadt niederbrennen will.

„There is no law we must obey, so please don’t let them have their way, don’t give in to yesterday“, singt Molko und hört sich an wie einer, der da keinen Spaß verstehen würde.  „Speak In Tongues“ oder „Julien“ schinden Eindruck. Besonders dank Fiona Brice, Bill Lloyd und Nick Gavrilovic, den drei tapferen Mitstreitern, die Placebo mittlerweile allen Platz der Welt zuzüglich den Rücken zum Posing freihalten.  Bassist Stefan Olsdal nutzt das besonders und strahlt dabei fast heller als die eigens aufgebauten Videoleinwände und die spitzenmäßige Lichtshow. Auch ein Riesentyp. „Erinnert mich an den Typen von Rosenstolz„, kichert meine charmante Begleitung.

Ein Kerl im T-Shirt einer norwegischen Blackmetalband wippt locker mit. Solche Leute verirren sich nicht einfach so auf ein Placebo-Konzert. Schließlich ist das eine dieser Bands, vor der viele Metaller oft Angst haben. Angst, sie könnten schwul werden oder vom Nachbar gesehen werden, wie sie „Every you Every Me“ mitsingen. Das wiederum spielen Placebo mit dem Bums einer Band, die auch in Wacken keine Gefangenen nehmen würde. Schlaue Blackmetalfans wissen das.

Steven Forrest, der Neue am Placebo-Schlagzeug schlägt sich auch bestens. Würde man ihm die Haut abziehen, könnte man da auch eine lustige Decke draus machen. Wäre natürlich eine fiese Nummer so was. Unnötig und illegal auch – ganz zu schweigen davon, dass dies auch moralisch unterste Schublade wäre.  Denn großflächig tättowierte Schlagzeuger sind prinzipiell eine gute Sache: Die haben keine Angst vor Schmerzen und packen auch mal  dementsprechend zu bei der Arbeit. Forrest auch. Der holt aus wie ein Irrer und schlägt noch irrer auf sein Schlagzeug ein. Man sieht’s leider nur und hört es kaum. Und so fehlt ab und an, äh, die Peitsche, die Placebos Lieder oft so unwiderstehlich machen.

Bescheidwisser behaupten oft, dass die Schleyerhalle daran schuld sei. Ich glaube aber nicht, dass Hallen so etwas tun. Gebäude können keine Peitschen klauen. Geht nicht. Weil Placebo aber säckeweise gute Lieder geschrieben haben, müssen sie sich weder auf Druckwellen, noch auf Peitschen verlassen. Rammstein sind wahrscheinlich sehr neidisch auf so was.

Das eigentlich kantige „Because I Want You“ reichen Placebo derweil als glattgebürsteten Lagerfeuerrock – eigenwillig aber nicht schlecht. Was Molko, Olsdal und Forrest dann allerdings mit dem grandiosen „20 Years“ veranstalten ist eine Schande: Hüftsteifer Dorfdisco-Rockbeat, liebloses Einerlei, biologisch abbaubarer Stumpfsinn, leidenschaftslos. Als ich zur Schmerzlinderung eine Zigarette anmache, winkt mich ein sehr großer Security zu sich. Er trägt Kopfhörer und hat vermutlich deshalb nicht mitbekommen, was Placebo gerade ihrem eigenen Lied angetan haben.

„Kippe aus! Und wenn ich dich noch mal sehe, fliegst du raus“
„Wie ’noch mal sehe‘?“
„Beim Rauchen, Mann“
„Achso“

„Follow The Cops Back Home“ oder „Song to Say Goodbye“ entschädigen aber für das Gewaltverbrechen. Da treten Placebo bockstark ihren besten Trick aus: sexy Unbehagen.  Das macht keiner besser als Molko, Olsdal, Forrest und die drei Mitstreiter. „Bitter End“ gibt’s mit ordentlich Krach, Bambule und Rabatz. Und auf der Zielgeraden fällt wieder auf wie schön es ist, Molko beim Meckern und Näseln zuzuhören:  „Someone call an Ambuläääähhhäähnnnnz“. Großes Minigolf. „Taste in Men“ entwickelt sich dann doch zum fiesen Monster aus Feedback und sich überschlagenden Basswellen. Tsunamimäßig. Nur irgendwie geiler. Nach 100 Minuten sind Placebo wieder weg. Schade eigentlich. Jetzt waren wir gerade alle in Molkos Element.

Mehr Fotos von Placebo gibt’s hier.

4 Gedanken zu „PLACEBO, 09.11.2009, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 11. November 2009 um 13:11
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    Selten so eine amüsante Konzertkritik gelesen!

  • 19. November 2009 um 11:11
    Permalink

    “Wie ‘noch mal sehe’?”

    Sehr schön geschrieben

  • 21. November 2009 um 20:14
    Permalink

    Wirklich gut geschrieben, trifft meiner Meinung nach auch so zu! Tja, wir werden leider alle nicht jünger. Aber trotzdem schön war´s doch allemal. Freu mich auf´s nächste mal wenn Placebo wieder mal in Stuttgart sind. Waren das wirklich 4500 Leute?

  • 22. November 2009 um 16:28
    Permalink

    Hahaha, sehr amüsant, das.

    Securitymenschen sind einfach überall gleich, welch Freude.

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